Evangelische Kirchengemeinde Traben-Trarbach

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04/07/2023

KIRCHENEINTRITT

Kirchen sind Inseln. Ausatmen, aufatmen, entspannen, zu sich kommen, sich finden, wiederfinden.

Was macht das Besondere an Kirchen aus?
Vielleicht, dass sie das Leben kennen, durch und durch, in allen
Facetten, Höhen und Tiefen. Wie ein Mensch, dem man nichts erklären muss, weil er das Leben kennt, alles.
Keine Fragen, keine Rechtfertigung, kein Urteilen.
Ein Mensch wie eine Insel. Seine Gegenwart reicht, um sich in Momenten gerettet zu fühlen.

Etwas davon empfinde ich oft, wenn ich eine Kirche betrete. Gerade wenn ich dort alleine bin, spüre ich, dass sie voller Leben ist, voller Lebensgeschichten, voller Gebete, geflüsterter oder unausgesprochener Worte, denen Menschen oft nur hier Raum und Zeit schenken. Ich setze mich und spüre, dass ich hier
nichts erklären muss. Die Stille der Kirche ist wie das Schweigen eines guten, weisen Menschen, der alles kennt. So viel Leben, geborgen unter dem alten Gewölbe, aufbewahrt in den Steinen, Klage- und Glücksmauern.

Ich denke an die Kirche unserer Gemeinde.
Wie viel geteiltes Leben in nur einer Woche:
Am Dienstag nehmen wir Abschied von einer jungen Mutter.
Am Samstag feiern wir die Liebe zweier Menschen.
Am Sonntag Konfirmation, Aufbruch ins Leben.

Schmerz und Glück, Leiden und Liebe, Tränen und Lachen -
alles hat hier Platz. Zu fast allem, was ich in meinem
Leben erfahre, gibt es Geschichten anderer Menschen,
manche viele Jahrhunderte alt. Nie bin ich in der Kirche
allein. Auch und gerade, wenn sonst niemand da ist.

Das spüre ich. Das suchen viele Menschen, die eine Kirche
betreten, ganz allein. Das erleben Menschen manchmal
ganz unvermittelt in der Kirche. Aufgehoben mit meinem
Leben im Leben vieler, gerade auch mit dem, was ich
kaum ausspreche und hier auch nicht aussprechen muss.

Ich werde einfach empfangen. Vom Leben empfangen.
Von Gott empfangen. Ich darf sein. Wie eine Insel. Gerettet.
Ausatmen, aufatmen, entspannen, zu mir kommen, mich
finden, wiederfinden.

Kircheneintritt.

J.-W.Henrich, ev. Pfr. in Tr.-Tr.

12/06/2023

DER DUFT DER LIEBE

Gleich werde ich zwei Menschen in unserer Kirche trauen. Ich freue mich darauf.
Schon in unseren Gesprächen habe ich die beiden ins Herz geschlossen.
Ich nehme eine neue Bibel aus dem Regal.
Mit einer kleinen Widmung und dem Trauspruch werde ich sie später dem Brautpaar in der Kirche überreichen.
Kaum habe ich die dünne Kuntstofffolie an einer Stelle geöffnet, strömt mir dieser besondere Duft eines neuen Buches ein. Frisch bedrucktes Papier - unwillkürlich führe ich das Buch ganz dicht an mein Gesicht und atme diesen Duft ein, den ich so mag. Dann muss ich lächeln. Es wird nicht lang dauern, bis dieses Papier eine andere Note verströmen wird. Denn die beiden sind starke Raucher. Sollte die Bibel einen Platz im Wohnzimmerschrank bekommen, was ich mir sehr wünsche, dann wird sie lernen müssen, mit den beiden zu inhalieren. Bald wird jede der dünnen Seiten etwas vom Duft der Menschen verströmen, mit denen sie das Zimmer, die Gewohnheiten, das Leben teilt. Doch gerade die Note des erkalteten Tabakrauchs wird dieses Buch zur unverkennbar eigenen Bibel dieser beiden Menschen machen. Und in ihrem Inneren wird sie immer den Segensspruch für die Liebe der beiden aufbewahren und bereithalten.

Für mich eine sehr schöne Vorstellung: Gott läßt sich ganz und gar auf unser Leben ein. Mit allem, was uns ausmacht, all unseren Eigenarten, Eigenheiten und Gewohnheiten.

