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Zur Jahreslosung 2020

Die Erfolgsgeschichte des Homo sapiens verdanken wir der kognitiven Revolution, die vor rund 70.000 Jahren begann und vor etwa 30.000 Jahren endete. In diesem Zeitraum entstanden neue Denk- und Kommunikationsformen im menschlichen Gehirn. Seitdem besitzen wir Menschen die Fähigkeiten, große Mengen an Information über die Umwelt weiterzugeben, große Mengen an Information über soziale Beziehungen zu kommunizieren und große Mengen an Information über Dinge zu kommunizieren, die gar nicht existieren, zum Beispiel Stammesgeister, Nationen, Aktiengesellschaften und Menschenrechte. Dazu kam die enorme Verbesserung der Fähigkeit, mit großen Gruppen von wildfremden Menschen zusammenarbeiten zu können. (nach Yuval Noah Harari, Eine kurze Geschichte der Menschheit) Die Fähigkeit zur Abstraktion, unsere Vorstellungskraft unterscheidet uns von allen anderen Tieren. Wir sind in der Lage, uns alles Mögliche vorzustellen. Vorstellungen und Bilder haben eine unwahrscheinliche Macht. Oft wird diese Macht leider dazu missbraucht, über andere Menschen zu herrschen. Vor allem da, wo wir es mit Dingen zu tun bekommen, die zunächst mal nicht zu erklären sind, sind Menschen ganz schnell mit Vorstellungen und Bildern parat, um diese Dinge irgendwie doch zu erklären oder sich einfach nur eine Begründung auszudenken. So konnten sich die Menschen zur Zeit Jesu zum Beispiel nicht erklären, warum ein Junge, der damals im Nordwesten Israels am Mittelmeer lebte, immer wieder so komische Anfälle bekam, die wir heute mit den Symptomen einer Epilepsie-Erkrankung in Verbindung bringen. Für die Menschen damals war ganz schnell klar: Der muss von einem bösen Geist besessen sein! Und sofort laufen auch heute noch die Bilder niveaulosester Exorzismus-Gruselfilme in unserem Kopfkino ab. So ist das: Wenn Menschen für etwas keine Erklärung finden, dann erklären sie es sich selbst. Und komischerweise sind den Menschen an der Stelle scheinbar immer diejenigen Erklärungen die liebsten, die irgendwas mit Zauber, Magie und Übernatürlichkeit zu tun haben. Der Evangelist Markus erzählt, wie Jesus diesem bösen Geist gebietet, aus dem Jungen auszufahren und nicht mehr in ihn zu fahren. Und plötzlich schien es, als sei gar nichts mehr mit dem Jungen los. Doch Jesus ergriff seine Hand und richtete ihn auf. Alle Umstehenden staunen natürlich: Jesus, ein Exorzist? Warum kann der das und wir nicht? Hat das womöglich mit unserem mangelnden Glauben an Gott zu tun? Jesus antwortet: Das funktioniert nur durch Beten. Dabei wird vorher mit keiner Silbe von Markus erwähnt, dass Jesus im Zusammenhang seines sich um den Jungen Kümmerns gebetet hätte. (Bitte lesen Sie, bitte lies die Geschichte gerne einmal selbst in der Bibel nach! Neues Testament, Markusevangelium, Kapitel 9, Verse 14 bis 29) Aber was soll das denn jetzt heißen? Ich muss einfach nur beten, dann kann ich böse Geister austreiben und andere Menschen von schlimmen Krankheiten heilen? Ich finde diese Vorstellung fatal. Der Umkehrschluss bedeutet ja: Wenn eine Heilung ausbleibt, habe ich nicht genug oder nicht richtig gebetet oder nicht genug geglaubt. Ich glaube nicht an Gott als einen großen Magier, der alles Leid der Welt verhindern kann oder sogar absichtlich Menschen Lasten auferlegt oder ihnen irgendwelche Lebensprüfungen an den Hals schickt. Das meiste Leid in der Welt ist von Menschen gemacht, die über andere Menschen Macht haben möchten und deren Gier nicht zu stoppen ist. Und oft üben sie Macht über Andere aus, indem sie ihnen Angst machen. Und gerne benutzen sie auch unerklärliches Leid, um ihre vermeintlichen Erklärungen an den Mann oder die Frau zu bringen. Solch ein Verhalten finde ich verwerflich. Und doch gibt es die schlimmen Dinge, die uns passieren, die wir uns einfach nicht erklären können. Aber warum an der Stelle die Frage nach Gott als Verantwortlichem? Steckt dahinter vielleicht der Gedanke: Wenn ich schon nicht den weltlichen Machthabern was entgegen zu setzen habe, dann pinkel ich halt dieser übernatürlichen Macht ans Bein? Irgendeinen Schuldigen braucht es ja immer. Nehme ich halt Gott. Der könnte es ja verhindern, tut es aber nicht. Schlussfolgerung: Gott macht seinen Job schlecht, drehe ich ihm halt den Rücken zu. Ich meine, wer solch ein Bild von Gott hat, kann nur an ihm verzweifeln. Ich glaube an Gott als die Liebe. Ich vertraue der Macht der Liebe. Die Liebe hat immer allem Leid etwas entgegenzusetzen. Die Liebe äußert sich aber wesentlich in den Beziehungen zwischen Menschen, und die Rollen des oder der Liebenden und des oder der Geliebten wechseln dabei ständig. Und ständig muss ich mich fragen: Bin ich gerade der, der Liebe braucht? Oder bin ich der, an dem es gerade ist, jemand Anderem Liebe zu geben? Und dieses Nachdenken bedeutet für mich Gebet. Die Liebe an sich ist immer da. Ich muss mich ihr nur öffnen, dann wirkt sie, wie ein Wunder. Das ist nichts Übernatürliches, aber etwas Wunderbares. Die Liebe kann nicht Leid verhindern oder Krankheit heilen, aber sie kann helfen, besser damit umzugehen. Die Liebe kann Hände reichen, wo Menschen hinfallen oder am Leben zu verzweifeln drohen. Wer liebt, der glaubt. Und wer glaubt, der liebt. Vergiss, was früher unerklärlich war! Erkläre besser, was wir von früher nicht vergessen dürfen: Dass das Herz auch Sitz des Verstandes war! Sich seines Verstandes zu bedienen, bedeutet zu lieben, Gott, die Welt, den anderen Menschen. Das ist wahrer Glaube. Das ist echt. Zwei Seelen in meiner Brust: Die eine sagt: „Ich glaube.“ Die andere sagt: „Hilf meinem Unglauben!“ Möge es uns im neuen Jahr gelingen, uns auf die Eine zu besinnen und die Andere zu überwinden. Tun wir ab, was Unglaube ist, unwahr und unmöglich, und vertrauen wir der Macht der Liebe! Die ist nicht ausgedacht, sondern wirklich. Viel Freude im neuen Jahr 2020!

Jan Fragner