03/04/2026
Heute war unsere Moschee dank des Karfreitags bis in alle Etagen gefüllt. Ich habe diese besondere Gelegenheit genutzt, um über eine zentrale Botschaft zu sprechen: die fünf Beziehungen, die unser Leben ordnen, stärken und aufbauen.
: Der Mensch in seinen fünf Beziehungen zu Gott und der Welt
Liebe Geschwister im Glauben,
der Mensch lebt in Beziehungen. Er ist eingebunden in ein Geflecht von Verbindungen, die sein Denken, sein Handeln und seinen Charakter prägen. Es sind fünf grundlegende Beziehungen, die unser Leben bestimmen und uns formen:
1- die Beziehung zu unserem Schöpfer,
2- die Beziehung zu den Menschen,
3- die Beziehung zu uns selbst,
4- die Beziehung zu allem, was wir besitzen
5- die Beziehung zu den Ereignissen in der Welt.
🌴 Erstens: Die Beziehung zu unserem Schöpfer
Sie soll von Liebe und Gottesbewusstsein – Taqwa – geprägt sein. Der Gesandte Allahs sagte: اتق الله حيث ما كنت
„Achte auf Gott, wo immer du bist.“
Taqwa ist das Fundament unserer Beziehung zu Gott. Sie bedeutet, bewusst nach Gottes Maßstäben zu leben – im Verborgenen wie im Offenen. Wer seine Beziehung zu Allah ordnet, dessen Herz wird ruhig, dessen Blick klar und dessen Handeln gerecht.
Du sollst deine Taqwa mittragen, wohin du auch gehst: im Geschäft, im Alltag, auf der Straße, in der Öffentlichkeit und im Verborgenen. Bewahre deine Beziehung zu Allah, und Allah wird dich bewahren. Du wirst Ihn finden, wann und wo du Ihn brauchst – im Wohlstand wie in der Not.
Die Taqwa ist im Herzen, wie der Prophet sagte. Sie ist verborgen. Deine Beziehung zu Gott, deine Frömmigkeit, deine Religiosität – all das ist zwischen dir und deinem Herrn. Dein Gebet, dein Fasten, deine Koranrezitation und alle anderen Formen der Anbetung sind deine persönliche Sache – zwischen dir und Gott.
Doch wahre Frömmigkeit bleibt nicht unsichtbar: Sie spiegelt sich im Verhalten des Menschen wider. Ich bewerte dich nicht nach deiner Beziehung zu Allah, die individuell und intim ist, sondern nach deiner Beziehung zu mir.
🌴 Zweitens: Die Beziehung zu den Menschen
Sie ist der gelebte Glaube. Der Mensch wird nach seiner Beziehung zu anderen Menschen beurteilt. Deshalb ist hier das Maß das „schöne Wort“, das wir sprechen, und der gute Charakter, den wir zeigen müssen.
Der Prophet ﷺ sagte:
وخالق الناس بخلق حسن
„Begegne den Menschen mit gutem Charakter.“
Hier zeigt sich der wahre Glaube: im Umgang, im Wort und im Verhalten.
Glaube ohne guten Charakter ist leer. Religion ohne eine schöne Beziehung zu den Menschen ist hart und rau.
Wenn du eines Tages diese Welt verlässt, sollen dich die Menschen vermissen – und nicht sagen: „Gut, dass er gegangen ist“, weil du für sie eine Last warst und nicht Trost, Freude und Erleichterung.
Deshalb: Baue deine Beziehungen auf – zu deinem Partner, zu deinen Kindern, zu deinen Eltern, zu deinen Nachbarn, zu deinen Kollegen, zu deinen Verwandten und zu allen Mitmenschen.
🌴 Drittens: Die Beziehung zu dir selbst
Um eine gute Verbindung zu Gott und zu den Menschen zu haben, brauchst du zunächst eine gesunde Beziehung zu dir selbst. Dies ist dein innerer Weg.
Der Mensch muss vor allem mit sich selbst versöhnt sein. Er muss sein eigenes Leben schätzen und schützen, ohne in Egoismus oder Arroganz zu verfallen. Um ein glückliches und erfülltes Leben zu führen, muss der Mensch an sich selbst arbeiten.
Doch wenn der Mensch gegen sich selbst sündigt, ist das kein Weltuntergang. Die Tür der Reue und der Verbesserung steht immer offen.
Der Prophet ﷺ sagte:
كل ابن ادم خطاء وخير الخطائين التوابون
„Jeder Mensch macht Fehler, und die Besten unter den Fehlenden sind diejenigen, die bereuen.“
Der Weg des Gläubigen ist nicht Fehlerlosigkeit, sondern Rückkehr: Reue, Selbstkritik, Reflexion und permanente Arbeit an sich selbst.
Nicht ständig die anderen prüfen, sondern sich selbst. Denn wer sich selbst nicht kennt, wird die Welt falsch beurteilen. Kein Mensch wird die Last eines anderen tragen. Jeder Mensch ist für sich selbst verantwortlich und wird seine eigene Schuld tragen.
Jeder von uns soll darauf achten, was er für sich selbst vorbereitet – für das Morgen, für den Tag der Abrechnung.
