04/09/2026
In meinem Leben habe ich schon viele Prüfungen abgelegt: Abitur, Führerschein, Examen. Aber vielleicht steht mir die größte Prüfung noch bevor. In einem Buch habe ich gelesen: „Das Altwerden habe ich mir leichter vorgestellt. Heute glaube ich, dass es das schwerste Examen ist, das Gott uns zumutet.“ Ich finde: Da steckt viel Wahrheit drin.
Altwerden ist nicht leicht. Ich merke das an mir selbst. Mit Anfang Sechzig lassen meine Kräfte langsam nach. Ich werde schneller müde. Meine Augen brauchen eine Brille. Das alles macht mir bewusst, dass meine Zeit begrenzt ist. Ich weiß: Der größere Teil meines Lebens liegt schon hinter mir. Träume, die ich einmal hatte, werden sich vielleicht nicht mehr erfüllen. Möglichkeiten schwinden. Altwerden bedeutet auch, die eigenen Grenzen zu akzeptieren.
Kein Wunder, dass manche Menschen mit aller Kraft dagegen ankämpfen. Sie möchten jünger aussehen, als sie sind. Sie färben ihre Haare, lassen Falten behandeln oder reden nur noch von den vergangenen Zeiten. Ich kann das verstehen. Wer wird schon gerne an die eigene Vergänglichkeit erinnert?
In unserer Gesellschaft gilt Jugend oft als Ideal. In der Bibel dagegen ist hohes Alter keineswegs das Ende der Geschichte. Im Gegenteil. Für einige biblische Gestalten fängt im hohen Alter noch etwas Besonderes an. Abraham hat schon etliche Jahrzehnte auf dem Buckel, als Gott ihn auf einen neuen Weg schickt. Mose war auch schon deutlich über die Lebensmitte hinaus, als Gott ihn beauftragt hat, sein Volk aus der Sklaverei Ägyptens in die Freiheit zu führen. Diese Geschichten machen mir Mut. Sie zeigen: Für Gott ist ein Mensch in keinem Alter überflüssig. Natürlich setzt das Alter Grenzen. Aber Gottes Möglichkeiten enden nicht dort, wo meine Möglichkeiten enden. Viele ältere Menschen entdecken gerade im Alter neue Formen des Glaubens, der Gelassenheit und der Weisheit. Sie werden zu Ermutigern für andere. Sie schenken Zeit, Erfahrung und Lebenserkenntnis. Sie finden neue Berufungen.
Deshalb möchte ich das Altwerden nicht nur als Verlust betrachten. Es ist auch eine Lebensphase, in der Gott mir nahe sein will. Eine Zeit, in der er mich weiterhin gebraucht und begleitet.
/ Axel Ebert mit „Berufung im Alter“ in den SWR4 Abendgedanken