Welchen Duft Gott wohl mag? Seit Menschen Gott verehren, stellen sie sich immer mal wieder diese Frage. Weihrauch, Myrrhe, den zarten Hauch der Lilien oder den berauschenden Duft kostbarer Öle?
Vielleicht mag Gott auch einfach den Duft des Lebens. Vielleicht freut sich Gott besonders an den Düften, die unser Leben in sich tragen. Düfte, mit denen er unser unverstelltes, alltägliches Leben einatmet. Diesen ganz ehrlichen Duft des Lebens eben, so, wie es ist, so, wie wir sind. Ganz besonders mag Gott den Duft der Liebe. Ob auch er dann für einen Moment die Augen schließt und lächelt?
Ich bin sicher, Gott wird diese Traubibel in dem kleinen Regal des niedrigen Wohnzimmers, das sich so oft mit dem Rauch des Tabaks der beiden füllt , vor allem aber mit deren Liebe , bald in sein Herz schließen.
So wie die beiden Menschen einen Platz im Herzen Gottes haben und behalten werden.

J.-W.Henrich

30/04/2023

Ellenbogengesellschaft?
Von wegen!


Eine Ostergeschichte

Ich muss diese Geschichte einfach erzählen! Sie ist zu rührend und zu schön, zu ermutigend und zu hoffnungsvoll, um sie nicht weiterzureichen.
Es ist eine Ostergeschichte. Und mindestens seit 2000 Jahren darf man Ostergeschichten nicht mehr verschweigen. Denn seitdem wissen wir, in ihnen lebt Gott und schenkt Gott Leben.

Ich treffe eine ehemalige Konfirmandin. Wir beide freuen uns, uns wiederzusehen.
Längst ist sie eine junge, schöne Frau. Sie hat ihr Studium abgeschlossen, bald verdient sie ihr erstes Geld.

Ich muss Ihnen etwas erzählen, das wird Sie freuen.

Lächelnd und von einem ganz besonderen Glück berührt, erzählt sie.

Ich stehe in der Schlange vor der Kasse. Vor mir ein Mann, der vielleicht im Moment keine Arbeit hat. Er ist allein. Doch in seinem Einkaufswagen sammelt sich all das, womit man Kindern eine Freude machen möchte. Eigentlich ein bisschen zu teuer dafür, dass es kalorienreich, aber wenig nahrhaft ist. Doch das zählt nicht, das verstehe ich. Er hat es nur zur Freude gekauft.
Vielleicht kommen seine Kinder seit Langem mal wieder zu ihm.
Ein paar bunte Schoko- und Joghurtpackungen - ich staune, wie schnell sich in meinem Kopf die Lebensgeschichte eines Menschen entfaltet.
Die Reihe kommt an ihn. Keine seiner vielen Kreditkarten wird akzeptiert. In seinem auffallend großen Geldbeutel findet sich nur Kleingeld. Er wird immer nervöser, verlegener, beginnt, in
sich zusammenzusinken. Unruhe macht sich in der Schlange breit, die Kassiererin blickt ihn erwartungsvoll drängend an.
Ich konnte nicht anders. Ohne lang zu übelegen, höre ich mich sagen: Ich übernehme das!
Eine routinierte, doch plötzlich ganz verunsicherte Frau an der Kasse. Verwunderte, staunende Blicke. Vielleicht hier und da auch etwas Bestaunendes.
Vor allem aber ein Mann, der sich langsam wieder aufrichtet.
Sein Blick ließ mich ahnen, wozu ihm die Worte noch fehlten.
Wenige Tage später hatte ich meinen ersten Lohn auf dem Konto. Ich hätte nicht gedacht, dass Geld so glücklich machen kann - mich und andere.

J.-W.Henrich

03/03/2023

DIE LIEBE HÖRT NIEMALS AUF

Er wartet vor dem Aufzug. Im dritten Stock hat sein Arzt die Praxis.
In den nächsten 24 Stunden wird er ein Gerät zur Aufzeichnung des EKGs tragen.
Aus dem Aufzug tritt eine Frau, lächelt ihn an und sagt:"Mit Ihnen wäre ich auch noch mal nach oben gefahren."
Sie ist Mitte vierzig, er fast neunzig. Sie haben sich vorher nie gesehen und werden sich wohl kaum noch einmal begegnen. Das wissen beide.
Vielleicht gerade darum dieses spontane Geschenk so schöner Worte.
Einfach so, aus dem Bauch heraus, gibt sie diesem alten Mann etwas mit, das ihn den ganzen Tag mit dem Gefühl stillen, warmen Glücks erfüllt.

