31/08/2026
Bruder Pierre macht sich Sorgen um die zunehmende Selbstdarstellung der Menschen. Ein Kommentar.
"Heute reicht es nicht mehr aus, einfach nur zu existieren: Es scheint notwendig zu sein, jede eigene Erfahrung obsessiv mit den Erlebnissen anderer zu vergleichen.
Der Vergleich findet selten zwischen echten Leben statt. Er passiert zwischen sichtbaren Fragmenten: dem, was in sozialen Netzwerken gepostet wird, oder den falschen Erfolgsgeschichten, die wir oft von Kollegen, Verwandten oder Freunden hören. Nach und nach werden wir zu Gefangenen dessen, was andere denken könnten. Und am Ende leben wir das Leben, das andere von uns erwarten. Jeden Schritt, den wir machen, messen wir am Blick der anderen. Wir ziehen uns an, um hineinzupassen, wir reden, um zu gefallen, wir schweigen, um niemanden zu verärgern – ein Leben im Gefängnis der kollektiven Meinung, die niemals schweigt.
Die Folge ist schlimm. Das Gefühl von Mangel und Versagen wird ständig da sein. Es scheint immer etwas zu fehlen. Mehr Geld. Mehr Schönheit. Mehr Anerkennung. Mehr Reisen. Mehr Stabilität. Mehr Erfolg. Dann wird das Leben nicht mehr als persönliches Projekt erlebt, sondern als endloser „Wettbewerb“.
Soziale Netzwerke und die Offenlegung des Privatlebens im Internet verstärken dieses Phänomen, weil sie die Selbstdarstellung zur kulturellen Norm machen. Auf Facebook, TikTok oder YouTube wird fast alles retuschiert und verschönert. Selbst Spontanität ist meist kalkuliert. Das Problem ist nicht, dass Menschen ihre besten Momente zeigen. Das Problem ist, zu vergessen, dass es genau das sind: Momente, keine Gesamtheit unseres Daseins.
Angesichts dessen muss man sich daran erinnern, dass sich das menschliche Leben nicht angemessen von „außen“ oder anhand momentaner Trends messen lässt. Jedes Leben hat einzigartige Bedingungen. Unterschiedliche Verletzungen und Schwierigkeiten. Unterschiedliche Möglichkeiten. Unterschiedliche Zeiträume. Leben zu vergleichen, als wären sie gleichwertige Objekte, führt zu einer stillen Form der Ungerechtigkeit gegenüber sichselbst."
Ein Kommentar von Bruder Pierre Guillén, München.