21/12/2024
PAULINE 51 _ 05.12.2025 _ GESELLSCHAFTSRELEVANZ UND ARCHITEKTUR
Die Winterpauline steht vor der Tür – ein Tag vor dem Nikolaustag. Es ist die Zeit, in der man es sich und anderen schön macht, an Wünsche und Bedürfnisse denkt, ganz im Sinne des Nikolaus. Passend dazu lautet das Thema des Abends: „Architektur und Gesellschaftsrelevanz“.
Prof. Rudolf Schricker, der Moderator des Abends, eröffnet mit seinem Beitrag „Gesellschaftsrelevante Architektur“. Er stellt zentrale Fragen zur Gestaltung von Räumen: Was ist die Funktion eines Raumes, und welche Inhalte sollen in ihm stattfinden? Oft übernehmen Gestaltende und Planende Standards, ohne sie zu hinterfragen. Räume werden als Wohnzimmer, Schlafzimmer usw. festgelegt, Möbelpositionen vorgegeben – und die Nutzer folgen häufig einfach diesem Schema. Schricker plädiert dafür, dass Gestaltende und Nutzer sich selbst fragen: Was soll in den Räumen geschehen? Räume sollten individuell und nach den eigenen Bedürfnissen gestaltet werden können. „Universal Design“, ein Begriff aus dem Produktdesign, beschreibt Räume, die zugänglich, nutzbar und für eine Vielzahl von Menschen geeignet sind – so kann Gestaltung die Lebensqualität verbessern.
Häufig stellt jedoch die Finanzierung ein Hindernis dar. Dennoch können Gestaltungen mit Einfallsreichtum einfach sein, etwa durch das Abschauen von Prinzipien aus der Natur, die sich flexibel an Situationen anpasst. Dabei ist es essenziell, Diversität zu berücksichtigen. Durch Formate wie beispielsweise User-Experience-Workshops kann diese Diversität in die Gestaltung einfließen. Für die Gesellschaft zu gestalten, heißt für alle zu gestalten – unabhängig von Alter, körperlichen Einschränkungen oder kulturellem Hintergrund. Schricker kritisiert, dass Diversität in Entwürfen oft nur oberflächlich behandelt wird, etwa durch „behindertengerechte“ Räume, die sich meist nur auf Rollstuhlfahrer beziehen. Er betont, dass alle Menschen Bedürfnisse haben – physiologische, nach Sicherheit, sozialem Austausch, Individualität und Selbstverwirklichung. Lebensqualität ist subjektiv und wird individuell wahrgenommen. Daher sei es für Planende und Gestaltende entscheidend, mit Empathie zu gestalten.
Klaus Grübnau von der „architekturagentur“ in Stuttgart liefert den ersten Impulsbeitrag des Abends: „Verantwortung und Architektur“. Er beginnt mit der Bedeutung von Verantwortung, die wir im Alltag für Familie, Freunde oder Vereine übernehmen. In der Architektur bedeutet Verantwortung, komplexe Entscheidungen zu treffen – von der Planung über Gestaltung und Nachhaltigkeit bis hin zu Wirtschaftlichkeit von Projekt und Büro sowie die Ausbildung von jungen Architekten-innen. Grübnau beschreibt, dass früher Ressourcenreichtum Entscheidungen erleichterte, während der Klimawandel heute ganz neue Herausforderungen schafft.
Ein Beispielprojekt der „architekturagentur“ aus dem Jahr 2013 widmete sich dem ökologischen Bauen. Dabei wurde ein Holzbausystem entwickelt, das in der Erstellung CO₂-Neutral ist und als CO2-Speicher fungiert. Seitdem treibt das Büro dieses Thema weiter voran. Grübnau spricht auch die Wohnungsnot an, die vor allem Großstädte betrifft, während kleinere Städte oft leerstehende Wohnungen haben. Er kritisiert politische Maßnahmen wie Milieuschutz und plädiert stattdessen für Anreize wie Mietreduktionen oder Wohnungstauschbörsen.
Ein weiteres Projekt war 2015 die Konzeption einer Notunterkunft für Geflüchtete, die als einfache Massivholzwürfel konstruierten Gebäude konnten mittelfristig in ein attraktives klimagerechtes Wohngebiet überführt werden. Leider blieb es beim Konzept. Grübnau hebt hervor, dass Räume flexibel, bedürfnisorientiert und ressourcenschonend gestaltet werden müssen. Diese Offenheit spiegelt sich auch in den Visualisierungen des Büros wider. Abschließend vergleicht er Architekten mit Schiffsführern, die mit Sorgfalt und Weitsicht über das gesetzliche Maß hinaus Verantwortung für Sicherheit und Gemeinschaft übernehmen müssen.
Den letzten Impuls gibt Rainfried Rudolf von „buenavista socialarchitecture“. Er bezieht sich auf ein Zitat von Markus Müller: „Architektur muss politisch werden“ aus dem DAB März 2024. Rudolf kritisiert, dass Bauen weiterhin als Marktangelegenheit gilt, obwohl sich das Selbstverständnis der Architektenschaft wandelt. Architektur bedeutet auch politische Verantwortung. Rudolf fordert ein Umdenken: weg von der „gemütlichen Work-Life-Balance“ hin zu kreativem Engagement in der Politik.
Er skizziert Visionen wie das erste Haus ohne Heizung, neue Bauformen und genossenschaftliche Strukturen. Wichtig sei ein Mentalitätswandel: Statt Einzelkämpfern oder losen Bürogemeinschaften sollten Architekten in größere gesellschaftliche Zusammenhänge eingebunden werden. Rudolf schlägt vor, dass die KfW Mittel aus einem revolvierenden Fonds direkt an Architekten vergibt, die diese bis zur Fertigstellung von Projekten zurückzahlen. Dies wäre sozialer, wirtschaftlicher und würde das Grundrecht auf Wohnen stärken. Beispiele seines Büros, wie das Atriumhaus, zeigen modulare, kostengünstige und nachhaltige Bauformen.
Rudolf schließt mit einem Appell: Architektinnen und Architekten müssen politisches Engagement zeigen, sozialen Frieden fördern und ihr Berufsbild stärker in den Dienst der Gemeinschaft stellen. Er zitiert Gottfried Keller: „Was unerreichbar, rührt uns nicht. Doch was denkbar sei uns Pflicht!“
Der gemeinsame Nenner des Abends lautet: Gebaute Realität muss sich an den Bedürfnissen der Menschen orientieren und deren Lebensrealität gerecht werden.