Was hätte wohl der Arzt am nächsten Tag gesagt, hätte das Elektrokardiogramm schon diesen "Ausreiser" festgehalten? Vielleicht: "Hm, bedenklich, da gerät für einen Moment aber alles aus dm Takt!" Und der alte Mann: "Bedenklich, nein, wunderschön war dieser Moment! Ich freue mich, dass mein Herz noch so jugendlich reagiert!"

Wie gut, dass sich das Leben nicht in Kurven und Diagramme pressen läßt.

Denn das Schönste spiegelt dieses medizinische Gerät als Notfall: Glücksmomente, Augenblicke, in denen das Herz vor Freude ein bisschen aus dem Takt gerät.

Vielleicht sollten wir solche Kurven manchmal nicht zu ernst nehmen.

Die Liebe hört niemals auf (1.Kor.13,8), schreibt Paulus.

Und sie hört nie auf, so bunt und vielgestaltig zu sein wie das Leben selbst - auch mit neunzig.

Dieser kurze, liebevolle Moment zwischen dieser jungen Frau und dem älteren Mann - wie ein Bonbon, das man (früher) ganz spontan einem Kind schenkte, weil es einen anlächelte.

Manchmal reicht nur ein kurzer, wunderschöner Augenblick aus, um zu spüren, dass Gott in jeden liebevollen Moment ein Stückchen Ewigkeit legt.

J.-W.Henrich

21/01/2023

MENSCH SEIN

Was macht uns eigentlich zu Menschen?
Vielleicht liegt es in der Eigenart des Jahresanfangs, uns diese
elementaren Fragen zu stellen.
Vielleicht sind es aber auch die furchtbaren Kriegsbilder des vergangenen Jahres, die vielen Bilder der Unmenschlichkeit, die uns drängen, den Menschen zu suchen, die Menschlichkeit, das Humane in uns und der Welt.

Was macht uns zu Menschen?
Unser Bewußtsein?
Unsere Gedankenschärfe?
Unser Erfindungsreichtum?
Unser Forschen?
Unser Glaube an das Gute?

Ganz sicher, all das sind Attribute des Menschseins.
Doch vielleicht müssen wir unsere Gedanken gar nicht
so weit ausschweifen lassen. Vielleicht liegt ein Geheimnis
unseres Menschsein manchmal darin, das Naheliegende
zu sehen und zu tun.

Unsere Tochter erzählt uns:
"Ich stehe in der Fußgängerzone, um mich herum drei
Männer des Ordnungsamtes. Sie behandeln mich wie
eine Verbrecherin. Ich bin in der Fußgängerzone Fahrrad
gefahren. Ich fühle mich so klein vor ihnen und bin so
wütend, dass ich mit den Tränen kämpfe. Sie sehen nicht
mich, sondern eine Ordnungswidrigkeit. Auf einmal steht
eine Frau neben mir: "Ich bin ihre Freundin," sagt sie zu
den Männern. Sie bleibt die ganze Zeit neben mir.
Wie hat diese Frau zu mir gefunden? Wie konnte jemand
meine verzweifelte Ohnmacht in dieser geschäftigen
Fußgängerzone sehen? Wer konnte sehen, dass ich jetzt
genau eine Frau wie diese brauche?"

Das Naheliegende im wahrsten Sinne, oft ist es genau
das, was uns zu Menschen macht. Das Naheliegende
sehen und tun. Die Unmenschlichkeit durchbrechen,
einem Menschen die Menschlichkeit wiedergeben,
oft geschieht es einfach im Naheliegenden. Nicht im Kopf beginnt
unser Menschsein, sondern auf der Strasse. Nicht unser
Wissen, unser Sehen und Wahrnehmen macht uns zu
Menschen. Menschsein, wo uns das Leben dazu drängt.
Menschsein, wo uns das Leben dazu auffordert. Vor allem
aber Menschsein, wo uns das Leben dazu einlädt.

Menschsein ist sehen, einander sehen, das Leben
sehen, schon die kleinen Unmenschlichkeiten sehen.

