19/12/2013
Der Hirschberger Gnadenkirchhof hat sich in einen würdigen Ort der Besinnung und des Gedenkens zurückverwandelt
Noch in diesem Monat wird das im Jahr 2010 begonnene deutsch-polnische Projekt der „Restaurierung der barocken Grufthäuser in Jelenia Góra als Beitrag zum Schutz des europäischen Kulturerbes“ abgeschlossen werden. Lead-Partner des Projekts war die Stadt Jelenia Góra, unterstützt wurde sie vom Verein zur Pflege Schlesischer Kunst und Kultur (VSK) als Projektpartner. 85 % der etwa zwei Millionen Euro Projektkosten steuerte die Europäische Union aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung im Rahmen des Operationellen Programm der grenzübergreifenden Zusammenarbeit Sachsen – Polen 2007-2013 bei. 15 % stammten aus dem Budget der Stadt Jelenia Góra. Mit dem Abschluss der Instandsetzung der 18 barocken Grufthäuser der Hirschberger Kaufmannschaft der Schleierherren sowie der Restaurierung der entlang der Friedhofsmauer erhaltenen Epitaphien ist ein weiterer wichtiger Schritt getan, das erhaltene Kulturerbe der Stadt zu sichern und zu bewahren und mit seiner Hilfe allen Besuchern Jelenia Góras ein überaus interessantes Kapitel der Stadtgeschichte zu erschließen. Einige weitere historische Epitaphien und Elemente sepulkraler Kunst aus Niederschlesien – die meisten vom nicht mehr vorhandenen Hirschberger Heilig-Geist-Friedhof – wurden ebenfalls auf den Gnadenfriedhof gebracht, um hier einen angemessenen und würdigen Platz zu erhalten.
Besonders das 18. Jahrhundert, aus dem die meisten Denkmäler des Gnadenfriedhofs stammen, hat der Stadt am Fuße des Riesengebirges und ihrem Umland mit seiner vorindustriellen Leinen- und Schleierherstellung eine außerordentliche wirtschaftliche Blüte gebracht. Die engen Beziehungen zu den europäischen Handelsstädten ermöglichten Hirschberg Kontakte in alle Welt. Der ehemalige evangelische Gnadenfriedhof der Stadt Hirschberg bietet mit seinen alten Inschriften, Monumenten und Lebensgeschichten der hier zur Ruhe Gebetteten einen einzigartigen Anknüpfungspunkt an die Geschichte Hirschbergs und des Hirschberger Tals, über welche sich in vielen Museen, Archiven und Bibliotheken erfreulicher Weise bis heute eine reiche Überlieferung erhalten hat.
Am 1. November 2013 wird zum Abschluss des Projekts im Hirschberger Regionalbildungs- und Informationszentrum der Riesengebirgsbibliothek (Jeleniogórskie Centrum Informacji i Edukacji Regionalnej Książnica Karkonoska) in der ul. Bankowej 27 in Jelenia Góra eine deutsch-polnische Konferenz stattfinden, bei der vorab in zwei Vorträgen über die kultur- und kunsthistorische Bedeutung des Gnadenfriedhofs informiert wird, um dann seine kunstvollen Monumente vor Ort selbst in Augenschein zu nehmen. Dort wird zudem ein kleiner digitaler Infokiosk aufgestellt werden, der dauerhaft über die Geschichte des Friedhofs und der hier Ruhenden informiert. Im Grufthaus Nr. 15 wird vermutlich schon ab November die schöne Nachbildung des einstigen barocken schmiedeeisernen Portalgitters zu sehen sein, die der Nachfahre der Kaufmannsfamilie Gottfried-Hess und Eigentümer des Schlosshotels Wernersdorf/Pakoszów, Dr. Hagen-Georg Hartmann, unter Beteiligung des VSK gestiftet und vor Ort hat schmieden lassen – zugleich ein Kunstwerk zeitgenössischer regionaler Handwerkskunst.
Der Keim zur Entstehung des Gnadenfriedhofs liegt in der Kaiser Joseph I. von König Karl XII. von Schweden 1707 abgetrotzten Altranstädter Konvention. Die evangelischen Hirschberger erhielten die Erlaubnis, in ihrer Stadt eine eigene „Gnadenkirche“, ein ev. Gymnasium und einen eigenen Friedhof zu errichten. Am 16. Januar 1710 wurde auf dem neuen evangelischen Gottesacker zum Kreuz Christi der erste Leichnam begraben. Die Verstorbene war Anna Maria Köhler, Gattin des Arztes, Dr. George Gottlieb Köhler von Mohrenfeld (Grufthaus Nr. 8). Der neue Gnadenfriedhof wurde in seiner Anlage von vornherein als parkähnliche Umrahmung auf die in der Mitte entstehende Gnadenkirche hin ausgerichtet. Es sollte nicht nur ein bloßer Begräbnisplatz, sondern im barocken Sinne auch ein friedvoller Ort der Trauer, Ruhe und Besinnung entstehen. Hier konnte der Vergänglichkeit alles Irdischen und der Verheißung des ewigen Lebens gedacht werden. Etwa von 1715 bis 1775 entstanden entlang der Friedhofsmauer die prachtvollen Grufthäuser der Hirschberger Kaufmannschaft, die die Gnadenkirche malerisch umrahmen. Kunsthistoriker Günther Grundmann beschrieb die Anlage wie folgt: „Wenn man die durch die Wege erreichte Aufteilung in Gräberfelder betrachtet, so erkennt man unschwer den Gedanken, strahlenförmig von den Hauptausgängen der Kirche aus den Blick über den Gottesacker führen zu wollen. … Alle diese Wege münden auf den Umgang, an dem die Grabkapellen liegen …“
Der Gnadenkirchhof in Hirschberg hat wegen seiner einzigartigen parkähnlichen Anlage von seiner Entstehung im Jahr 1710 an bis heute stets auch viele auswärtige Besucher angezogen. Die Gäste Hirschbergs versäumten es nicht, neben den anderen zahlreichen Sehenswürdigkeiten der Stadt auch dem Gnadenfriedhof mit seinen kostbaren Grufthäusern und Grabmälern einen Besuch abzustatten. Flanierende Spaziergänger prägten so seit eh und je neben den an den Gräbern ihrer Lieben trauernden und gedenkenden Hirschbergern das tägliche Erscheinungsbild dieses Friedhofs. Hirschberger wie auswärtige Besucher genossen die geruhsame, inspirierende Atmosphäre. Die Grufthäuser der Schleierherren entlang der Umfriedungsmauer umrahmen das schöne Bild von Gnadenkirche und den von Bäumen gesäumten Wegen. Die Grufthäuser und die entlang der Friedhofsmauer und an den Kirchwänden erhaltenen Epitaphien bezeugen bis heute, dass es sich bei dieser schönen Anlage, die noch heute an einen Park erinnert und auch so genutzt wird, eigentlich um einen Friedhof handelt. Nach Abschluss der Sanierungsmaßnahmen hat der Gnadenfriedhof nun seine alte Würde wiedergefunden.