14/05/2026
🌝 Warum ist der Mond ein Mann?
Eine Frage, die im Deutschen banal klingt: DER Mond, DIE Sonne, fertig. Doch wer einmal über die Sprachgrenze schaut, stolpert: In Frankreich ist es la lune und le soleil. In Italien la luna und il sole. Ebenso in Spanien, Portugal, im Lateinischen sowieso. Die Hälfte Europas hat das Genus exakt umgekehrt zu uns.
Wer hat nun Recht?
Die Antwort: niemand und alle. Das indogermanische Urwort für Sonne bspw. (*seh₂u̯l̥-) war ursprünglich neutral. Die Geschlechter haben sich erst später entwickelt – meistens entlang der jeweiligen Mythologie. Und genau hier wird es spannend.
🔹 In der germanischen Tradition sind Mond und Sonne ein Geschwisterpaar.
Máni, der Mond, ist ein junger Mann. Sól (auch Sunna), die Sonne, ist seine Schwester. Beide haben einen gemeinsamen Vater: Mundilfari, dessen Name etwa „Der die Weltmühle dreht" bedeutet. Das Vafþrúðnismál, eines der ältesten Lieder der Edda, sagt es klar:
„Mundilfari heißt des Mondes Vater
und so der Sonne."
Und an genau dieser Stelle (Vafþrúðnismál 23) kreisen Máni und Sól „den Menschen als Jahrzähler" gemeinsam am Himmel – altnordisch ártali. Sonst ist es in den Eddas vor allem der Mond allein, der diesen Beinamen trägt.
🔹 Bei den Griechen und Römern war es genau umgekehrt:
Helios bzw. Sol ist der Sonnengott (männlich), Selene bzw. Luna die Mondgöttin (weiblich). Daher der Mädchenname Luna, daher Selene als poetische Mondgöttin. (Artemis/Diana sind erst durch späteren Synkretismus zu Mondgöttinnen geworden – ursprünglich waren sie Jagd- und Wildtiergöttinnen.)
🔹 Und auf Englisch?
Im Altenglischen war mōna ganz nach germanischem Muster Maskulinum. Erst durch lateinisch-kirchlichen und später durch normannisch-französischen Einfluss („la lune") wurde der Mond im englischen poetischen Sprachgebrauch weiblich – "the moon, she". Das Oxford English Dictionary verzeichnet diese Verschiebung ausdrücklich. Im germanischen Wortschatz ist aber der „Man in the Moon" geblieben.
🔹 Warum erzähle ich euch das heute, am 14. Mai?
Weil heute Christi Himmelfahrt ist: in Deutschland auch Vatertag, in der DDR war es "Herrentag", in der Schweiz "Auffahrt". Ein Fest, das auf den ersten Blick nichts
mit dem Mond zu tun hat. Auf den zweiten Blick aber: ALLES.
Christi Himmelfahrt ist immer 39 Tage nach dem Ostersonntag. Ostern ist seit dem Konzil von Nicäa (im Jahr 325) festgelegt als der erste Sonntag nach dem ersten Vollmond nach Frühlingsbeginn.
Das heißt: Auch das christliche Datum, an dem Millionen Männer mit Bollerwagen losziehen, wird vom Mond bestimmt. Es wandert jedes Jahr genau so weit, wie der Ostervollmond es schiebt.
Ein heidnischer Gedanke für heute also:
Wer einen Vater ehren will, kann auch nach oben schauen. Mundilfari sorgt dafür, dass das Rad sich dreht. Seine Tochter Sól wärmte euch beim Bollerwagen-Zug, sein Sohn Máni stand tagsüber blass am Tageshimmel und schaut zu.
Schaut heute mal kurz hoch.
Es ist ein guter Tag dafür. 🌒
📚 Quellen u. a.:
Vafþrúðnismál (Lieder-Edda), Snorri Sturluson, Gylfaginning Kap. 10;
Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie;
Andreas Zautner, Der gebundene Mondkalender der Germanen;
Oxford English Dictionary, Eintrag „moon".