"Du bist ein Gott, der mich sieht" (Gen. 16,13),
der Bibelvers, der über diesem Jahr steht. Ob darin
das tiefste Geheimnis unseres Menschseins liegt?
Gott sieht mich. Gott blickt mich an als Mensch.
Der Gott, der Mensch ist, läßt mich Mensch werden.
Ich sehe, weil Gott mich sieht. Du bist ein Mensch,
den Gott sieht. Manchmal ist Menschsein ganz
leicht. Und wenn wir es sind, ist es wunderschön.

Die Erfüllung. Wir kommen bei uns selbst an.
Eine Welt, die in diesem Jahr wieder mehr zu sich
findet, Gott schenke es und gebe uns allen die Kraft dazu.

J.-W.Henrich, ev. Pfr. in Tr.-Tr. und Wolf

02/01/2023

"DU BIST EIN GOTT, DER MICH SIEHT." (Genesis 16,13)

Gedanken zur Jahreslosung 2023 von Lea Henrich

Wer bist du- wenn es nur dich gibt?
Nur du- wer ist das?
Wer bist du ohne deine Pläne?
Wer bist du ohne dein Zuhause?
Wer bist du ohne Menschen um dich?
Nur du- wer ist das?

Wer bist du ohne perfektes Aussehen?
Wer bist du ohne deine Vergangenheit und ohne deine Zukunft?
Wer bist du ohne deine Sozialisation
Ohne deine Gewohnheiten
Ohne deine gesellschaftliche Prägung
Ohne deine Kultur
Ohne deine Herkunft?
Nur du- wer ist das?

Warum kenne ich dich nicht?
Warum kenne ich mich nicht
Ohne Pläne
Ohne zu erzählen, was ich gemacht habe und woher ich komme
Warum kenne ich mich dann plötzlich nicht mehr?

Du bist ein Gott, der mich sieht.
Ja, vielleicht bist du Gott, weil nur du mich sehen kannst.
Ohne meine Pläne
Ohne meine Herkunft
Ohne meine Vergangenheit und Zukunft
Vielleicht bist du Gott, weil du das alles nicht sehen musst
Weil du siehst, wer ich wirklich bin.

Ich stehe während einer langen Radtour mitten in der Natur – ich habe mich verfahren.
Es ist heiß, mein Wasser ist schon lange leer, das Geschäft im letzten Dorf hat Mittagspause gemacht, ein paar Minuten bevor ich angekommen bin. Ich sehe die Hitze flimmern, ich spüre, wie trocken und salzig meine Lippen sind. Schon seit Stunden und Tagen bin ich unterwegs. Weit und breit sehe ich nur Feld. Kein Radweg. Keine Häuser. Keine Menschen. Kein Wasser. Mir kommen die Tränen. Ich bin ganz allein, mitten in der Natur, mitten in der Hitze, mitten in meiner schwindenden Energie.

Ich weiß nicht, woher ich die Kraft nehme, Richtung Horizont zu fahren. Ich fahre einfach. Und plötzlich sehe ich ein Schild- mit meinem Zielort. Ich sehe auch eine Stadt in der Ferne, in der es mehr Möglichkeiten gibt, Wasser aufzufüllen, als ich trinken kann.

War ich nicht eben noch allein?
Mitten in der Natur?
Mitten in der Hitze?
Mitten in meinen Tränen?
Du bist ein Gott, der mich sieht.

Ich stehe in der Fußgängerzone, um mich herum drei Männer des Ordnungsamtes. Sie behandeln mich wie eine Verbrecherin. Ich bin in der Fußgängerzone Fahrrad gefahren.
Auch diesmal kämpfe ich mit den Tränen. Ich fühle mich so klein vor ihnen und bin so wütend. Sie sehen mich nicht, sondern eine Ordnungsregel.
Auf einmal steht eine Frau neben mir: „Ich bin ihre Freundin“, sagt sie zu den Männern. Sie bleibt die ganze Zeit neben mir.

Wie hat diese Frau zu mir gefunden?
Wie konnte jemand meine verzweifelte Ohnmacht in dieser geschäftigen Fußgängerzone sehen?
Wer konnte sehen, dass ich jetzt genau eine Frau wie diese brauche?

