05/04/2026
Eine Nachricht, die 71% nicht gefallen wird. - die Predigt an Ostersonntag
von Pfr. Jörg Zech
Die Kirche wird kleiner. Wir werden weniger. Durch Todesfälle und Austritte. Kirche und Christentum haben weniger zu sagen.
Dabei sind die Kirchen doch wichtige Kulturträger. Viele Kirchen sind neben ihrer Funktion als Gebetsraum Zeugen unserer Geschichte. Reich ausgestattet mit Bildern, Fesken, Figuren und sonstigen Kunstsschätzen, die Einblick in unsere deutsche und europäische Geschichte geben. Die Diakonischen Einrichtungen der Kirchen sind wertvolle Fürsorgeinstitutionen, die einen enormen Anteil am sozialen Netz und an der Versorgung mit sozialen Hilfeleistungen haben, von den Bahnhofsmissionen, über die Schwangerenberatungsstellen und Kindergärten bis hin zu den Tafeln, für die wir an Erntedank sammeln.
Kirche ist ein wertvoller gesellschaftlicher Player. Den muss man doch erhalten. Was wäre das für ein Verlust, wenn der weg fiele. So viele Mitarbeitende, auch so viele engagierte Ehrenamtliche. Wir sind deswegen doch eine wertvolle und wichtige Gruppe, auf die man nicht verzichten kann. Und wir selber können stolz auf uns sein. Ikonen wie Mutter Teresa oder Albert Schweizer beweisen doch, wie toll wir sind.
Auch wenn viele von uns nicht mehr an die Auferstehung glauben. Das hat eine Umfrage diese Woche ergeben. Nur 29% der evangelischen Kirchenmitglieder glauben an die Auferstehung. Offenbar reichte in der Vergangenheit das soziale und kulturelle Engagement der Kirchen aus, um sich uns Christinnen+Christen anzuschließen. Und wie gerade gesagt: unser Engagement ist doch Grund genug und Fundament genug - darauf kann man doch auch stolz sein.
Der Apostel Paulus antwortet mit unserem Predigttext darauf:
Und die Antwort wird 71% unserer Mitglieder nicht gefallen:
Im 1. Kor 15 schreibt er:
9Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen.
20Nun aber ist Christus auferweckt von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. 21Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. 22Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden.
25Denn er muss herrschen, bis Gott wie es im Psalm heißt »alle Feinde unter seine Füße gelegt hat«. Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod. 27Denn »alles hat Gott unter seine Füße getan«
Mit der Auferstehung steht und fällt zwar nicht unser soziales oder kulturelles Engagement, nicht unsere gesellschaftliche Bedeutung. Aber unsere Daseinsberechtigung.
Kirche, das griechische Fremdwort, das übersetzt bedeutet: die Gemeinschaft, die zum Herrn gehört, Diese Kirche hat eine Aufgabe:
Sie soll von der Auferstehung des Herrn reden. Die Menschen sollen erfahren, dass der Tod nicht das letzte Wort hat.
Wir reden gerne von Unsterblichkeit, wenn jemand sich einen Namen macht und in die Annalen, in die Hall of Fame eingeht: sei es ein talentierte Musikerin, ein weitsichtiger Politik, eine begnadete Künstlerin oder ein großer Erfinder.
Aber davon ist bei Paulus nicht die Rede. Es geht um dich und mich.
Es geht darum, dass wir alle nicht ins Nichts fallen, wenn wir sterben. Sondern in seine Hände – und wir werden alle wieder lebendig gemacht werden. Damit wir das zeigen können. Damit die wahren Machtverhältnisse deutlich werden.
Denn Paulus ergänzt:
„Wenn es aber heißt, alles sei dem Sohn Gottes unterworfen, so ist offenbar, dass der ausgenommen ist, der ihm alles unterworfen hat. 28Wenn aber alles ihm untertan sein wird, dann wird auch der Sohn selbst untertan sein dem, der ihm alles unterworfen hat, auf dass Gott sei alles in allem.“
Dazu muss man wissen:
Paulus schreibt das nicht als eine Überlegung, zu der er nach langem Grübeln und Nachdenken gekommen ist. Er ist dem Auferstandenen selber begegnet.
Kurz vor unserem Predigttext berichtet er, dass Jesus auferstanden ist und von seinem engsten Jüngerkreis und vielen anderen gesehen wurde. Zuletzt von allen – schreibt er da - ist ER auch von mir als einer unzeitigen Geburt gesehen worden - , der ich nicht wert bin, dass ich ein Apostel heiße, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe.
Dieser Mann, der eigentlich ganz andere Absichten und Ansichten hatte, hat es erkannt – ja: erkennen müssen:
Christus ist kein Mythos, keine Einbildung, keine Theorie – er ist der, von dem es im Predigttext heißt:
durch den ersten Menschen ist der Tod gekommen – und durch den anderen, durch Jesus Christus, ist die Auferstehung der Toten in die Welt gelangt. Alle werden lebendig gemacht durch ihn.
