12/08/2017
Nachdem mich jetzt so viele darauf angesprochen haben, ob ich die Predigt von meiner Verabschiedung nicht einstellen könnte: Hier kommt sie. Für alle, die nicht bei der Verabschiedung dabei sein konnten, und für die, die es nochmals nachlesen wollen. Aus tiefstem Herzen...
Predigt zu meiner Verabschiedung aus Ottoschwanden und Brettental
Philipper 1, 3-10 + Philipper 4, 4-7
30.07.2017 (7. Sonntag nach Trinitatis)
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Guter Gott, segne unser Reden und Hören durch deinen Heiligen Geist. Amen.
Liebe Gemeinde,
lange habe ich überlegt, was ich in meiner – zumindest vorerst – letzten Predigt hier in unseren Gemeinden sagen will. Lange habe ich nach vorgeschlagenen Bibeltexten für eine Verabschiedung gesucht, habe aber keine Vorschläge gefunden. Also bin ich dazu übergegangen, zu überlegen, welche Bibelstelle mir einfallen würde.
Und ich gebe zu, als ich diesen Schritt dann endlich gemacht hatte, selbst zu überlegen, welche Bibelstelle mir denn einfallen würde, da ist mir sofort eine eingefallen, die ich wirklich aus ganzem Herzen zum Abschied passend finde.
Es sind Worte, die Paulus an seine – ich glaube, man kann mit Fug und Recht sagen – Lieblingsgemeinde in Philippi richtet. Lieblingsgemeinde, da es die Gemeinde ist, nach der er sich wohl am meisten sehnt. Wo er sich wohl am meisten wohlgefühlt hat. Er musste sich dort nicht ständig rechtfertigen. Es gibt keine Konflikte, keine Probleme. Er muss sie nicht ständig ermahnen, ihnen sagen, was richtig ist und was nicht.
Sondern Paulus empfindet die Menschen dort als tiefgläubig. Das, was er dort ausgesät hat, das hat tiefe Wurzeln bekommen. Die Menschen leben die Frohe Botschaft von Jesus Christus. Sie leben den Glauben an Jesus Christus. Und sie leben die Liebe zum Nächsten. Sich gegenseitig helfen und füreinander da sein: Es scheint, als sei diese Botschaft von Jesus Christus in Philippi den Menschen eben ins Blut übergegangen. Kein Wunder freut sich Paulus überschwänglich über diese Gemeinde, in der er tätig war. So gerne möchte er sie wieder besuchen. Er sehnt sich regelrecht nach ihnen.
Aber auch die Menschen in Philippi sind in außergewöhnlicher Weise Paulus verbunden. Immer wieder dankt Paulus ihnen dafür, dass sie ihn so großzügig für seine Missionsarbeit bei seinen langen Reisen in die verschiedensten Gemeinden unterstützen. Ja, selbst im Gefängnis, wo er jetzt sitzt, vergessen ihn die Philipper nicht, sondern unterstützen ihn weiterhin. Auch mit ihren Gebeten. Darum schreibt er einen Brief an sie. Er erklärt ihnen, warum er im Gefängnis sitzt. Warum er nicht zu ihnen kommen kann. Er wurde ins Gefängnis gesperrt, weil er den christlichen Glauben verbreitet. Weil er den Menschen von Jesus erzählt und von dem, was mit Jesus passiert ist bzw. was Jesus uns beigebracht hat.
Vom Gefängnis aus schreibt Paulus seinen Brief an die Philipper. Er beginnt diesen Brief mit den Worten, mit denen auch ich jede Predigt beginne: „Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.“
Und dann setzt er eben mit den Worten fort, die auch ich heute an euch, liebe Ottoschwandener und Brettentäler richten möchte:
Philipper 1, 3-11 (Basisbibel mit Neue Genfer Übersetzung und eigene Übersetzungsteile)
3 Ich danke meinem Gott jedes Mal, wenn ich an euch denke.
4 Ich danke ihm in jedem Gebet, das ich für euch alle spreche!
Ich kann voller Freude beten,
5 weil ihr euch ´seit ihr an Christus glaubt,´ so sehr für die Gute Nachricht einsetzt – vom ersten Tag an bis heute.
