07/09/2026
Ein echtes Ja und ein echtes Nein
Wir haben gelernt, Ja zum Leben zu sagen, um bei uns zu bleiben, um uns selbst Raum zu geben, um uns dem Leben zu öffnen und es zu umarmen. Aber wir haben auch das Nein gelernt, um Grenzen zu setzen, um klare Linien zu ziehen, um mehr auf uns zu achten. Beides hat man uns beigebracht. Beides klingt richtig. Beides gilt als reif.
Aber woher sollen wir wissen, in welchen Momenten wir uns wofür entscheiden? Was ist gerade richtig und stimmig?
Manchmal öffnest du dich dem Leben nicht, weil du wirklich bereit bist, sondern weil du etwas in dir nicht spüren willst. Und manchmal kommt das Nein sehr schnell, damit du in Ruhe gelassen wirst.
Du erkennst es vielleicht daran, wenn dein Ja aus der Unruhe kommt und nicht aus der Ruhe. Wenn dein Ja aus der Unsicherheit kommt und nicht aus der Sicherheit. Es hält keine Pause aus. Wenn du innehältst, wird dieser Drang lauter statt leiser. Du nennst es dann Offenheit, Mut, Leben, Freude. Aber oft ist es nur Flucht mit offenen Armen. Du rennst dem Leben entgegen, damit du dich selbst nicht einholen musst.
Und manchmal setzt du eine Grenze nicht, weil du bei dir bleiben willst, sondern weil du dich vor etwas schützt, das dich berühren würde. Etwas, das weh tun könnte, wenn du es zulässt. Ein Schmerz würde aufkommen, wenn du dafür bereit wärst.
Du erkennst es daran, wenn deinem Nein keine Rechtfertigung folgt. Dein Nein ist die Entspannung. Du erkennst es daran, wenn dein Nein dir mehr Ruhe gibt. Nach dem Aussprechen fühlst du dich klar. Du musst dich nicht zurückziehen. Du bleibst bei dir.
Die Wahrheit ist einfach. Ein echtes Ja und ein echtes Nein fühlen sich am Ende gleich an. Beide bringen dich näher zu dir selbst. Beide machen dich weit, nicht eng. Ablenkung und Flucht dagegen fühlen sich untereinander eher unruhig an. Beide bringen dich weg von dir, auch wenn das eine wie ein Aufbruch wirkt und das andere wie ein Rückzug.
Die äußere Form täuscht dich. Entscheidend ist nicht, ob du dich bewegst oder stehen bleibst, sondern wohin es dich dabei innerlich trägt.
Wenn du wissen willst, welche Stimme gerade mit dir spricht, die des Lebens oder die der Vermeidung, dann halte kurz in dir inne, bevor du handelst. Wird der Impuls dabei leiser oder lauter, unsicherer oder ruhiger? Und frage dich ganz ehrlich: Was müsste ich fühlen, wenn ich jetzt genau das Gegenteil täte? Die Antwort darauf kennst du meistens schon. Du musst nur lange genug zuhören und bei dir bleiben.
Mögen wir stetig die innere Stabilität haben, um in jedem Augenblick klar für uns und für unser Leben zu entscheiden.
Mögen alle Menschen glücklich sein. Mögen alle Menschen frei von Leid sein.
Thay Thien Son, 07.09.26