Du bist ein Gott, der mich sieht.
Du siehst mich wenn ich denke, mich sieht keiner.
Du siehst mich wenn ich denke, mich versteht keiner.
Du siehst mich in Momenten, in denen ich keine Taten zeigen kann.
Du siehst mich in Momenten, in denen ich keine Pläne vostellen kann.
Du siehst mich in Momenten, in denen meine Vergangenheit und meine Zukunft keine Rolle spielen.
Du bist ein Gott, der mich sieht.
Du siehst, wer ich wirklich bin.
Du siehst, was ich wirklich fühle.
Du siehst mich in Momenten, in denen ich denke es lohnt sich nicht.
Du siehst mich in Momenten, in denen ich denke, mein Denken und Handeln macht keinen Unterschied.
Du bist ein Gott, der mich sieht.
Für dich macht es einen Unterschied –
Ob wir meiden oder teilen
Ob wir gehen oder stehen
Ob wir uns empören oder zuhören
Ob wir verzeihen oder entzweien
Ob wir schlichten oder vernichten
Ob wir aufleben oder aufgeben
Ob wir leiden oder scheinen.

Wer bist du ohne deine Pläne?
Wer bist du ohne dein Zuhause?
Wer bist du ohne Menschen um dich?
Wer bist du ohne perfektes Aussehen?
Wer bist du ohne deine Vergangenheit und ohne deine Zukunft?
Wer bist du ohne deine Sozialisation
Ohne deine Gewohnheiten
Ohne deine gesellschaftliche Prägung
Ohne deine Kultur
Ohne deine Herkunft?

Du bist ein Mensch, den Gott sieht.

11/12/2022

Nichts Neues

"Ach, es gibt gar nicht Neues! Alles in Ordnung, Gott sei Dank!"
Nach meiner Antwort blicke ich in sein Gesicht. Er wirkt fast
enttäuscht. Nichts Neues, das klingt viel zu unaufgeregt, fast langweilig.

Worüber soll man reden, wenn es nichts Neues gibt?

Doch muss es immer etwas Neues geben, damit wir Anteil aneinander nehmen, aufmerksam bleiben, zugewandt?

In dieser Woche ist mir noch einmal bewusst geworden, wie schön es ist, wenn es einen Ort im Leben gibt, an dem nichts Neues geschieht, alles

Vertraute bleibt. Ein Geschenk!

Ich besuche meine mittlerweile alten Eltern. Je näher ich komme, umso stärker empfinde ich dieses warme, tiefe Gefühl, ich fahre und komme gleich nach Hause. Auf der Höhe liegt Schnee, wie früher als Kind, denke ich.
Mein Vater hat das Tor schon geöffnet, ich rolle auf den Hof.
Kein anderes Schloss klingt, keine andere Tür öffnet sich so, wie die Tür zu Hause. Die schöne, warme Küche, das Feuer im Kachelofen, der Duft eines vertrauten Essens, ein kleines Festessen mitten in der Woche, einfach, weil wir zusammen sind. Alle lächeln, wie immer, wenn ich nach Hause komme. Auch in unseren Gesprächen überwiegt das Vertraute.
Wie schön, denke und empfinde ich, dass es nichts Neues gibt. Nichts, das sich über das Vertraute erhebt, es erdrückt. Welch ein Geschenk ist es, nach Hause zu kommen und zu spüren, es gibt nichts Neues, alles ist wie immer.

Ist es nicht auch das, was ein Zuhause ausmacht?
Nichts Neues - sich einfach niederlassen dürfen, hinsetzen mit allem, was man denkt und fühlt und an Leben gerade mitbringt.
Sich wärmen und wärmen lassen von all dem Vertrauten innen und außen, das sich gefühlt noch nie im Leben verändert hat.

Lebt für viele Menschen nicht gerade die Advents-und Weihnachtszeit von dem Gefühl: Es gibt nichts Neues, alles ist wie immer?

Gerade in diesen Wochen suchen viele nicht unbedingt das Neue, sondern das Vertraute, das, das sie von innen her wärmt - wie die Bank am Kachelofen.
Für diese Sehnsucht sind der weihnachtliche Stall und die Krippe sehr schöne Bilder. Und im Tiefsten ist es vielleicht sogar die Sehnsucht nach Gott. Denn für Gott behält jeder Mensch ein "Ich-bin- Zuhause-Gefühl", davon bin ich überzeugt.