6 Ich bin ganz sicher: Derjenige [Gott], der das gute Werk bei euch begonnen hat, wird es auch zum Abschluss bringen – bis zu dem Tag, an dem Jesus Christus wiederkommt.
7 ´Geschwister,` ich habe euch so ins Herz geschlossen, dass es mehr als selbstverständlich für mich ist, mit solcher Zuversicht an euch alle zu denken. Denn ob ich nun inhaftiert bin oder ob ich für das Evangelium eintrete und seine Wahrheit bekräftige – immer beteiligt ihr alle euch an dem Auftrag, den Gott mir gegeben hat, und habt damit auch Anteil an der Gnade, die er mich erfahren lässt.
8 Gott weiß, wie sehr ich mich nach euch allen sehne; er ist mein Zeuge. Er weiß auch, dass hinter dieser Sehnsucht meine tiefe Liebe zu euch steht, eine Liebe, die Jesus Christus selber in mir gewirkt hat.
9 Und das ist meine Bitte an Gott: dass er eure Liebe, verbunden mit der rechten Erkenntnis und dem nötigen Einfühlungsvermögen, immer größer werden lässt.
10 Ihr sollt selbst überprüfen können, worauf es ankommt. Denn ihr sollt fehlerlos sein und keinerlei Anstoß erregen an dem Tag, an dem Christus wiederkommt.
11 Durch ihn, Jesus Christus, wird euer Tun von dem geprägt sein, was gut und richtig ist – zum Ruhm und zur Ehre Gottes.
Liebe Gemeinde,
wahrhaftig. Ich danke Gott. Ich danke Gott für die letzten siebeneinhalb Jahre, in denen ich hier in Ottoschwanden und Brettental Pfarrer war und für die weiteren zwei Jahre als Lehrvikar hier. Es wird wohl immer eine ganz besondere Zeit meines Lebens für mich sein. Meine erste Pfarrstelle. So vieles fällt mir ein, was in dieser Zeit gewesen ist. Ich bin dankbar, dass ihr als Gemeinde, als Mitarbeiter, als Kirchengemeinderäte euch auf so viel Neues eingelassen habt. Dass ihr mit mir viel Neues ausprobiert habt. Das Afrikafest, die Tombola beim Gemeindefest, das Tauffest, die Bachtaufen, die Gemeindewoche, den Grünen Gockel, der Adventskalender, das OpenAir. Und so vieles mehr. Wenn ich es auch nur ansatzweise aufzählen würde, und etwas beschreiben würde, säßen wir noch in einer Stunde hier. Bei allem waren immer gleich welche an Bord, die mitgemacht haben, ob beim Adventskalender oder beim Grünen Gockel. Und zwar nicht nur die, die auf unserer langen Mitarbeiterliste stehen, sondern immer wieder auch jemand, der plötzlich da stand und bereit war, für dieses eine Mal mitzumachen. Oder der Kuchen oder Suppen mitbrachte. Spenden für die Tombola usw.
Auch aus den Vereinen, wie beispielsweise dem MSRT beim OpenAir. Es brauchte keinen langen Gespräche, kein bitteln und betteln. Sondern es war gleich klar: Natürlich sind wir dabei. Aber auch einzelne Menschen, wie z.B. als wir ums Gemeindehaus klar Schiff gemacht haben oder die Blumenwiese angelegt haben. Plötzlich waren da Menschen, die mitgearbeitet haben.
Und ich gebe zu, manchmal habe ich dann die Gelegenheit beim Schopf gepackt, wenn ich irgendwie mitbekommen habe, dass da jemand in unserer Gemeinde eine besondere Gabe hat und habe direkt nachgefragt: Könnte sie sich nicht vorstellen, unser Archiv in Ordnung zu bringen? Selbstredend. Ja.
