20/06/2022
"Draußen vor den Toren" - Missionale 2022 in Köln
7 Thesen zu Mission
Heute konnte ich bei der Missionale in Köln eine Bibelarbeit zu 2. Kön 7 (Die Aussätzigen verkünden dem belagerten Samaria die Befreiung) und Joh 4 (Jesus und die samaritanische Frau am Brunnen) halten. Zwei anregende Texte, bei denen das wesentliche draußen vor den Toren passiert. Kompliment an Christoph Nötzel, Tanja Hoffmann, Simone Enthöfer und das ganze Team für die sehr kompetente und engagierte Planung und Durchführung.
Hier meine sieben Abschluss-Thesen mit missionarischen Impulsen aus den beiden Texten.
1. „Die Mitte der Kirche ist außen.“
Für die Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus spielen die Orte draußen, vor den Toren der Stadt, extra muros eine zentrale Rolle.
Weil Christus als notorischer Grenzgänger selbst draußen gelebt und gelitten hat und auferstand.
Eine Kirche, die in ihren eigenen Mauern bleibt, ist nicht bei sich selbst.
Das Wichtigste geschieht an den Rändern.
Was wir brauchen, ist eine „umgestülpte Kirche“: alle Bänke nach draußen, damit Menschen auf den Marktplätzen sitzen können und um drinnen Raum für andere Begegnungen zu schaffen.
2. „Für die Weitergabe des Glaubens braucht es Brunnenkompetenz – die Fähigkeit, der anderen an ihrem Ort offen, liebevoll zu begegnen, Grenzen sensibel wahrzunehmen und sie zugleich heilsam zu überwinden.“
Bei der Begegnung mit der oder dem anderen am Brunnen braucht es Feinfühligkeit und den Mut, die rechten Fragen zur rechten Zeit zu stellen. Das, woran wir als Kirche m.E. am meisten leidet, ist ein Kontaktverlust: zu Gott, sich selbst und den anderen.
Am Brunnen geht es um den eigenen Durst und den der anderen, darum, dass ich meinen Mitmenschen wahrnehme, ihn um Wasser, Hilfe bitte und ihm welches anbiete, und darum, dass wir einander in der Hitze des Tages nicht alleine lassen.
3. „Wo der Glaube beginnt, endet die Moral.“
Ein Problem in der Kirche ist unsere Mainstream-Haftigkeit.
Ob Demokratie, Gleichberechtigung der Frauen, Homosexuelle: Hinterher haben wir es immer vorher gewusst.
Der Satz, wie wichtig Glaube für die Werte unserer Gesellschaft ist, ist daher nur die halbe Wahrheit.
Glaube ist in hohem Maße amoralisch und steht quer zum wohlgeordneten Putzplan unseres bürgerlichen Lebens.
4. „Do you know your people? Do you love your people?“
Wir sind als Christinnen und Christen gut darin, mit Zöllnern, Sündern und zwielichtigen Gestalten umzugehen – zumindest in der Theorie. In der Praxis ist das mit der unbedingten Annahme schwieriger.
Mutter Theresa hat die Frage geistlichen, missionarischen Wirkens einmal auf die zwei einfachen Sätze gebracht. „Do you know your people? Do you love your people?“
5. „Missionarisch leben heißt ein Quellmensch zu werden, ein Mensch, von dem für andere ein Strom lebendigen Wassers ausgeht.“
Welche Antwort haben wir auf den konkreten, leiblichen Hunger der Welt wie auf den geistlichen Durst nach Leben? Diakonie und Frömmigkeit, liebende Tat und ehrliche Rede – für die Weitergabe des Evangeliums von Jesus Christus spielt von jeher die Verbindung von beiden eine zentrale Rolle.
6. „Glaube lässt sich nie machen, sondern ist eine Geschenk Gottes.“
Mission darf andere nie zum Objekt, nie bedrängen. Weil es eine Unverfügbarkeit des Geistes Wirken gibt. Es kann immer nur darum gehen, dass durch den Geist der andere selbst zum Subjekt seines Glaubens wird.
Es gilt den Witz des Evangeliums zu erzählen, einfach weil er gut ist. Und darauf zu vertrauen, dass die Pointe zündet. Es ist eine Geschichte, die man einfach nicht für sich behalten kann: wie die Entdeckung des Messias am Brunnen oder die plötzliche Flucht des feindlichen Heeres.
7. „Glauben heißt, die Unbegreiflichkeit Gottes ein Leben lang auszuhalten.“ (Karl Rahner)
Missverstehen und Zweifel sind der Normalfall, nicht die Ausnahme. Nicht nur die samaritanische Frau, sondern eben auch die Jünger begreifen Christus in der Regel nicht. Auch als Christinnen und Christen krabbeln wir jeden Tat neu aus der Taufe, fangen immer wieder neu vom Anfang an.
Doch zum Glück haben wir einen Gott, der die Fenster am Himmel öffnet, wenn wir am wenigsten damit rechnen. Wunder sind Gottes Spezialität. Gott sei Dank.