07/06/2026
Da sah er einen Mann am Zoll sitzen, der hieß Matthäus; und er sprach zu ihm: Folge mir nach!“ (Mt 9,9)
Liebe Schwestern und Brüder,
haben Sie schon einmal einen Moment erlebt, in dem Sie ganz plötzlich gespürt haben: „Ich bin gemeint“? Das heutige Sonntagsevangelium erzählt uns von der Berufung des Zöllners Matthäus. Ein Moment, den sich der Maler Caravaggio in seinem berühmten Gemälde vorgestellt hat. Wer genau hinschaut, sieht auf dem Bild mehr ein Rätsel, denn die ersehnte Eindeutigkeit.
Da ist der ältere, bärtige Mann in der Mitte des Tisches. Er zeigt mit dem Finger erschrocken auf seine eigene Brust, als wolle er fragen: „Wer, ich? Meinst du wirklich mich, Herr?“ Doch eine zweite Deutung besagt: Der Bärtige zeigt gar nicht auf sich selbst. Sein Finger weist vielmehr auf den jungen Mann ganz am Ende des Tisches, der noch völlig versunken und tief über das Geld gebeugt dasitzt.
In dieser Unschärfe liegt eine Wahrheit, die genau zum Kern des Evangeliums vom Sonntag passt. Jesus sagt dort: „Ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen“ (Mt 9,13). Der junge Mann am Tisch bekommt im ersten Augenblick noch gar nichts mit, er ist völlig blockiert und gefesselt von seiner Arbeit, von den Sorgen und Ablenkungen des Alltags. Er merkt noch gar nicht, dass der „Arzt“, den er so dringend braucht, schon im Raum steht.
Das Bild zeigt uns: Berufung ist selten ein lauter, eindeutiger Blitzschlag. Jeder Christ und jede Christin ist von Gott gerufen, aber das Erkennen dieses Rufs braucht manchmal Zeit. Und es braucht manchmal auch die Hilfe Außenstehender. Der junge Mann am Tischende benötigt den Bärtigen, welcher, je nachdem welcher Interpretation man folgt, auf ihn deutet und damit scheinbar aussagt: „Schau auf, der Herr meint dich!“
Auch wir brauchen im Leben solche „Hinweisgeber“, Menschen, die uns auf unsere Talente aufmerksam machen, die uns in Krisen beistehen oder uns sanft einen neuen Weg zeigen. Und umgekehrt sind wir selbst dazu aufgerufen, für unsere Mitmenschen dieser ausgestreckte Zeigefinger zu sein, der ihnen hilft, Gottes Spuren im eigenen Leben zu entdecken.
Achten wir in dieser Woche besonders auf die Hinweise in unserem Alltag.
Sebastian Schmidt