01/10/2022

AUFGABEN

Eigentlich hören die Aufgaben im Leben nie auf, oder?
Natürlich verändern sie sich, doch sie sind und bleiben Teil unseres Lebens. Die schwierigsten Aufgaben sind oft die, die man ganz alleine trägt und bewältigt.
Das ganz Persönliche, das man mit niemandem teilen kann oder möchte. Manchmal stehen wir vor große Aufgaben, doch viel häufiger sind es die vielen kleinen, alltäglichen Aufgaben, die es zu bewältigen gilt.
Ab und zu fragt man sich, schaff ich das, bin ich dem gewachsen, halte ich durch?
Oft sind es die Nächte, in denen einem vor dem einen oder anderen ein bisschen bange wird.
Dabei wissen wir eigentlich, dass manche dieser Sorgen gar nicht nötig sind.
Tatsächlich erledigen wir so viele Aufgaben wie im Schlaf.
Das erleben wir so oft, dass wir kaum darüber nachdenken.
Ich ahne, woraus wir die Fähigkeit und die Kraft dazu schöpfen.
Allein das Wort AUFGABE ist ein so schönes und ermutigendes
Wort.
AUF-GABE . Sie hören es. Das entscheidende Wort darin ist GABE.
Könnte es nicht sein, dass uns die wirklich entscheidenden Aufgaben nicht willkürlich, nicht zufällig treffen?
Dass sie vielmehr an unsere Gabe anknüpfen, auf unserer Gabe basieren? Bevor uns eine Aufgabe erreicht, blickt die Gabe in uns ihr schon entgegen.
Darin liegt ein sehr schöner Gedanke und eine Erfahrung, die Menschen immer wieder machen:
Das Leben, Gott, legt uns nur die Aufgaben auf die Schultern, die wir mit unseren Gaben auch bewältigen können.
Gott wird uns nicht überfordern.
Noch bevor er etwas von uns erwartet, hat er uns längts die Kraft und die Gabe dazu gereicht - oder er reicht sie sehr bald nach.

Jesus muss ganz aus diesem Vertrauen heraus gelebt haben.
Es kam tief aus seinem Herzen, als er denen, die sich sorgten, sagte:
Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und belden seid; ich will euch erquicken. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht. (Mt 11, 28+30)

J.-W.Henrich

18/07/2022

DAS KLEINE IST GAR NICHT SO KLEIN

"Ich freue mich an den kleinen Dinge des Lebens."

Aus solchen Worten klingt meist nicht nur das Glück eines Menschen heraus, sondern auch ein bisschen Stolz: Das Leben mit all seinen großen, einschneidenden und manchmal auch traurigen Ereignissen hat einem Menschen nicht den Blick
genommen für die kleinen, alltäglichen Kostbarkeiten, die unscheinbaren Wunder, die flüchtigen Schönheiten des Lebens.

Ich möchte Ihnen von einem Mann erzählen, der vielleicht nur überlebt hat, weil er nie diesen Blick verloren hat. Der unglaublich Schweres ausgehalten hat, weil seine Gedanken nie abstumpften, seine Sinne nie blind wurden für so viel Schönes, das manche
Menschen verlernt haben wahrzunehmen.

Zoni Weisz, er ist Bürgerrechtler, Unternehmer und Sinto, Angehöriger der Sinti und Roma.
Er war der erste seines Volkes, der im Bundestag zum Gedenken an die Opfer seiner Schwestern und Brüder sprechen durfte. Das war 2011, 66 Jahre später!
1937 kam er in den Niederlanden zur Welt. Er erinnert sich an eine schöne Kindheit. Die Eltern betrieben ein Geschäft. Sie verkauften Musikinstrumente, neue, gebrauchte, die der Vater in seiner Werkstatt reparierte.
Er ist sieben, als über Nacht die Deportation aller niederländischer Sintis angeordnet wird.
Die Eltern versuchen, ihr Kind zu retten, vertrauen es Tanten an, die sich auf einem Bauernhof mit dem Jungen verstecken. Zwecklos, nach drei Tagen findet man sie und schleppt sie auf
den Bahnsteig, wo die Züge nach Auschwitz bereitstehen.
Bald entdeckt er die Jacke seiner Schwester, die der Vater für ihn aus dem Wagon hält.
Noch einmal hört er dessen Stimme. Bevor sie auch ihn in den Zug zerren, nimmt ihn ein deutscher Polizist zur Seite: "Wenn ich die Mütze abnehme,"flüstert er ihm zu,"dann renn um dein Leben!"
Tatsächlich, es gelingt dem kleinen Jungen, im Gedränge unterzutauchen und in einen Personenzug auf dem anderen Gleis zu huschen, der ihn an einen Ort bringt, wo Menschen eben, nicht sterben.
Nach dem Krieg macht er eine Ausbildung zum Floristen, studiert, schmückt Hochzeiten und Krönungen am niederländischen Königshof. Kein Florist in Holland ist so geschätzt wie er.
"Sie sind mit dem Leben davongekommen," fragt ihn eine Journalistin, "doch wie haben Sie es überlebt, Ihre ganze Familie zu verlieren, allein zurückzubleiben, von den letzten Bildern des
Abschieds nicht erdrückt zu werden?"
Was denken Sie, antwortete er?
"Meine Blumen, ich hatte meine Blumen, sie ließen mich überleben. Sie schenkten mir täglich ihre Schönheit. In ihnen entdeckte ich, dass das Leben in seiner Tiefe nicht gewaltsam, sondern zart, nicht grob, sondern fein, nicht brutal, sondern verletzlich ist. Und dass es ein unbegreifliches Geheimnis bleibt, dieses Leben, ein Geschenk, das niemals seine Schönheit verliert, auch nicht in dunkelsten, schwersten Zeiten.
In meinen Blumen konnte ich mich ganz verlieren, um mich immer wieder neu zu finden."

