17/02/2021
*Statement zu unserer Ausladung von der Hanau-Kundgebung der Migrantifa Stuttgart am 19.02.2021*
Der Vorstand der JSUW war im Laufe der letzten Woche mit bestimmten Ereignissen konfrontiert, die uns wütend und schockiert zurücklassen. Diese möchten wir euch schildern:
Letzte Woche freuten wir uns über die Möglichkeit, bei der Kundgebung anlässlich des ersten Jahrestags des Anschlags in Hanau, bei welchem neun Menschen getötet wurden, sprechen zu dürfen. Die Migrantifa Stuttgart, welche die Kundgebung organisiert und zu welcher wir freundschaftliche Kontakte pflegen, hatte uns eingeladen. Jedoch fiel uns nach der Veröffentlichung aller Bündnispartner*innen auf, dass auch eine Organisation dabei war, welche antisemitisches Gedankengut vertritt und auf ihren Social Media Kanälen verbreitet. Es handelt sich dabei um die linksextreme Jugendorganisation „Young Struggle“, die unter anderem vom Verfassungsschutz beobachtet wird.
Bestürzt über diese Erkenntnis, informierten wir die Veranstalter*innen darüber, dass es für uns unmöglich sei, mit dieser Organisation auf einer Bühne zu stehen und forderten ihre Ausladung. Die Migrantifa Stuttgart zeigte sich mit uns solidarisch, entschuldigte sich und ging unserer Forderung nach. Young Struggle wurde von der Kundgebung ausgeladen. Jedoch erhielten die Organisator*innen bereits am nächsten Tag Drohungen. Ihnen wurde der Aufruf zur Gegendemonstration angedroht und auch Drohungen, die das Wohlergehen einzelner Personen betreffen, wurden geäußert. Es wurde gefordert, auch uns auszuladen, wenn Young Struggle ausgeladen wird. In unseren Augen handelt es sich hier um einen rein antisemitischen Akt, der dazu dient, jüdische Stimmen zu unterdrücken und auszuschließen.
Aus Gründen des Selbstschutzes wurden wir daraufhin von der Migrantifa Stuttgart ausgeladen. Dies wurde auch damit begründet, dass das Gedenken an die Opfer von Hanau im Mittelpunkt stehen sollte und eine Gegendemonstration um jeden Preis zu verhindern sei. Nun werden weder Young Struggle, noch wir an der Kundgebung teilnehmen. Das bedeutet aber, dass wir dafür bestraft worden sind, auf Antisemitismus aufmerksam gemacht zu haben.
Über den Verlauf der Ereignisse sind wir zwar bestürzt, jedoch nicht überrascht. Jüdische Stimmen sind immer wieder von linkem Aktivismus ausgeschlossen und werden aufgrund von Antisemitismus nicht gehört. Dies ist ein Zustand, den wir zutiefst verurteilen und nicht länger hinnehmen können. Außerdem fragen wir uns, was die Lehre aus Halle und Hanau sein kann, wenn auf die Anwesenheit einer jüdischen Organisation bei einer Kundgebung, die ein Zeichen gegen Rassismus, Hass und Ausgrenzung setzen soll, mit Drohungen reagiert wird.
Wir wünschen uns eure Solidarität. Wir fordern euch dazu auf, sich mit Antisemitismus auseinanderzusetzen und uns zuzuhören.
Wir befinden uns weiterhin in Gesprächen mit der Migrantifa Stuttgart und hoffen, dass Situationen wie diese in Zukunft vermieden werden können. Außerdem haben wir uns bereits an den Beauftragten gegen Antisemitismus, Michael Blume, gewandt, sowie Ofek (Beratungsstelle bei antisemitischer Gewalt und Diskriminierung) um Beratung gebeten.
Wir hoffen, dass wir Lösungen finden werden und dass jüdische Stimmen in Zukunft auch in linken Räumen einen Platz haben.