Wahrhaftig: Ich weiß, dass das nicht überall so ist. Das ist es ja, was mich so unbeschreiblich dankbar an diese vergangenen Jahre zurückdenken lässt.
Die Kirche, der Glaube ist fest verankert in unserem Dorf und bei den Menschen. So viele Menschen setzen sich hier für den Glauben an Jesus Christus mit ein. Arbeiten daran mit, dass andere Menschen von der Frohen Botschaft, die wir als Christen haben, erfahren.
Ich bin aber auch dankbar dafür, dass diese beiden Gemeinden so kompetent geleitet werden von euch, liebe Kirchengemeinderäte. Ich habe es immer geschätzt, euch als echtes Gegenüber zu haben, bei dem offen und ehrlich über etwas diskutiert und dann miteinander entschieden wird. Manchmal auch nicht immer einer Meinung, aber alle haben die Mehrheitsmeinung mitgetragen. Ihr ward auch so etwas wie mein regulatives Element, wenn ich mal wieder eine neue Idee hatte, was wir vielleicht auch noch machen könnten. Euer: „Michael, das ist eine tolle Idee, aber das machen wir jetzt auch nicht“, tat mir wirklich gut.
Wahrhaftig, ich bin Gott dankbar für diese Jahre. Die vielen Teams, in denen ich mitgearbeitet habe: Die beiden Gottesdienstteams für Familienkirche und den Gottesdienst der anderen Art. Unzählige Gottesdienste haben wir miteinander vorbereitet und ich habe es immer genossen, wie inspirierend dieses Zusammenarbeiten für mich war, wie viele neue Ideen und Gedanken hier entstanden. Genauso auch beim Konfi-Team und dem Umweltteam. Wir haben uns nicht nur auf diese spezielle Aufgabe konzentriert, sondern es sollte auch immer in die Gemeinde hineinwirken, indem wir miteinander Gottesdienste überlegt, vorbereitet und gefeiert haben. Gemeinsam mit den Konfis. Oder die Auftaktveranstaltung zur Handysammelaktion, zur Fastenzeit, zum ökologischen Fußabdruck… Jetzt das neue „Sela-Gottesdienstteam“.
Gott hat in euch allen seinen Raum und wirkt in und durch euch. Sein Geist weht in den Menschen in Ottoschwanden und Brettental. So viele sollte ich jetzt eigentlich noch nennen, Seniorenarbeit, Jugendarbeit, Kirchenchor, Posaunenchor, Lobpreisteam, die Musikvereine und Gesangvereine, die so viele Gottesdienste mitgestaltet haben… Aber ich werde es wohl nicht schaffen, alle zu nennen. Und vielleicht ist das auch gar nicht nötig. Sondern vielleicht konzentriere ich mich einfach auf die Worte des Paulus. „Ich danke meinem Gott jedes Mal, wenn ich an euch denke.“
Und ich danke Gott dafür, dass er mir in all den Jahren immer wieder neu die Kraft gegeben hat für meine Aufgaben hier. Es gab auch Tage, an denen ich sprach: „Ich h**e meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?“ Es gab schwere Tage. So wie gestern, als ich den Beerdigungsgottesdienst für Erich halten musste. Oder als ich unseren Kirchengemeinderat Hans beerdigen musste, oder Ursula Toball, oder Helga, oder den 27jährigen Roman in Mußbach oder die kleine Mia. Wo ich Menschen gegenüberstand, deren Herz voller Trauer war und die jetzt die richtigen Worte brauchten. Wenn ich an diese Tage denke, werde ich sehr kleinmütig. Werde ich sehr demütig. Weil ich weiß: Das ging über meine Kraft, über mein Vermögen hinaus. Da habe ich wirklich nur noch verzweifelt zu den Bergen schauen können und Gott demütig darum bitten, dass ich die richtigen Worte finde, dass ich die Kraft finde. „Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“ Ich weiß, wem ich die Kraft zu verdanken habe. Auch dafür bin ich dankbar.
