06/03/2026
Dharma als Schutz oder als Weg des Herzens
Wenn wir den spirituellen Weg gehen, soll genau dieser Weg uns befreien. Doch manchmal ist unser Ego sehr stark, sodass wir das Dharma – die Belehrung – zum Schutz unseres Egos benutzen.
Wenn uns jemand emotional näherkommt, als es uns lieb ist, wenn er vielleicht etwas sagt, das uns verletzt, oder sich mehr Rücksicht, mehr Klarheit oder mehr Nähe wünscht, beginnt in uns etwas abzuwehren, noch bevor wir wirklich zuhören können. Du bleibst ruhig, du atmest, und du findest durch die Dharma-Belehrung klare Worte.
Und wir sagen: Du bist in deiner Projektion. Du bist gerade sehr in deinem Ego. Du bist in der Verblendung, du bist in der Anhaftung. Für uns fühlt es sich an, als wären wir tief mit dem Dharma verbunden, als hätten wir die Klarheit zu sehen, was geschieht. Doch in Wahrheit benutzen wir das Dharma, um uns nicht zeigen zu müssen.
Du kannst nicht zugeben, dass seine Worte dich treffen. Du willst nicht zeigen, dass du unsicher bist. Du willst nicht eingestehen, dass du Angst hast, nicht zu genügen. Genau dieses Dharma hilft dir dann, dein Ego zu schützen, statt dich zu befreien. Es wird zu einer Absicherung deines Egos.
Der andere kann kaum noch antworten. Er wird mundtot gemacht. Denn wer möchte schon gegen Begriffe wie Ego, Anhaftung oder Verblendung argumentieren?
Vielleicht fehlt den Menschen auch der Mut, oder sie sind zu müde, um weiter zu diskutieren. So bleibst du auf Distanz. Die Situation klärt sich nicht.
Die Beziehung wird nicht tiefer. Und doch sehnen wir uns tief in uns nach Nähe. Wir sehnen uns nach Verbindung.
Aber wenn du das Dharma auf diese Weise benutzt, verhinderst du, dass wirkliche Begegnung und echte Verbindung entstehen. Nähe bedeutet für dich, gesehen zu werden. Gesehen zu werden bedeutet, verletzlich zu sein.
Vielleicht war es in deiner Kindheit nicht sicher, verletzlich zu sein. Verletzlichkeit hat Schmerz bedeutet. Deshalb benutzt du das Dharma, um in die Vermeidung zu gehen. Ganz bewusst oder unbewusst.
Du verstehst das Dharma, anstatt zu fühlen. Du erklärst das Dharma, doch es berührt niemanden. Statt einer tiefen Begegnung gibst du den Menschen eine Belehrung – gesprochen aus einer Position heraus, die dein Ego schützt.
Das ist kein Fehler und kein Versagen, sondern eine alte Form des Selbstschutzes. Manchmal mussten wir früh stark sein. Wir durften keine Schwäche zeigen.
Vielleicht hat das Leben dich gelehrt, dass Gefühle wehtun. Also hältst du Menschen auf Abstand. Nun benutzen wir eine spirituelle Sprache, um unsere Verletzlichkeit zu vermeiden, um den alten Gefühlen nicht begegnen zu müssen.
Doch wirkliche Praxis besteht nicht nur darin zu erkennen oder zu benennen, was richtig oder falsch ist. Sie besteht darin wahrzunehmen, was in uns gerade wirklich geschieht, was eng macht, was Druck aufbaut.
Vielleicht bist du in einem Moment ehrlich und erkennst: Nicht der andere ist in der Anhaftung – ich bin es. Und wenn du den Mut hast zu sagen: Ich merke, dass mich das gerade überfordert. Ich habe Angst, dir nicht gerecht zu werden. Ich ziehe mich nicht zurück, weil ich recht habe, sondern weil ich mich ohnmächtig fühle.
Genau dort beginnt das Dharma lebendig zu werden. Genau dort wird es praktiziert. Du verlierst nicht dein Gesicht – vielmehr kann echte Beziehung entstehen.
Und genau dort verliert das Dharma seine Funktion als Schutzmauer. Es wird wieder ein Weg des Herzens. Mögen wir es verstehen, es für uns anwenden und praktizieren – als einen Weg der Hoffnung, einen Weg der Verbindung, einen Weg des Verständnisses, einen Weg des Austauschs – und nicht als Schutz unseres Egos, um auf Distanz zu bleiben.
Mögen alle Menschen die Weisheit haben, das Dharma in ihren Alltag zu integrieren und sich selbst ehrlich zu reflektieren. Mögen wir den Mut haben zuzugeben, dass wir tief berührt sind. Mögen alle Menschen glücklich sein. Mögen alle Menschen frei von Leid sein.
Thay Thien Son, 02.03.26