🌴 Viertens: Die Beziehung zu allem, was wir besitzen
Gott hat uns diese Welt anvertraut. Wir sind nicht die Besitzer, sondern die Verantwortlichen. Unsere Beziehung zur Schöpfung basiert auf Verantwortung, nicht auf Ausbeutung.
Die Erde, die Natur, die Tiere, die Ressourcen – all das ist eine Amanah, ein anvertrautes Gut. Wer verschwendet, zerstört oder achtlos lebt, verfehlt einen Teil seiner Verantwortung.
Unsere Straßen, die Straßen, in denen Muslime leben, unsere Schulen, unsere Moscheen, unsere gesamte Umwelt sollen gepflegt, schön, sauber und erhalten werden. Allah wird uns über das befragen, was Er uns anvertraut hat.
Gott verbietet es, die Welt zu zerstören, die Er so schön erschaffen hat. Gott ist schön und liebt die Schönheit. Und Er verabscheut alles, was diese Welt unbewohnbar macht.
🌴 Fünftens: Die Beziehung zu den Ereignissen in der Welt
Liebe Geschwister,
wir leben in einer Zeit, in Tagen voller Ereignisse: Kriege, Konflikte, Ungerechtigkeit, Leid und Vertreibung. Genau das geschieht heute an vielen Orten der Welt: in Gaza, im Libanon, im Iran, in der Ukraine, im Sudan, in den Golfstaaten und an vielen anderen Orten, wo der Mensch mit seiner eigenen Hand zerstört – aus Arroganz und Überheblichkeit.
Die entscheidende Frage ist: Wo stehen wir?
Der Gläubige ist nicht neutral gegenüber Unrecht. Aber er ist auch nicht blind parteiisch. Der Islam lehrt uns eine klare Haltung:
Wir stehen auf der Seite der Wahrheit, egal wo sie ist. Wir stehen auf der Seite der Gerechtigkeit, egal wen die Ungerechtigkeit betrifft. Wir stehen für den Frieden, egal wer unter dem Krieg leidet. Und wir lehnen Gewalt und Unrecht ab, egal von wem sie ausgehen.
Allah befiehlt Gerechtigkeit, auch gegen uns selbst. Das bedeutet: Wir dürfen nicht mit zweierlei Maß messen. Wir dürfen nicht für die einen rechtfertigen, was wir bei anderen verurteilen.
Der Gläubige ist kein Gefangener von Emotionen, kein Spielball von Propaganda, kein Lautsprecher des Hasses. Er ist ein Mensch der Prinzipien. Er prüft, er denkt und bleibt gerecht. Denn Gerechtigkeit ist keine Option, sie ist Pflicht.
Ein Gesetz wie die Todesstrafe, das im israelischen Parlament verabschiedet wurde und nur eine bestimmte Bevölkerungsgruppe betrifft, ist aus unserer Sicht ungerecht, undemokratisch, unmenschlich und diskriminierend. Dagegen die Stimme zu erheben, ist menschlich und notwendig. Wer dazu schweigt, kann nicht glaubwürdig über Menschlichkeit, Menschenrechte und Demokratie sprechen.
Gleichzeitig gibt es auch andere Stimmen und Rhetoriken, die Krieg fördern und ganze Länder in ihrer Existenz bedrohen. Wenn dabei von Zerstörung von Infrastruktur, Brücken, Schulen, Universitäten und Wohnraum die Rede ist, dann bedeutet das letztlich die Zerstörung der Lebensgrundlagen von Menschen. Die Frage ist: Entspricht ein solches Denken wirklich einer humanen und zivilisierten Haltung?
Und zugleich erheben wir unsere Stimme gegen jegliche Form von Gewalt und Krieg. Damit zeigen wir keine Schwäche, sondern unsere Stärke.
Unsere Beziehung zu den Ereignissen in der Welt erfordert Haltung, Wahrheit und Gerechtigkeit.
Liebe Geschwister,
diese fünf Beziehungen sind miteinander verbunden.
Wenn deine Beziehung zu Gott stark ist, wird dein Herz gerecht.
Wenn dein Herz gerecht ist, wirst du ehrlich mit dir selbst.
Wenn du ehrlich mit dir selbst bist, wirst du gut zu den Menschen.
Wenn du gut zu den Menschen bist, wirst du verantwortungsvoll mit der Schöpfung umgehen.
Und wenn all das zusammenkommt, wirst du auch in den großen Fragen dieser Welt eine klare, gerechte und barmherzige Haltung einnehmen.
Der Prophet, Friede sei auf hat uns den Kern dieses Weges gegeben:
„Achte auf Allah, wo immer du bist, lasse auf eine schlechte Tat eine gute folgen, und begegne den Menschen mit gutem Charakter.“
Und wir verstehen daraus für unsere Zeit: Sei gerecht, sei wahrhaftig, sei barmherzig – in allem, was geschieht.
Möge Allah unsere Herzen mit Wahrheit erfüllen,
unsere Seelen reinigen,
unsere Wege rechtleiten
und uns zu Menschen machen,
die für Gerechtigkeit, Frieden und Barmherzigkeit stehen.
Imam Benjamin Idriz