Ich weiß auch, dass ich manchem nicht gerecht geworden bin. Dass ich manches nicht geschafft habe. Dass ich manche Menschen vielleicht auch enttäuscht habe. Ihre Erwartung nicht erfüllen konnte. Etwas, was mich nicht unberührt lässt.
Genauso wenig, wie mein Gehen jetzt. Die Ungewissheit, was mich erwartet. Aber jemand hat mich diesbezüglich gestern nach einer Beerdigung an das erinnert, was ich selbst kurz zuvor bei der Beerdigung gepredigt habe. Nämlich: Wenn ich etwas Neues empfangen will, wenn ich etwas Neues in die Hand nehmen will, muss ich das, was bisher in meiner Hand ist, erst loslassen. Erst dann ist meine Hand frei dafür, etwas Neues in Empfang zu nehmen. Dieser Tag des Loslassens ist heute. Der Tag der Verabschiedung. Und so sehr es mir auch Gedanken macht, was kommen wird, in der bevorstehenden Vakanz für Ottoschwanden und Brettental, für mich an der neuen Stelle: Ich weiß, dass Gott bei uns ist und uns allen die Hand füllen wird. Dass wir etwas Neues in die Hand nehmen werden und dass „Gott unseren Fuß nicht gleiten lassen wird.“
Ich weiß, dass wir zu Gott gehören und dass er dafür sorgen wird, dass es gut wird.
Und so möchte ich das sagen, was auch Paulus am Ende seines Briefes geschrieben hat: „Macht euch keine Sorgen! Im Gegenteil! Wendet euch in jeder Lage an Gott.“
Tröstlich für mich: Auch wenn ich gehe. Gott bleibt. Und das ist doch viel entscheidender. Gott wird die Menschen hier so erfüllen, wie er sie bereits in den vergangenen siebeneinhalb Jahren und schon davor erfüllt hat. Und er wird Menschen begeistern, sich für die Gemeinde einzusetzen, so wie es auch schon davor der Fall war. Ich bin nur einer der Mitarbeiter Gottes. Gut, zugegebenermaßen, vielleicht in einem besonderen Amt. Aber eben nur einer von vielen. Und die vielen werden die Gemeinde weitertragen.
So denke ich am Ende: Jeder Abschied führt uns unsere Vergänglichkeit vor Augen. Siebeneinhalb Jahre, die vergangen sind und die nicht wiederkehren werden. So ist jeder Abschied auch ein kleiner Tod. Tröstlich für mich aber, dass ich weiß, dass wir uns wiedersehen werden. Ich habe es schon öfters gesagt: Meine Familie und ich werden nicht einfach alle Beziehungen hier zu den Menschen abbrechen. Immer wieder werden wir zu Besuch kommen und uns über die Freundschaften und netten Gespräche auch weiterhin freuen. Ich freue mich darüber, immer wieder hier in Freiamt vorbeischauen zu können und nicht wie Paulus voller Sehnsucht im Gefängnis zu sitzen und nicht die Freiheit zu haben, bei den Menschen vorbeizuschauen, die einem so ans Herz gewachsen sind.
Am Ende möchte ich euch aber noch die Worte zusprechen, die Paulus zum Abschluss seines Briefes an seine Gemeinde in Philippi geschrieben hat.
Philipper 4, 4-7 (Basisbibel)
4 Freut euch immerzu, weil ihr zum Herrn gehört! Ich sage es noch einmal: Freut euch!
5 Alle Menschen sollen merken, wie gütig ihr seid! Der Herr ist nahe!
6 Macht euch keine Sorgen! Im Gegenteil! Wendet euch in jeder Lage an Gott. Tragt ihm eure Anliegen vor – in Gebeten und Fürbitten und voller Dankbarkeit.
7 Und der Friede Gottes, der jede Vorstellung übertrifft,
soll eure Herzen und Gedanken behüten.
In der Gemeinschaft mit Jesus Christus soll er sie bewahren.
So sei es! Oder wie die Bibel sagt:
Amen.