31/01/2022
Einweihung der alten Synagoge (zerstört an der Kristallnacht)
Marburg. Der 18. Elul (Anm.: 15. September 1897) bildet einen Wendepunkt in der Geschichte der jüdischen Gemeinde Marburg. Es ist der Tag, an dem die Tag Synagoge eingeweiht wurde. Wenn schon für jede jüdische Gemeinde ein solcher Tag von Bedeutung ist, so muss dies für die unsrige ganz besonders der Fall sein. Marburg, die Stadt im herrlichen Lahnthale, darf nicht nach ihrer numerischen Einwohnerzahl gemessen werden. Durch die Universität gewinnt sie eine Wichtigkeit, die nicht unterschätzt werden darf. Junge Leute, die hier ihren Studien obliegen, lernen auch hier zum ersten Mal das Leben kennen, die Eindrücke, die sie empfangen, tragen sie mit sich für alle Zeit fort. ... In unserer Zeit gewinnt ja wieder das religiöse Leben an Boden und wird demselben mannigfaches Interesse entgegengebracht. Der nichtjüdische Student sehnt sich oft danach auch unsere Kultusstätte und unsern Kultus kennen zu lernen. Die irrigsten Vorstellungen herrschen ja über denselben selbst in den Kreisen, von denen man es nicht erwarten sollte... Doch bevor ich die Einweihungsfeier des imposanten Baues vorführe, will ich den Abschied von dem schlichten alten Gebethause schildern. Die ganze Gemeinde hatte sich zum Morgengottesdienst in diesem vereinigt. Das Gebet ging in üblicher Weise vor sich, da ertönt plötzlich beim Tachanun (Bittgebet "Tachanun") aus dem Munde unseres Rabbiners das Schomer Jisrael ("Hüter Israels" = Gott). Wer die antisemitischen Irrungen und Wirrungen der letzten Jahre kennt, wird begreifen, welchen Eindruck dieses Bekenntnisgebet auf Hörer Marburgs machte. Nach Beendigung des Gottesdienstes sprach Herr Provinzial-Rabbiner Dr. Munk der Gemeinde die ... vor, worauf dieser in einer kurzen, aber ergreifenden Ansprache an die Gemeinde sich wandte. Fast niemand blieb thränenleer, als er das Gotteshaus selbst apostrophierte, dasselbe um Mechila (Verzeihung) bat und seiner Würde und Weise dann gleichsam entkleidete. Hierauf erschallten zum letzten Male die Schofartöne an dieser Stelle.
Um 1/2 12 Uhr begann die Einweihungsfeier der neuen Synagoge. Im Vorgarten hatte sich die gesamte Gemeinde mit ihren Gästen versammelt. ... Nachdem in feierlicher Weise von dem Gemeindeältesten Herrn Koppel Strauß der Landrat den Schlüssel erhalten hatte, übergab ihn dieser mit einer kurzen Ansprache dem Provinzial-Rabbiner Dr. Munk. Mit dem Schlüssel stieg nun dieser die Stufen zum Hauptportale empor. Die Worte, die über demselben eingemeißelt sind Pitechu li schaarei zädäk usw. ("Öffnet mir die Tore der Gerechtigkeit" usw.) und die folgenden Verse des Psalms paraphrasierte der Redner in kurzer, markiger Sprache und öffnete das Tor. ... Den Mittelpunkt der Feier bildete die Predigt des Herrn Provinzial-Rabbiner Dr. Munk. ... Mit jesaianischen Worten warf er die Frage auf, wozu dem Allumfasser, dessen Tempel die Natur ist, ein Gotteshaus. Die Antwort gab er in der geistvollen Deutung der Bezeichnungen, die ein jüdisches Gotteshaus führt. Beit HaTefilla ("Haus des Gebetes"), Mischkan HaEdut ("Haus des Gesetzes"), Beit HaKnesset ("Haus der Versammlung"). Meisterhaft war inhaltlich und formell die Ausführung. Begeistert begeisterte der Redner, ergriffen waren die Hörer. Gewaltig wirkten auch die musikalischen Theile der Feier, um die sich Herr Lehrer Strauß ungetheiltes Lob und Verdienst erworben hat. Mit Verständnis für den Geist der hebräischen Poesie wusste er die Compositionen dem von ihm geschulten Chore und Orchester beizubringen, dass es eine vollendete Leistung war. Auf den Gesichtern aller Theilnehmer der Einweihung las man die Begeisterung. Ein Kiddusch haSchem (Heiligung des Namens) war es und bleibt es, wie die obengenannten Vertretern Vertreter der Behörden, zum Theil Männer mit glänzenden Namen, alle in hervorragenden Stellungen, die wärmste Anerkennung und den innigsten Dank unserem hoch- und allverehrten Provinzial-Rabbiner Dr. Munk aussprachen. Man sah und hörte, dass es nicht konventionelle Formen waren. Noch heute bildet in diesen Kreisen die erh**ende Feier das Gespräch.
Ungefähr eine Stunde nach dieser Feier fand ein feierlicher Mincha-Gottesdienst statt. Am späten Nachmittage versammelte sich die gesammte Gemeinde zu einem Festdiner. Thränen traten mir in die Augen, als ich beim Betreten des Saales einen der ältesten Männer, der aus einem alten Marburger Geschlechte stammt, vor Freuden tanzen sah. In diesem Momente ging mir fast ein Jahrhundert der jüdischen Geschichte Marburg's durch den Kopf. Den Kaiser-Toast brachte der Herr Provinzial-Rabbiner aus, indem er den Kaiser als Friedensfürsten, dem die Religion wahre Herzenssache ist, feierte. ... Die Feier war freudig und würdig, eine Feier, wie sie dem jüdischen Geiste und Herzen entspricht. Der Tag aber bleibt ein Ehrentag für die jüdische Gemeinde Marburgs.
S. weitere Bilder hier: https://www.facebook.com/groups/376652252445547/permalink/4541721949271869/