27/10/2024
Auszüge der Ansprache von Britta Stegmeier, 20.10.2024
Bild 1: […] Der Strömungskanal im Schwimmbad macht es augenfällig: Mitschwimmen im allgemeinen Strudel ist meist nicht das Problem. Wenn alle in dieselbe Richtung gedrückt sind und das Gefühl haben, auf der richtigen Welle mitzugleiten, dann fühlt es sich gut und richtig an, sich der Strömung hinzugeben. Im Strömungskanal des Alltags ist das ähnlich. Wenn alle alles gleichtun, fällt man nicht auf und eckt nicht an. Da kann man in der Masse verschwinden, auch mal abtauchen. […]
Ich glaube es gibt Kontexte, Fragestellungen, Situationen: die sind wirklich so überschaubar, so einfach abzustecken, so wenig von mir und meinem Denken, Handeln, Leben und Tun abhängig, dass ich mich getrost der Strömung hingeben kann. Da gleite ich im Mainstream bis zum nächsten Beckenrand. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. […]
Bild 2: Die Haltung […] So wie es Kontexte und Situationen gibt, in denen ich getrost, mitschwimmen kann, gibt es ebenso Momente, in denen meine Haltung gefragt ist. Dann heißt es, gegen den Strom zu schwimmen.
Und damit sind wir bei des Pudels Kern angekommen.
In einer Kirche, in deren Orgelkammer die Weiße Rose ein Flugblatt postfertig gemacht, ist über das Thema „Gegen den Strom schwimmen“ ein nicht zu übersehendes Ausrufezeichen gesetzt.
Widerstand ist wohl die radikalste Form des gegen-den-Strom-Schwimmens. Besonders in jenem dunklen Kapitel unserer Geschichte, in dem Mitläufertum mehr war als bloße Selbstvergessenheit und Widerstand nichts weniger war als die Gefahr für Leib und Leben. Und ich will hier die eine entscheidende Frage nur anklingen lassen, die wir uns alle selbst stellen müssen und auf die es heute wahrscheinlich keine echte Antwort mehr geben kann: auf welcher Seite wärst du gelaufen? Auf der Seite der Vielen – der Masse – da draußen, oder wärst du in der Orgel gesessen in jener Nacht?
3. Bild: Die Quelle […]
Jesus war, ist anders. Seine Art zu leben, zu sprechen, zu denken, zu lieben. Sein Sinn vom Leben, sein Auftrag, sein Lebensstil waren anders. Seine Richtung im Leben war anders.
Gott ist anders, anders in diesem Jesus. Ein ungewöhnlicher, verrückter Gott, der Mensch wird, der diesem Jesus Woher und Wohin, Richtung ist. Verrückt, anders ist der Weg, den Jesus ging und geht: Hineingeboren in eine abgelegene Krippe, genagelt ans Kreuz, verlassen im Garten Gethsemane, wandernd ohne Platz für sein Haupt, Rast machend am Tisch mit Ausgegrenzten, lebendig in der Gemeinschaft von Sündern. Ein Weg gegen den Strom? Gegen die gewöhnlichen Bilder von Gott und den Menschen.
Ungewöhnlich, was Jesus tat und sagte: Kranke hat er geheilt, Stummen Worte geschenkt, den Tod überwunden. Ungewöhnlich waren seine Worte, irgendwie Worte gegen den Strich, gegen den Strom: Er ist angeeckt, hat die Schriften des Alten Bundes anders ausgelegt, hat von seinem barmherzigen Vater erzählt, hat nicht die Erfüllung von Hunderten Geboten und Gesetzen verlangt, sondern das Hauptgebot der Liebe betont, das eigentlich schon immer das Erste und Wichtigste war. Das eigentlich immer noch das Erste und Wichtigste ist.
In einem Lied heißt es: "Gott ist nur Liebe. Wagt für die Liebe alles zu geben. Gott ist nur Liebe. Gebt euch ohne Furcht."
Das klingt nach Wagnis und Einsatz und Hingabe für das, was wichtig ist im Glauben und im Leben. […]