04/09/2026
: Die trügerischen Jahre – eine prophetische Diagnose unserer Zeit
Das Schlechte der anderen darf das Gute in uns nicht zerstören
Liebe Geschwister,
wir leben in einer Zeit tiefgreifender Veränderungen. Die Grenzen zwischen Wahrheit und Lüge, Recht und Unrecht, Würde und Erniedrigung werden zunehmend verwischt. Der Prophet Muhammad ﷺ beschrieb eine solche Zeit mit eindringlichen Worten:
«سَيَأْتِي عَلَى النَّاسِ سَنَوَاتٌ خَدَّاعَاتٌ، يُصَدَّقُ فِيهَا الْكَاذِبُ، وَيُكَذَّبُ فِيهَا الصَّادِقُ، وَيُؤْتَمَنُ فِيهَا الْخَائِنُ، وَيُخَوَّنُ فِيهَا الْأَمِينُ، وَيَنْطِقُ فِيهَا الرُّوَيْبِضَةُ». قِيلَ: وَمَا الرُّوَيْبِضَةُ؟ قَالَ: «الرَّجُلُ التَّافِهُ يَتَكَلَّمُ فِي أَمْرِ الْعَامَّةِ»
„Es werden über die Menschen trügerische Jahre kommen: Der Lügner wird für glaubwürdig gehalten und der Wahrhaftige der Lüge bezichtigt. Dem Verräter wird Vertrauen geschenkt und der Vertrauenswürdige wird des Verrats beschuldigt. Und der Ruwaibiḍa wird über die Angelegenheiten der Allgemeinheit sprechen.“
Man fragte: „Wer ist der Ruwaibiḍa?“
Er antwortete: „Ein unbedeutender und unfähiger Mensch, der über die öffentlichen Angelegenheiten spricht.“
Diese „trügerischen Jahre“ sind nicht einfach Zeiten, in denen gelogen und betrogen wird – denn Lüge, Betrug und Unrecht hat es zu allen Zeiten gegeben. Der Prophet beschreibt vielmehr eine Epoche, in der die moralischen Maßstäbe auf den Kopf gestellt und die Grenzen zwischen Wahrheit und Lüge bewusst verwischt werden.
Die Wahrheit wird zur Lüge erklärt – und die Lüge als Wahrheit verkauft.
Dem Verräter wird Vertrauen geschenkt, während der aufrichtige Mensch unter Generalverdacht gerät. Verurteilte Kriegsverbrecher wie Ratko Mladić werden von ihren Anhängern bejubelt, geehrt und zu Helden verklärt, während die unschuldigen Opfer angeklagt werden und sich sogar für ihr Leid rechtfertigen müssen.
Rassisten gelangen zu Macht und Einfluss, während Menschen, die sich für Menschenrechte, Gerechtigkeit und die Würde aller einsetzen, als störend und unerwünscht gelten. Der Hetzer erhält eine Bühne, während der Friedensstifter zum Schweigen gebracht wird. Wer Hass verbreitet, gewinnt Anhänger; wer zur Versöhnung aufruft, wird als schwach oder naiv verspottet.
Gerade im Zeitalter der künstlichen Intelligenz ist es noch schwieriger geworden, Wahrheit von Lüge und Wirklichkeit von Täuschung zu unterscheiden. Bilder, Stimmen und Videos können heute so überzeugend manipuliert werden, dass unsere Augen und Ohren allein nicht mehr ausreichen, um die Wahrheit zu erkennen.
Deshalb gehört es zur Verantwortung eines gläubigen Menschen, nicht alles sofort zu glauben und weiterzuverbreiten. Wir müssen prüfen, nachfragen und verlässliche Quellen suchen. Denn nicht alles, was echt aussieht, ist wahr – und nicht alles, was häufig geteilt wird, ist glaubwürdig.
Das sind die trügerischen Jahre: Die Begriffe selbst werden verdreht. Unrecht erhält den Namen der Gerechtigkeit. Unterdrückung wird als Sicherheit bezeichnet. Hass wird als Patriotismus verkauft und Gleichgültigkeit als Neutralität ausgegeben.