Eine berührende Geschichte, ein bewegendes Leben.

Vielleicht denken auch Sie dabei an diese schönen Sätze von Jesus in der Bergpredigt (Mt. 6, 28ff):
Schaut die Lilien auf dem Feld an...ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen. Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet,...sollte er das nicht viel mehr für euch tun? Darum sollt ihr nicht sorgen. Euer himmlischer Vater weiß, was ihr bedürft.

Gerade in einer Zeit, in der wir alle uns auch Sorgen machen, möchte ich Ihnen die Lebenshoffnung, die Freude von Zoni Weisz ans Herz legen - und Jesu Worte, die uns zu diesem Blick auf das Leben und in die Welt ermutigen.

J.-W.Henrich

04/04/2022

Widerstand heute

In den frühen Morgenstunden des 9. Aprils 1945 wurde Dietrich Bonhoeffer in Flossenbürg, einem KZ in Oberfranken, gehängt. Bonhoeffer war Christ, ev. Pfarrer, Widerstandskämpfer. Im Kreis um Stauffenberg plante er die Ermordung Hitlers. Am 20.Juli `44 scheiterte das Attentat, fast alle Beteiligten wurden später hingerichtet.

Widerstandskämpfer, eine Entscheidung, um deren Widersprüchlichkeit Bonhoeffer immer wußte. Oft hat er damit
gerungen, manchmal an ihr gezweifelt. Immer war ihm bewußt,
dass er mit der Tötung eines Menschen gegen Gottes Gebot
verstößt und so Schuld auf sich lädt. Wie haderte er damit,
dass er seine Familie gefährdete, seine Liebe zu seiner Verlobten, sein eigenes Leben. Bonhoeffer lebte gern, er konnte
genießen. Doch all das trat zurück. Für ihn zählte allein die
Verantwortung, die er in dieser Zeit für sein Land empfand.
Verantwortung, das tausendfache Morden zu stoppen, diesen
sinnlosen Zerstörungskrieg, den Untergang Europas.

Verantwortung kann man sich selten aussuchen. Bonhoeffer
nahm sie an, stellte sich ihr mit allen Konsequenzen.
Manchmal frage ich mich, wie sich Bonhoeffer wohl
heute verhalten würde. Nein, einer Wiederstandsbewegung
gegen Putin gehörte er sicher nicht an. Doch seine Verantwortung für die Ukraine, die Menschen dort, machte er sicher nicht an den Grenzen der Nato fest. Ob er darin nicht einen (billigen) Verrat an den Menschen sähe? Er wäre unbequem. Hörte nicht auf zu fragen, wie viel uns Verantwortung wirklich wert sei, wenn wir sie ständig gegen die Sicherheit ausspielten.

Ob er Verständnis hätte, die russische Vernichtungsarmee
solange weiterzufinanzieren, bis unsere Energieversorgung
alternativ gesichert ist? Aus den sicheren USA kehrte er 1938
mit dem letzten Schiff vor Kriegsausbruch nach Deutschland
zurück. "Wie soll ich je wieder hier leben, wenn ich jetzt nicht
in meinem Land bin?", fragte er sich. "Wie soll Europa wirklich
eins werden, tief verbunden, wie sollen unsere Demokratien
stabil und tragfähig werden, wenn unsere Entscheidungen
in vielem so zögerlich bleiben?" Ob das seine Frage wäre?

