20/05/2026
Die Hand von der Mauer nehmen
Nacht für Nacht liegen wir im Bett und denken schon an den nächsten Morgen. Was müssen wir erledigen? Was hätte ich heute anders machen sollen? Unser Kopf macht ständig Pläne, obwohl der Körper schlafen will. Und wenn wir aufstehen, ist der Kopf schon wieder am Planen. Da ist noch ein Gespräch, das ich nochmal durchgehen möchte. Eine E-Mail, die ich noch bearbeiten muss. Die Sorge, dass meine Kinder sich nicht gut entwickeln. Wir haben das Gefühl, immer einen Schritt vorausschauen zu müssen. Ich muss noch, ich muss noch planen. Wir nennen das Verantwortung. Wir sagen, jemand muss es doch machen. Wenn wir es nicht machen, wer sonst?
Diese ständige Planung, diese ständige Kontrolle sorgt dafür, dass wir angespannt sind. Im Hinterkopf hast du das Gefühl: Wenn ich das nicht mache, bricht alles zusammen. Wenn wir nicht aufpassen, könnte etwas passieren. Wenn wir loslassen, könnte eine Katastrophe eintreten. Und egal wo du bist, ob im Urlaub, ob du nachts im Bett liegst oder beim Spaziergang bist, du bist am Kontrollieren.
Aber das Leben kommt, wie es kommt. Die Kinder wachsen, wie sie wollen. Sie lassen sich nicht formen. Im Garten kommt das Unkraut wieder, obwohl du es jede Woche herausziehst. Es wächst, wie es will. Krankheiten kündigen sich nicht vorher an und sagen: „Hallo, wir kommen jetzt zu dir." Sie machen keinen Termin mit dir, sie kommen einfach so. Und die Menschen verändern sich einfach so. Die Freunde sind nicht mehr so, wie sie einmal waren.
Und deshalb versuchen wir, noch mehr in den Griff zu bekommen. Doch je mehr du alles lenken möchtest, desto erschöpfter bist du. Es fühlt sich so an, als würdest du eine Mauer halten. Wenn du nicht hältst, fällt diese Mauer zusammen. Vielleicht müssen wir nur lernen, die Hand von dieser Mauer wegzunehmen, um zu sehen: Nichts fällt zusammen. Es bleibt, wie es ist. Was zusammenfällt, ist deine Unsicherheit, jene Sicherheit, die wir ständig als Mauer aufbauen, um sie festzuhalten und unser Leben abzusichern. Und je mehr du das tust, desto anstrengender wird es.
Wenn wir still werden und nicht mehr kontrollieren, wird der Geist leiser, die Unsicherheit ruhiger. Dann merkst du: Die Ängste, die Probleme kommen nicht von außen. Sie entstehen in dir selbst, in deinem Bewusstsein. Es ist nicht die Welt da draußen, sondern deine Angst, nicht vollkommen genug zu sein. Wenn du nicht vollkommen bist, hast du Angst, versagt zu haben. Und dieses Gefühl ist eine starke Bedrohung: „Ich habe in meinem Leben versagt."
Wer anfängt, sich selbst wirklich zu beobachten, merkt schnell, dass wir in einer Schleife feststecken. Die Ursachen dafür kommen nicht von außen. Wir sehen nur die Symptome: die Sorge, das Versagen, die Angst. Aber in Wirklichkeit liegt die Ursache woanders. Der Buddha sagt, du wirst von vielen Energien getragen: der Energie deines Karma, der Energie deiner Vorfahren, der Energie des Landes, in dem du aufgewachsen bist. Es sind so viele Einflüsse, die da wirken. Du kannst nicht alles kontrollieren. All diese Ströme lassen sich nicht von dir regulieren.
Das zu sehen ist sehr ermutigend. Es macht uns vielleicht nicht sofort zufrieden, aber du wirst merken: Du bist kein Fehler. Du bist nicht derjenige, der seine Kinder in den Abgrund führt. Du bist nicht derjenige, der seine Kinder nicht genug begleitet hat. Du bist nicht derjenige, der sich nicht genug um seine Familie kümmert. Und du bist nicht derjenige, der herzlos ist und seinen Bruder einfach stehen lässt. Da wirken noch viel mehr Strömungen.
Wenn du den Mut hast, dahin zu schauen und zu sehen, dass viele Strömungen unser Leben beeinflussen und verändern, verstehst du, dass die Bedingungen für eine Situation, einen Konflikt, ein Problem viel tiefer liegen. Es liegt nicht nur an dir. Je mehr wir die bedingte Entstehung (Paṭiccasamuppāda) verstehen, desto klarer wird: Du bist nicht das Problem. Wir werden entspannter. Die Bedingungen zu verstehen heißt zu akzeptieren, dass manche Dinge ihren eigenen Weg gehen.
Was du tun kannst, ist, deinen eigenen Boden heilsam zu gestalten. Ein heilsames Karma möglich zu machen, ein Herz zu öffnen, das das Leben umarmt und annimmt. Das ist die Bedingung, die du hier und jetzt schaffen kannst. Und so verändert sich das Leben Stück für Stück. Nicht so, wie du es dir wünschst, sondern so, dass jeder frei ist, seinen eigenen Traum hat, seine eigene Erfahrung machen darf. Die Menschen dürfen hinfallen, die Menschen dürfen wieder aufstehen. Du bist nicht der Fehler.
Mögen alle Menschen lernen: Freiheit liegt nicht darin, dass wir alles ausprobieren, dass wir alles erleben. Freiheit liegt darin, dass wir auch lernen loszulassen, freizulassen, Raum zu geben. Mögen wir auch die Weisheit haben, diesen Raum zu nutzen und die Freiheit anzunehmen. Und mögen wir daraus ein Wachstum für uns möglich werden lassen. Mögen alle Menschen glücklich sein. Mögen alle Menschen frei vom Leid sein.
Thay Thien Son, 18.05.26