Liebe Geschwister,
wie können wir in einer solchen Zeit standhaft bleiben? Wie können wir unsere Werte bewahren, ohne hart zu werden, und unsere Überzeugungen vertreten, ohne die Würde anderer Menschen zu verletzen?
Allah spricht:
فَاسْتَقِمْ كَمَا أُمِرْتَ وَمَنْ تَابَ مَعَكَ وَلَا تَطْغَوْا
„So bleibe standhaft, wie dir aufgetragen wurde – du und diejenigen, die mit dir zu Gott umgekehrt sind. Und überschreitet nicht das Maß.“
(Sure Hūd, 11:112)
Es genügt also nicht, dass nur der Prophet dem Weg des Glaubens folgt. Auch seine Gemeinschaft ist dazu aufgerufen, standhaft zu bleiben.
Wir können der Welt unseren Propheten in der schönsten Weise darstellen – die Welt aber schaut auch auf seine Gemeinschaft. Sie schaut auf uns Muslime und darauf, ob die Werte, die wir verkünden, in unserem Verhalten sichtbar werden.
Es darf keine Kluft geben zwischen der Botschaft des Propheten und dem Verhalten seiner Anhänger.
Standhaftigkeit bedeutet nicht bloß, an äußeren Formen festzuhalten. Sie bedeutet, innerlich aufrecht zu bleiben: wahrhaftig, gerecht, barmherzig und verantwortungsbewusst.
Standhaftigkeit bedeutet, nicht jeden Weg mitzugehen, nur weil viele ihn gehen;
nicht jede Meinung zu übernehmen, nur weil sie laut vorgetragen wird;
und das Gute nicht aufzugeben, nur weil andere das Schlechte tun.
Der Prophet ﷺ sagte:
لَا تَكُونُوا إِمَّعَةً، تَقُولُونَ: إِنْ أَحْسَنَ النَّاسُ أَحْسَنَّا، وَإِنْ ظَلَمُوا ظَلَمْنَا، وَلَكِنْ وَطِّنُوا أَنْفُسَكُمْ، إِنْ أَحْسَنَ النَّاسُ أَنْ تُحْسِنُوا، وَإِنْ أَسَاؤُوا فَلَا تَظْلِمُوا
„Seid keine Menschen ohne eigene Haltung, die sagen: Wenn die Menschen Gutes tun, tun auch wir Gutes, und wenn sie Unrecht begehen, begehen auch wir Unrecht. Festigt vielmehr eure innere Haltung: Wenn die Menschen Gutes tun, dann tut ebenfalls Gutes; und wenn sie Böses tun, dann begeht ihr dennoch kein Unrecht.“
Was für eine bedeutende Botschaft für unsere Zeit!
Der gläubige Mensch ist kein Mensch ohne eigene Haltung, der blind der Menge folgt und seine Werte je nach Umgebung wechselt. Der Gläubige besitzt einen inneren Kompass. Sein Maßstab ist nicht das Verhalten der Menschen, sondern seine Verantwortung vor Allah.
Das Schlechte der anderen darf nicht das Gute in uns zerstören.
Wer uns beleidigt, soll nicht über unsere Sprache bestimmen.
Wer uns hasst, soll nicht über unser Herz bestimmen.
Wer uns ungerecht behandelt, soll nicht unsere Gerechtigkeit zerstören.
Denn wenn wir auf Unrecht mit Unrecht, auf Hass mit Hass und auf Lüge mit Lüge antworten, haben wir äußerlich vielleicht einen Gegner bekämpft, innerlich aber seine Werte übernommen.
Heute kann eine Unwahrheit innerhalb weniger Sekunden Tausende Menschen erreichen. Eine oft wiederholte Lüge erscheint manchen glaubwürdiger als eine leise ausgesprochene Wahrheit. Menschen werden öffentlich verurteilt und in ihrer Würde verletzt, ohne dass man sie angehört oder die Behauptungen über sie überprüft hat.
