03/09/2026
Manchmal hören wir ein Geräusch erst dann, wenn es uns stört.
Der Bach ist zu laut. Der Regen schlägt gegen das Fenster. Im Zendo knarrt eine
Diele. Sofort weiß der Kopf, was das ist. Ein Geräusch. Ein Hintergrund. Etwas,
das gerade nicht dran ist.
渓声山色, keisei sanshoku. 渓 kei, der Bach im Tal. 声 sei, Stimme, Klang. 山
san, Berg. 色 shoku, Farbe. Klang des Tales, Farbe der Berge.
So heißt ein Kapitel, das Dōgen im Frühjahr 1240 seinen Mönchen vorgetragen
hat. Er beginnt mit Sotōba, einem Laien und berühmten Schriftsteller seiner
Zeit, kein Mönch. Auf dem Weg zum Berg Ro übernachtete er im Tal. In der Nacht
hörte er den Bach, und in diesem Klang ging ihm auf, was er lange gesucht
hatte. Am Morgen schrieb er ein paar Zeilen: der Klang des Baches sei die große
Sprache des Erwachten, die Farbe der Berge sein reiner Leib.
Vierundachtzigtausend Verse in einer einzigen Nacht. Und dann die Frage, die
mich seit Jahren nicht loslässt: wie soll ich das morgen den Leuten erzählen?
So eine Geschichte lesen wir gern als glücklichen Zufall. Einer geht spazieren,
hört Wasser, und plötzlich ist alles anders.
Dōgen erzählt sie anders.
Er sagt beiläufig, woher Sotōba kam. Bei einem alten Lehrer namens Jōsō hatte
er eine Frage aufgeschnappt: ob auch die leblosen Dinge die Lehre verkünden.
Unaufhörlich, hatte Jōsō geantwortet. Sotōba verstand das nicht. Er trug den
Satz monatelang mit sich herum wie einen Stein in der Tasche.
Der Bach in dieser Nacht war nicht der Anfang. Er war das Ende einer langen
Frage.
Und das Wasser hat nichts Besonderes getan. Es floss wie in der Nacht davor und
wie in der Nacht danach.
Vielleicht ist genau das das Unbequeme. Es gibt nichts zu finden, was nicht
ohnehin die ganze Zeit Geräusch macht. Nichts Heiliges, das noch dazukommen
müsste.
Vielleicht ist die Frage also nicht, was wir noch hören müssten, sondern wer da
eigentlich zuhört.
Und wenn man lange genug hinschaut, ist da niemand, der zuhört. Da ist nur der
Bach.
Dōgen im Leben, Beitrag eins von drei zum Kapitel Keiseisanshoku.
Quelle: Dōgen, Shōbōgenzō, Band 1, Kapitel 21 „Keiseisanshoku", Klang des
Tales, Farbe der Berge, übertragen von Kōsen Nishiyama und John Stevens, aus dem
Englischen von Manfred Eckstein, Theseus Verlag, 2. Auflage 1986, S. 114 bis 122.
Die Geschichten sind nacherzählt, nicht aus der Übertragung übernommen.
Bildmotiv mit KI erstellt, Text und Verantwortung: Altbäckersmühle.