Sicher aber würde er uns sein starkes Bild (1933!)wieder zumuten:
Für Christen ist es zu wenig, "die Opfer unter dem Rad zu verbinden, wir müssen dem Rad in die Speichen fallen."

J.-W.Henrich, ev. Pfr., Tr.-Tr.

07/03/2022

Bewegt und glücklich, dankbar und gestärkt, verbunden mit den Menschen in der Ukraine und in tiefer Verbundenheit mit den Menschen hier - so habe ich den Samstagmittag, die Menschenkette für den Frieden, mit Euch erlebt.

Viele, die dabei waren, haben ihr Erleben und Empfinden ganz ähnlich beschrieben.
So bin ich ganz gewiß, dass wir mit all dem ein gutes und so wichtiges Zeichen gesetzt haben - für die Menschen in der Ukraine und für die Menschen in unserer Stadt und Region.

Das alles war nur möglich, weil Ihr und so viele andere mit Euren guten Gedanken, Euren Möglichkeiten und Kräften diese Initiative unterstützt und getragen habt: Vielen, vielen Dank!

Noch am Samstagnachmittag hat mich die Nachricht von einer Frau aus der Ukraine, eine Freundin unserer ehemaligen Küsterin, erreicht. Die Worte dieser Frau sagen viel, viel mehr, als ich Euch zu sagen vermag:
Der Morgen eines jeden Ukrainers beginnt mit den Nachrichten von Verwandten und Freunden.
Wir eilen zu den Telefonen, um sicherzustellen, dass alle am Leben sind.
An einem solchen Morgen haben wir von der Aktion, MENSCHENKETTE FÜR DEN FRIEDEN, in Traben-Trarbach gelesen. Seitdem seid Ihr uns näher und lieber geworden, weil Ihr uns unterstützt. Es ist sehr wichtig zu wissen, dass man sich um uns kümmert und sich um uns sorgt.
Vielen Dank für Eure Teilnahme und Großzügigkeit!
Wir wollen Frieden und Glück. Wir wollen in unserem eigenen Land leben. Wir wollen, dass unsere Kinder nicht in Luftschutzbunkern geboren werden, aber wenn sie geboren sind, haben sie das Recht auf Leben.
Wir sind gewöhnliche Menschen mit unseren Träumen, Talenten, Leidenschaften, vielleicht Sünden.
Vielleicht verdienen wir es nicht, im Himmel zu sein, aber wir verdienen sicherlich nicht die Hölle, die auf unserer Erde passiert.

Nach diesen Worten möchte und kann man fast nur schweigen.

Der französische Philosoph und Schriftsteller, Albert Camus, schreibt einmal:
Aus dem Absurden rettet die Liebe.

Dieser Krieg ist nach aller Grausamkeit einfach nur absurd.
Ich bin sicher, es sind die vielen Zeichen der Liebe, die diese menschenverachtende Gewalt schwächen.
Ein kleines Zeichen durften wir setzen. Ich danke Euch!

J.-W. Henrich

28/02/2022

MENSCHENKETTE FÜR DEN FRIEDEN

Der kriegerische Überfall auf die Ukraine macht sprachlos. Er bricht das Völkerrecht, zerstört den Frieden in Europa, bringt unfassbares Leid über Menschen, die gestern noch im Frieden lebten. Das gilt für die Menschen in der Ukraine und für viele Menschen in Rußland.

In einer MENSCHENKETTE FÜR DEN FRIEDEN über die Moselbrücke in Traben-Trarbach am Samstag, 05.März, 12.00 Uhr, möchten wir als Kirchen in unserer Stadt und Region in ökumenischer Verantwortung ein Zeichen des Friedens
setzen.

Nach dem Läuten der Glocken werden wir gemeinsam ein Friedensgebet sprechen.
Sie finden dieses Gebet schon jetzt auf der Homepage unserer Kirchengemeinden.

Lasst uns ein Zeichen unserer Verbundenheit und Solidarität mit den Menschen in der Ukraine setzen.
Ein Zeichen unseres Protests gegen diesen Krieg.
Ein Zeichen unserer Hoffnung, dass dort, wo Menschen zusammenstehen, der Krieg keine Chance hat.
Ein Zeichen unseres Vertrauens, dass Gott immer auf der Seite der Friedensstifter sein wird.

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Kirchstraße 79
Traben-Trarbach
56841

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