Allah spricht:
يَا أَيُّهَا الَّذِينَ آمَنُوا اتَّقُوا اللَّهَ وَكُونُوا مَعَ الصَّادِقِينَ
„Ihr, die ihr glaubt! Seid euch Gottes bewusst und gehört zu den Wahrhaftigen.“
(Sure at-Tauba, 9:119)
Doch auch die Wahrheit darf nicht als Waffe zur Erniedrigung anderer Menschen missbraucht werden. Nicht nur das Gesagte muss wahr sein – auch die Art, wie wir es sagen, muss unserer Würde entsprechen.
Es ist leicht, Gerechtigkeit zu verlangen, wenn wir selbst benachteiligt werden. Schwieriger ist es, gerecht zu bleiben, wenn es um Menschen geht, die wir nicht mögen.
Allah spricht:
وَلَا يَجْرِمَنَّكُمْ شَنَآنُ قَوْمٍ عَلَىٰ أَلَّا تَعْدِلُوا ۚ اعْدِلُوا هُوَ أَقْرَبُ لِلتَّقْوَىٰ
„Der Hass gegenüber Menschen soll euch nicht dazu verleiten, ungerecht zu handeln. Seid gerecht; das kommt der Gottesfurcht näher.“
(Sure al-Māʾida, 5:8)
Das ist eine der größten moralischen Forderungen des Korans: nicht nur gegenüber Freunden gerecht zu sein, sondern auch gegenüber Gegnern; nicht nur das Unrecht der anderen Seite zu verurteilen, sondern ebenso das Unrecht der eigenen Seite.
Liebe Geschwister,
es ist leicht, den Werteverfall der Gesellschaft zu beklagen. Schwieriger ist es, die eigenen Worte und Handlungen zu überprüfen. Es genügt nicht, ständig über die Dunkelheit unserer Zeit zu sprechen. Wer nur die Dunkelheit beschreibt, entzündet noch kein Licht.
Allah sagt:
إِنَّ الَّذِينَ قَالُوا رَبُّنَا اللَّهُ ثُمَّ اسْتَقَامُوا فَلَا خَوْفٌ عَلَيْهِمْ وَلَا هُمْ يَحْزَنُونَ
„Diejenigen, die sagen: Unser Herr ist Allah, und danach standhaft bleiben – über sie soll keine Furcht kommen, und sie sollen nicht traurig sein.“
(Sure al-Aḥqāf, 46:13)
Unsere Zeit braucht keine Menschen, die ihre Werte nur verkünden. Sie braucht Menschen, die diese Werte verkörpern: Menschen, deren Glaube in ihrer Ehrlichkeit sichtbar wird und deren Gebet sie vom Unrecht abhält.
Wenn andere beleidigen, bewahren wir unsere Sprache.
Wenn andere Hass verbreiten, antworten wir mit Haltung und dem schönen Wort.
Wenn Respekt schwindet, begegnen wir den Menschen mit umso mehr Respekt.
Wenn die Sprache verroht und Schimpfwörter zum Alltag werden, achten wir umso bewusster auf unsere Zunge.
Wenn Menschen auseinandergetrieben werden, bauen wir Brücken.
Wenn Menschen entwürdigt werden, verteidigen wir ihre Würde.
Wenn andere ihren Müll auf die Straße werfen, werfen wir unseren in den Mülleimer.
Denn unsere Werte richten sich nicht danach, was andere tun. Gerade wenn andere ihre Verantwortung vergessen, müssen wir uns unserer eigenen Verantwortung umso bewusster werden.
WIR BETEN
O Allah, festige unsere Herzen auf dem Weg des Guten.
Lass uns die Wahrheit als Wahrheit erkennen und ihr folgen.
Lass uns das Unrecht als Unrecht erkennen und bewahre uns davor.
Schenke uns Mut ohne Hochmut, Klarheit ohne Härte und Barmherzigkeit ohne Schwäche.
Gib uns Wissen, Urteilskraft und eine aufrechte Haltung.
Lass uns nicht nur über den Verlust der Werte klagen, sondern durch unser Leben zeigen, dass Wahrheit, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Menschenwürde niemals ihren Wert verlieren.
Āmīn.
Imam Benjamin Idriz