01/04/2020
Ohnmacht
Ohnmacht. Ich lese bei Wikipedia nach:
„Gefühl von Hilflosigkeit und mangelnden Einflussmöglichkeiten im Verhältnis zu etwa den eigenen Wünschen, subjektiv angenommenen und objektiven Notwendigkeiten oder dem Überlebenswillen. Ohnmachtsgefühle können mit Angst, Wut und Frustration einhergehen.“
Ich lese auch von Kontrollverlust und Stress
und denke: Ja, irgendwie trifft es die Situation
bei mir, ich nehme an – bei vielen
und ahne – auch als Grundgefühl in unserer Gesellschaft.
War der Begriff Globalisierung bisher weitestgehend mit weitverzweigten, multinationalen Wirtschafts- und Finanzströmen verbunden,
wird es einem jetzt unheimlich.
China ist nicht weit weg,
und ob ich zum Skifahren in Italien oder Tirol war,
entscheidet nicht abschließend über meine gesundheitliche Unversehrtheit.
Irgendwie wird sich der Virus schon in mein Lebensumfeld einschleichen.
Ich lese bei Wikipedia weiter:
„Nach Erich Fromm neigt der ‚bürgerliche Mensch‘ dazu, Ohnmachtsgefühle auf verschiedene Weise zu kompensieren:
durch Ergreifen eines Berufes mit einer Machtposition,
durch Anschaffung eines Haustieres, über das Macht ausgeübt werden kann,
durch Machtausübung über den (Ehe)-Partner oder die eigenen Kinder,
allgemein durch die Machtausübung über Schwächere.“
Ich stutze – und muss sehr bald auch schmunzeln.
Den Machtausübenden als Ohnmächtigen zu sehen, finde ich spannend.
Ich schaue zurück und denke an schwierige Phasen in Beruf und Privatleben.
Was hat mir geholfen, was nur Kraft vergeudet?
Das Spiel, wer denn nun der Stärkere sei, war es jedenfalls nicht,
was mich weitergebracht hat.
Wohl eher das innere Anhalten, der Verzicht auf das „Wie du mir so ich dir“,
und das nicht als fatalistische Schicksalsergebenheit,
als gefügige Annahme der Opferrolle.
Anhalten vielmehr als Moment der Orientierung.
Was ist es eigentlich genau, was mir Angst macht?
Und ist das Angstmachende wirklich so groß, wie es im ersten Augenblick scheint?
Ich denke an Herrn Tur Tur in „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“,
den Scheinriesen, der desto größer scheint, je weiter man sich von ihm entfernt. Nur wer sich ganz nah an ihn heranwagt, erkennt, dass er genauso groß ist wie jeder normale Mensch. Weil sich das aber niemand traut, ist Herr Tur Tur sehr einsam.
Mehr als eine lustige Kindergeschichte aus der Augsburger Puppenkiste.
Einladung, Ermutigung vielmehr, der Angst in die Augen zu schauen,
der Situation den Schrecken zu nehmen,
vielleicht sogar im Gegenüber ein „armes Würstchen“ zu erblicken.
Es gab auch Situationen, in denen das nicht half.
Aber auch da. Anhalten als Moment der Orientierung.
Jetzt aber zum Umschauen.
Gibt es Auswege, Umwege, der Situation zu entgehen?
Gibt es Handlungsalternativen?
Sprich, gibt es Fähigkeiten, Möglichkeiten in mir selbst,
die ich vor lauter Angst völlig übersehen habe?
Der Ohnmacht ihre Macht über mich nehmen.
Ihr in die Augen schauen,
den eigenen Fähigkeiten nachspüren
und – mindestens genauso wichtig –
sie ins Wort bringen,
sie mit vertrauten Menschen besprechen;
nicht allein mit der Angst bleiben.
Das Wort von „geteiltem Leid und doppelter Freude“
lässt sich auch auf die Ohnmacht anwenden, wie ich finde.
Ebenso „Gemeinsam sind wir stark.“
Wenn uns das als Einzelne, als Gesellschaft gelänge –,
den Einsatz wäre es wert.
Ich schau natürlich auch als Glaubender drauf.
Hat Jesus dies nicht auch seinen Jüngern gelehrt?
Den Weg der Liebe zu wagen und nicht den der Gewalt?
Sich nicht durch äußere Ereignisse das eigene Denken und Handeln diktieren zu lassen?
Sich eine innere Freiheit zu bewahren?
So jedenfalls lese ich die Seligpreisungen.
Und folgere in diesen Tagen:
Als Einzelner und als Gesellschaft, als Konsument im Supermarkt oder als Entscheidungsträger im Krisenstab
den Ball flach halten,
besonnen und ruhig bleiben, aber nicht blauäugig sein.
Das tun, was jetzt dran ist,
und schon jetzt Strategien entwickeln.
Nicht passiv abwarten, aber auch nicht in Panik alles umstoßen.
„Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein.“ (Mt 5,12)
Und ich glaube: Nicht erst im Himmel!
Ich wage noch einem weiteren Gedanken.
Was feiern wir eigentlich in den Kar- und Ostertagen
und überhaupt in jeder Eucharistie? –
Einen machtvollen Gott, der sich in Ohnmacht begibt;
einen, der mit Liebe den Tod besiegt;
einen, der uns zugesagt hat, immer bei uns zu sein.
Ihm vertraue ich mich und uns auch in dieser Zeit an.
Ihr
Gerhard Pieper