Wir Christen sind überzeugt davon, dass Gott die Welt und auch den Menschen erschaffen hat: Adam hat er erschaffen, ADAM - gleichzeitig ein Vorname und der hebräische Begriff für „Mensch“.
Die Erschaffung des Menschen, das beinhaltet die Einführung des Todes in die Geschichte der Menschheit: Denn Christinnen glauben nicht unbedingt nur an die eine biblische Figur des Adam, sondern an den Adam, den Mensch, den Gott geschaffen hat. Diese neue Spezies, die als einzige unter allen anderen Lebewesen, über sich selber nachdenkt. Die Spezies, die sich selber sieht, ihr eigenes Bild mitbestimmt, sich zu ihrer Umwelt in Beziehung setzt, die als einzige ein ausgeprägtes Bewusstsein ihrer selbst hat und: die immer wieder ihre Grenzen auslotet.
Vor allem diese eine letzte Grenze - über die kann sie nicht hinweg. Keiner kann darüber hinweg: der Tod trifft jede und jeden.
Und genauso – sagt Paulus – hat mich die Auferstehung getroffen: einer, der tot war, einer, der gar nicht da hätte sein dürfen, DER begegnet Paulus.
Und zeigt ihm den Fehler in seinem Weltbild:
Nicht der TOD hat das letzte Wort – GOTT hat das letzte Wort.
Nachdem Paulus diese Begegnung hat, gibt es wortwörtlich kein Halten mehr. Er taumelt, er fällt, bleibt ein paar Tage blind, muss geführt werden von seinen Dienern, bis einer der ersten Christen, zu dem er gebracht wird, ihm die Hand auflegt. Da beginnt sein neuer Weg: als er plötzlich wieder sehen kann – und nun alles in einem anderen Licht sieht.
Ein neues Leben beginnt für ihn:
das Leben in der faktischen Anerkennung der Auferstehung.
Das Leben, in dem er nun wirklich anerkennt, dass nicht die harte Realität, nicht der grausame Tod, nicht die Gesellschaft oder irgendeine feste Ordnung bestimmt, was ist. Sondern der, der Christus auferweckt hat. Der, der die Möglichkeit ins Spiel gebracht hat, dass es mehr gibt als das biologische Dasein. Der alles erschaffen hat, sogar den Tod – und der darüber verfügen kann. Über alles in allem: Tod inklusive.
Das hat Paulus auf den Weg gebracht. Neu und anders. Auf den Weg des Lebens in der Anerkennung der Auferstehung, der Anerkennung von Gottes letztem Wort – über alles.
Das hat bis heute Menschen auf den Weg gebracht. Und bringt Menschen noch immer auf neue Wege.
Die Wege sind unterschiedlichm, aber immer ist es ein Weg der Anerkennung von Gottes letztem Wort.
Die ersten Jüngerinnen und Jünger, die Kirchenväter und -mütter, die Märtyrer der Alten Kirche. Oder Menschen, die in ihrem Handeln heilig wirken wie Franz von Asissi oder Mutter Teresa. Oder auch Menschen, die es mutig mit der ganzen Gesellschaft aufnehmen wie Martin Luther, Heinrich Wichern oder Dietrich Bonhoeffer.
Menschen, die eines gemeinsam haben:
sie haben die Auferstehung anerkannt. Sie haben anerkannt, dass durch den auferweckten Christus Gott seine Schöpfung zurück fordert. Dass nicht das Recht das Stärkeren gelten soll, sondern das Wort Gottes.
Das ist der Grund, warum wir noch da sind.
Nicht weil wir so wertvoll sind, so hilfsbereit, so altruistisch, oder so nützlich,so gebildet, so kulturbewusst oder so sozial.
Sondern, weil Gott durch uns ein Zeichen und: sein Wort setzt.
Wir sind nicht wichtig, weil wir heiliger, aufopferungsvoller, ehrlicher, wahrheitsliebender sind als andere. Wir glauben an die Auferstehung – und dadurch sind wir für Gott und die Menschheit wichtig: dadurch werden wir – nicht immer, aber von Zeit zu Zeit, aus Gottes Gnade heraus wie Paulus aufopferungsvoll, heilig, mutig, gebildet, sozial, wahrheitsliebend.
Egal, wie klein die Kirche ist und noch wird. Solange wir die Auferstehung anerkennen, solange Gott uns das glauben und danach leben lässt, solange wird es uns geben.
Solange dürfen wir Ostern feiern. Und in der Osterfreude leben.
Der Herr ist auferstanden. ER ist wahrhaftig auferstanden.
Amen.