06/06/2026
Predigt zum 10. Sonntag im Jahreskreis A, 2026 (Kreisdechant Peter Lenfers)
Am Donnerstag haben wir in der Josefkirche Fronleichnam gefeiert – ein Gottesdienst, der von vielen mitgetragen wurde: Trotz unsicherer Wetterlage ein buntes Bild von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, von Messdienerinnen und Messdienern, liturgischen Diensten, Projektchor und Bannerabordnungen. Menschen verschiedenster Couleur waren um einen Tisch versammelt, um den einen Tisch.
Fronleichnam ist für viele heute ein eher sperriges, für manche sogar ein etwas abstruses Fest. Der Gottesdienst selbst war wie eine Katechese darüber, was uns dieses Fest erschließen kann und worum es in unserem Glauben geht: Dass der Himmel über uns eben nicht verschlossen ist, dass dieser Himmel in Jesus ein so menschliches Gesicht bekommen hat. Dass dieser Jesus uns in seine Gemeinschaft ruft und uns an seinem Tisch versammelt, dass er uns stärkt im Mahl der Liebe und uns hinaussendet in die Welt – um genau dort den Himmel zu erden, wo wir leben und arbeiten, lachen und feiern, trauern und leiden, glauben und hoffen.
Beim Blick in die feiernde Gemeinde habe ich sehr unterschiedliche Menschen wahrgenommen, vom Säugling bis zum Greis. Kinder, die das ganze Leben noch vor sich haben, Jugendliche, die sich engagieren und Pläne für ihr Leben schmieden, Ehepaare, die seit Jahren miteinander unterwegs sind oder auch gerade ein Jubiläum gefeiert haben, Alleinstehende, Verwitwete, Geschiedene, Wiederverheiratete, Menschen mit so manchem Knick in ihrer Biographie oder auch schweren Brüchen, Frohgemute ebenso wie Bedrückte. Alles Menschen, die ihre ganze so verschiedene Lebensgeschichte mitbringen und das, was sie im Augenblick beschäftigt. Und alle versammeln sie sich um den Tisch, den uns Jesus deckt.
Ja, genau so könnte es sein, habe ich gedacht. So einfach könnte es sein. So sollte es sein.
Zum Friedensgebet wollte ich deshalb ganz bewusst die zerrissene Lage unserer Welt hereinholen und vor Gott bringen.
Da brach mir – gerade im Kontrast zu dem bunten Bild in der Kirche – die Stimme weg.
Wie könnte es sein, wenn Menschen sich verbündeten, statt sich zu bekriegen.
Wie könnte es sein, wenn Menschen Gemeinschaft suchten, statt sich abzugrenzen.
Wie könnte es sein, wenn Menschen miteinander teilten, statt für sich zu gieren und zu raffen.
Bei allem, was kompliziert ist in unserer Welt: wie einfach könnte es im Grunde sein.
Damit bin ich mitten im Evangelium heute. Da ist von einem Mahl die Rede. Von einer bunten Tischgemeinschaft. Von einer zwielichtigen noch dazu. Da wird erzählt, mit wem Jesus alles Gemeinschaft hat, wen er um sich versammelt.
Matthäus ist ein Kollaborateur der Römer – und damit ein Gemiedener, ein Geächteter vielleicht. Welche Faszination muss von Jesus ausgegangen sein, dass er sofort aufsteht und mitgeht. Vielleicht traf der Ruf Jesu aber auch auf eine innere Unruhe in ihm, auf die Frage nach dem Sinn seines Lebens, auf eine tiefe Sehnsucht, angenommen und heil zu sein.
Matthäus wird vom Gerufenen zum Gastgeber. Er wird zu dem, was sein Name bedeutet: „Geschenk Gottes“. Er empfängt – und er gibt.
Dann sind da noch die anderen: viele Zöllner und Sünder. Menschen, die eine Schuldgeschichte mit sich tragen, die vielleicht ganz schwere Lasten mit sich schleppen, die sich verrannt haben, die heftig vom Weg abgekommen sind. Auch sie finden Platz beim gemeinsamen Mahl.
Und dann sind da noch die Pharisäer, die religiöse High-Society jener Zeit. Sie echauffieren sich und rümpfen die Nase: „Wie kann euer Meister mit Zöllnern und Sündern essen?“
Jesus konfrontiert sie mit dem Zitat aus dem Buch Hosea, das wir in der Lesung gehört haben:
„Liebe will ich, nicht Schlachtopfer, Gotteserkenntnis statt Brandopfer.“
Es war wohl schon immer die Versuchung der religiösen Oberschicht, einzuteilen und Grenzen zu ziehen, Bedingungen zu definieren und auszuschließen: von Gemeinschaft, von Ämtern, vom gemeinsamen Mahl. Wo die Macht ist, gab es wohl schon immer die Attitüde zu glauben, den Willen Gottes genau zu kennen. „Deus vult – Gott will es.“
Doch Gott will das nicht. Nicht so. Anders!
Das gilt nicht nur für die Zeit Jesu. Das gilt auch heute.
Uns steht es nicht zu, zu urteilen: „Richtet nicht, damit ihr nicht selbst gerichtet werdet“. Ohne Zuwendung, Verständnis, Hilfsbereitschaft, Versöhnung, ohne Liebe ist unser ganzer Gottesdienst nichts wert. Die Mahlgemeinschaft, die Jesus anbietet, steht allen offen. Allen.
Das Urteilen haben wir allenfalls Gott zu überlassen. Wir sehen, dass er nicht richtet und aburteilt, sondern aufrichtet und heilt.
Jesus pflegt Gastfreundschaft mit allen. Er gibt niemanden preis.
Das ist der Impuls für uns heute, uns auf Augenhöhe als gleichwertige Geschöpfe zu begegnen.
„Wir haben kein Monopol auf Christus“, sagt der tschechische Religionssoziologe und Priester Thomas Halik. Will sagen: es ist nicht unsere Zuständigkeit zu definieren, von wo bis wo Glaube und Kirche geht, wer dazu gehört und wer nicht. Der Glaube ist immer größer als die Kirche.
Die Berufung des Matthäus erzählt deshalb sehr eindrücklich, wie existenziell das Wort Jesu einen Menschen treffen kann, der vermeintlich draußen steht. Auch wenn dieser Ruf wie aus heiterem Himmel zu kommen scheint, wird er wohl auch auf eine Offenheit getroffen sein,
die Matthäus in sich trug.
Welch schöne, aufrichtende und heilende Botschaft, dass Matthäus eingeladen und willkommen ist mit seinem Leben, mit seiner Geschichte, mit all dem Fragmentarischen, das ihn ausmacht.
Das erdet den Himmel auf heilsame Weise. Auch für die anderen in dieser Geschichte.
„Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer.“
Es geht nicht um Werke. Schon gar nicht um Werkgerechtigkeit. Es geht um Liebe.
Und die dürfen wir geben. Die dürfen wir empfangen.
In der Bandbreite unseres eigenen Lebens, mit all dem Schönen und Gelungenen, mit all dem Bruchstückhaften und Gescheiterten, mit unseren Schattenseiten und mit unserer Sehnsucht.
In der bunten Verschiedenheit der Gemeinde blitzte am Donnerstag ein wenig davon auf.
Ja, so könnte es sein. So sollte es sein.
Das erdet den Himmel – auch für uns.