05/07/2021
"Aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es." Eph 2,8
„Was war deine größte Niederlage?“ So hat mich diese Woche jemand gefragt. Ich sollte eine oder mehrere Krisensituationen in meinem Leben benennen, von denen ich mich nie wieder richtig erholt habe. Wunden, die bleibenden Schaden hinterlassen haben. Die heute noch weh tun, wenn ich mich daran erinnere – an die ich mich gar nicht erinnern möchte.
Solche Erfahrungen gibt es. Erfahrungen, an deren Ende gebrochene Persönlichkeiten stehen. Menschen, die ihren Halt im Leben verloren haben. Traumatisierte Menschen mit Kriegserfahrungen z.B. Oder Missbrauchsopfer. Die entweder verbittert sind und hasserfüllt, oder eingeschüchtert und ängstlich. Wo Vertrauen ins Leben zerbrochen ist. Jemand, dem so etwas passiert ist, der oder die hat sich entweder ein dickes Fell um seine Seele zugelegt – oder der oder die hat sich in sein Schneckenhaus verkrochen, das sie oder er selten bis gar nicht mehr verlässt.
Und trotzdem gibt es immer wieder Menschen, denen Schreckliches passiert, die die Hölle auf Erden erleben und dennoch aufrecht und zuversichtlich durchs Leben gehen. Viktor Frankl war so jemand. Ein bürgerlicher Jude, von Beruf Psychologe, der die NS-Zeit in einem KZ nur durch Zufall überlebte. In seinem Buch „Trotzdem Ja zum Leben sagen.“ beschreibt er seine Erfahrungen. Die schrecklichen Erlebnisse, aber auch die Mut machenden. Das Erleiden von Schmerz und Verlust, aber auch das Hoffen und Bangen. Er war sich sicher, dass er die schreckliche Zeit nur deshalb überlebt hat, weil er an eine Zukunft geglaubt hat.
Glauben wir, dass Gott eine Zukunft für uns bereit hat? Es gibt auch heute noch viele schreckliche Erfahrungen, die uns ereilen können. Niederlagen und Krisen, die Wunden verursachen, die tief gehen. Grausame Erfahrungen, die wir nicht aus eigener Kraft abwenden können. Vor denen wir uns nicht schützen können. Wenn Menschen so verletzt werden, versuchen viele sich aus eigener Kraft zu helfen. Sie bieten alle ihre Kräfte auf, um mit der Krise fertig zu werden. Aber wenn es wirklich eine tiefgreifende Niederlage ist, die Wunden verursacht, welche unser normales Verarbeiten übersteigen, kann man sich so nicht retten. Dann gleicht man einem Baron Münchhausen, der sich versucht am eigenen Schopf aus dem Sumpf des Verderbens zu ziehen.
„Was war deine größte Niederlage?“ Ich überlegte und überlegte. Egal, welche Situation mir auch kam, rückblickend konnte ich keine Niederlage sehen, die mich so richtig getroffen hätte. Keine, die mich verbittert gemacht oder dauerhaft eingeschüchtert hätte.
Wer einen festen Glauben an einen Gott hat, der ihn rettet, hat neben dem Verbittern und dem Verkriechen noch eine dritte Möglichkeit, mit einer schweren Krise umzugehen. Der Glaubende wird zwar dasselbe Schicksal erleiden, aber er kann – wenn er diese Möglichkeit für sich ergreift – selbst in dunkelsten Zeiten mit Hoffnung in die Zukunft schauen. Denn er vertraut auf Gott. Der ihm rechtzeitig ein Rettungsseil zuwerfen wird, wenn er im Sumpf fest steckt.
Menschen, die an Gott glauben, bekommen von Gott das Angebot des Vertrauens. Wenn sie das annehmen, leben sie in der Gewissheit, dass Gott sie am Ende da raus holt. Dass die Niederlage nicht in einer totalen Vernichtung mündet. Sondern, dass Gott sie durch die Niederlage hindurch an seinem Rettungsseil entlang in eine lebenswerte Zukunft leitet.
Bleiben Sie behütet!
Alles Gute und Gottes Segen.
Pfr. Sigrid Ullmann