12/07/2026
Der KI-Fetisch
Hier veröffentlichen wir einen Ausschnitt aus unserem Heft "Mensch werden! Kleine theologische Anstöße zur Digitalisierung", das ihr bei uns bestellen könnt: https://www.itpol.de/mensch_werden_digitalisierungskritik/
KI ist in aller Munde. Sie wird oft überhöht und ihr werden Eigenschaften zugeschrieben, die sie nicht hat. Im Wesentlichen handelt es sich um einen stochastischen Papagei, eine Maschine, die nichts anderes kann, als Wahrscheinlichkeiten berechnen. Und doch schreiben so viele der KI ein Bewusstsein zu und sind per Du mit ihr. Warum eigentlich? Ist ein Rechenprogramm etwa ein Subjekt? Man würde doch eher als wunderlich gelten, wenn man mit den Dingen um sich spricht.
Einer Sache oder einer Ware eine Eigenschaft zuschreiben, die ihr nicht zukommt, hat Karl Marx mit dem Begriff Warenfetisch gekennzeichnet. Das hat er als falsches Bewusstsein entlarvt. Es kommt vor, dass die menschliche Arbeit, die gebraucht wurde, um eine Ware herzustellen, als quasi natürlich verstanden wird. Damit wird die Arbeit unsichtbar und die Ware aufgeladen mit Bedeutung. Ihr wird ein Wert zugesprochen, der losgelöst scheint von der Produktion.
KI kann als eine besondere Form des Warenfetisch verstanden werden. Hinter der KI steht all die menschliche Arbeit, die geleistet wurde und bei der Menschen enteignet wurden. KIs werden mit Büchern, Kunst, Wissen und allem, was Menschen so produzieren, „gefüttert“. Es sind außerdem Menschen, die im Hintergrund die Arbeit leisten und KIs „trainieren“. Heraus kommt ein Produkt, das quasi als bewusstes Gegenüber erscheint, in dem die menschliche Arbeit und die gesellschaftlichen Verhältnisse unsichtbar gemacht werden. Diese Ware scheint für sich selbst zu stehen. Sie bestimmt und erklärt nun die Welt.
Damit wird aber die Welt der Religion berührt, denn der Warenfetisch produziert somit neue Götzen, die über den Menschen herrschen. Franz Hinkelammert nannte das, was der Warenfetisch hervorbringt, einmal prägnant „einen Polytheismus der Warenwelt“.
Marx‘ Fetischanalyse hilft die ideologischen Grundlagen des Kapitalismus zu verstehen und Kritik zu üben an der verdeckten Herrschaft des Kapitals. Um Herrschafts- und Götzenkritik geht es auch bei den Propheten und Jesus. Götzen werden in der Bibel immer wieder zurückgewiesen, weil sie nicht den konkreten Menschen mit seinen konkreten Bedürfnissen in den Mittelpunkt von Gesellschaft und Geschichte stellen. An diesem Punkt treffen sich marxsche Kapitalismuskritik und Theologie, um gemeinsam keinen Stein auf dem anderen zu lassen und die Befreiung des Menschen voranzutreiben.