28/10/2025
Was ich lese - und was ich daraus lese
Heute mit Markus Obert, Leiter des Bildungszentrums Waldshut:
Ich bin auf Wolfgang Beck gestoßen, weil er mir immer wieder beim „Wort zum Sonntag“ begegnet ist. Seine klare, kritische und doch hoffnungsvolle Art zu sprechen hat mich beeindruckt. Der Titel seines Essays „Sprung in den Staub. Elemente einer risikofreudigen Praxis christlichen Lebens“ weckte meine Neugier.
Warum in den Staub springen? Beck betrachtet zunächst die Gesellschaft, die von Optionen überfordert ist und mit einer Ungewissheit kämpft, die ich selbst auch kenne – sowohl beruflich als auch privat. Es ist eine Bestätigung, dass diese Unsicherheit nicht nur meine eigene Erfahrung ist, sondern eine Zeitdiagnose.
Besonders berührt hat mich Becks Bild von Kirche als lernender Organisation. Als Leiter eines Bildungszentrums erscheint mir das fast wie eine Einladung: nicht nur Programme zu gestalten, sondern mit den Menschen zu lernen, die zu uns kommen. Becks Grundidee passt gut dazu: Kirche wird zukunftsfähig, wenn sie sich nicht an ihren eigenen Fortbestand klammert, sondern sich selbstlos als Ressource anbietet – radikal solidarisch und lebensdienlich.
Beck beschreibt auch seinen eigenen Weg: Früher faszinierte ihn die Vorstellung einer Kirche als „Kontrastidentität“ – Salz der Erde. Heute spricht er vom „Sprung in den Staub“: Gott selbst geht in Jesus in den Staub, riskiert, nicht erkannt zu werden. Kirche bedeutet für ihn, nicht distanziert zu glänzen, sondern mitten im Leben zu stehen, gesellig zu sein und Begegnungen zu wagen – auch ohne zu wissen, was daraus wird.
In Zeiten der Kirchenkrise und der Entfremdung vom Glauben erscheint mir Becks Ansatz besonders überzeugend: Christliche Existenz im 21. Jahrhundert heißt, sich risikofreudig der Unübersichtlichkeit der Gegenwart zu stellen, hybride Glaubenswege zuzulassen und Kommunikation als Beziehungsangebot zu verstehen.
Für mich ist das ein ermutigendes Bild: den Sprung in den Staub wagen, auch wenn es manches aufwirbelt. In der Erwachsenenbildung glaube ich, dass gerade dort Überraschendes ans Licht kommen kann, wenn wir lernen, risikofreudig zu sein.