30/05/2026
Barmer Theologische Erklärung
Heute vor 92 Jahren saßen in Wuppertal-Barmen 138 Delegierte der lutherischen, der unierten und der reformierten Evangelische Kirche in einer Synode zusammen. Sie haben drei Tage miteinander verhandelt. Am Ende stand ein Text, der bis heute von so großer Bedeutung ist, dass Pfarrer sich auf ihn ordinieren lassen können.
Der Text heisst die Barmer Theologische Erklärung. Diese Erklärung ist ein Bekenntnis. Ein offizielles Bekenntnis der Evangelischen Kirche. Das erste Bekenntnis der der Reformation, auf das sich alle inner-evangelischen Kirchen einigen konnten. Anlass waren 1934 die massive Bedrohung der Menschen und der Kirche durch den Nationalsozialismus. Die Frage, wie sich die Kirche und wie sich jeder Christ verhalten soll, hatte große Bedeutung bekommen. Es entstand eine Spaltung in die sog. Deutschen Christen, die argumentierten, die Kirche dürfe sich in Politik nicht einmischen und müsse sich dem Staat unterordnen. Und es gab die sog. Bekennende Kirche, die die Bibel und Jesus Christus als einzige Autorität anerkannten. In diesem Kontext fand das Treffen in Barmen statt.
Ich habe in Wuppertal an der kirchlichen Hochschule studiert. Die Barmer Theologische Erklärung spielte dort immer eine große Rolle im Selbstverständnis der Hochschule. Ein, leicht skurriler Effekt davon war zB, dass das Fenster der Kapelle, die während meines Studiums neu gebaut wurde, nicht nach Osten geht, wie bei den meisten Kirchen, sondern Richtung Barmen.
Ich habe mich in meinem Studium sehr intensiv mit der Barmer Theologischen Erklärung beschäftigt. Der Professor in Münster, bei dem ich ein Seminar dazu besucht habe, stand kurz vor der Pensionierung und war damit in einem Alter, in dem er manche der Schriften rund um die Erklärung im Original besaß.
Auf alles in der Erklärung einzugehen, das würde den Rahmen hier sprengen. Aber einige wichtige Punkte möchte ich mit ihnen Teilen. Das Erste, was die Erklärung besonders macht, ist ihre Form. Sie besteht auf sechs sog. „Thesen“. Jeder dieser Thesen hat ein eigenes Thema. Jede These ist gleich aufgebaut. Sie hat drei Teile: Als erstes ein Bibel-Zitat. So wird sehr deutlich, was die Grundlage, die alleinige Grundlage aller Thesen ist. Dann kommt die positive Aussage, die These, was das für Christen und Kirche bedeutet. Als drittes folgt die sog. Abgrenzung. Das, wogegen sich diese These richtet. Dieser Abschnitt beginnt immer mit den Worten: „Wir verwerfen die falsche Lehre…“
Hier als Beispiel die erste These:
Jesus Christus spricht: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich. (Joh 14,6)
Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer nicht zur Tür hineingeht in den Schafstall, sondern steigt anderswo hinein, der ist ein Dieb und Räuber. Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig werden. (Joh 10,1.9
Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.
Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.“
Diese erste These ist die grundlegendste, allgemeinste aller Thesen. Sie bezeugt Christus als den einzigen Maßstab für christliches Handeln, kirchliches Handeln. Nichts anderes steht darüber oder auch nur daneben. Sprich: kein Staat, kein Politiker, keine Partei. Und heute auch: nichts und niemand aus der Wirtschaft. Keine Firmen, Konzerne, Millionäre. Keine Sozialen Medien. Nichts. Gar nichts.
Je mehr ich die Entwicklungen in der Welt verfolge, in den USA, aber auch hier in Europa, hier in Deutschland, desto öfter denke ich mir, wir sollten uns wieder auf das besinnen, was eigentlich zählt. Sollten andere daran erinnern, was das ist.
Als ich 2013 ordiniert wurde, habe ich Barmen in mein Ordinationsversprechen eingebunden. Man muss sich als Pfarrer*in der EKiR für ein lutherische, uniertes oder reformiertes Bekenntnis entscheiden. Jede*r aber kann die Barmer Erklärung in dieses Bekenntnis einbinden. Was ich getan habe. Damals eher als Ausnahme. Etwas, das ich nie bereut habe.
Denn mit jedem Tag finde ich sie wieder wichtiger.
CW
PS: Wenn sie mehr über die Barmer Theologische Erklärung erfahren wollen, finden sie hier eine digitale Ausstellung dazu: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/jubilaeum-bekenntnis-barmen