Jüdische Gemeinde Kiel

Jüdische Gemeinde Kiel Ihr jüdisches Zuhause in Kiel! Gebete - Feiertage - Bildung - Religionsunterricht für Kinder, Jug Gebetszeiten auf Anfrage.

Nach allen Gebeten gemeinsamer Kiddusch mit Essen oder Imbiss. Wenn Sie die Jüdische Gemeinde Kiel besuchen möchten, melden Sie sich bitte vorher an unter 0431 / 657 50 -29 oder -30 oder schicken Sie uns eine Nachricht.

07/04/2026

Nachruf auf Pastor i. R. Joachim Liß-Walther sel. A.

26. Juni 1949 – 8. März 2026

Mit großer Trauer und tiefer Dankbarkeit nehmen wir Abschied von Pastor i. R. Joachim Liß-Walther, der am 8. März 2026 verstorben ist.

Joachim Liß-Walther war über Jahrzehnte eine prägende Persönlichkeit des christlich-jüdischen Dialogs in Schleswig-Holstein. Sein Wirken war getragen von einer tiefen inneren Überzeugung, von theologischer Klarheit und von einer seltenen menschlichen Zugewandtheit. Seit ihrer Gründung war er ein enger Freund der Jüdischen Gemeinde Kiel. In der Zeit des Neuanfangs stellte er als Pastor sein Gemeindehaus zur Verfügung und öffnete damit nicht nur Räume, sondern auch Herzen für erste eigenständige Schritte jüdischen Lebens in der Landeshauptstadt.

Dieses Engagement setzte sich fort in seinem unermüdlichen Einsatz für Verständigung und Begegnung. Von 2004 bis 2025 war er Vorsitzender der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Schleswig-Holstein e. V. und prägte diese über zwei Jahrzehnte hinweg entscheidend. Er organisierte Begegnungen, Ausstellungen, Vorträge und Gedenkveranstaltungen und trat mit großer Klarheit Antisemitismus und Geschichtsvergessenheit entgegen. Sein Wirken reichte weit über Kiel hinaus und half, jüdisches Leben in Schleswig-Holstein sichtbar und erfahrbar zu machen.

Ein besonderes Anliegen war ihm das Erinnern: Er initiierte Gedenkgottesdienste und die „Novembertage“ zum Gedenken an die Pogromnacht des 9. November 1938 sowie Veranstaltungen zum 27. Januar, zunächst in Kiel, im (Un-)Ruhestand auch in seiner Heimatstadt Schleswig. Auch die Verlegung von Stolpersteinen und zahlreiche Bildungsprojekte gehen auf seine Initiative oder maßgebliche Mitwirkung zurück.

Joachim Liß-Walther war zudem Teilnehmer des Runden Tisches „Eine Synagoge für Kiel“, aus dem schließlich die Synagoge „Mishkan Shalom“ in der Waitzstraße hervorging – ein sichtbares Zeichen des wiedererstarkten jüdischen Lebens, dessen Aufbau er über viele Jahre hinweg begleitete und unterstützte.
Neben seinem theologischen und gesellschaftlichen Engagement war er ein hochmusikalischer und feinsinniger Mensch. Als ausgezeichneter Pianist brachte er immer wieder Werke fast vergessener jüdischer Komponisten zur Aufführung und eröffnete damit vielen Menschen einen neuen Zugang zu jüdischer Kultur und Geschichte.

Für seine außergewöhnlichen Verdienste wurde ihm am 24. Januar 2026 – bereits schwer erkrankt – in seiner Wohnung das Bundesverdienstkreuz verliehen. Ministerpräsident Daniel Günther überreichte ihm diese hohe Auszeichnung in Anerkennung seines jahrzehntelangen Einsatzes für den christlich-jüdischen Dialog und den Wiederaufbau jüdischen Lebens in Schleswig-Holstein.

Sein Handeln war tief verwurzelt in seinem Glauben. Das Wort des Propheten Sacharja (2,12): „Wer euch antastet, der tastet meinen Augapfel an“ war ihm im Verhältnis zum Judentum Leitmotiv und Verpflichtung zugleich. Daraus schöpfte er Kraft für sein lebenslanges Engagement – beharrlich, zugewandt und von großer innerer Klarheit getragen.

An seiner Seite stand all die Jahre seine Frau Dorothea Walther, die ihn unterstützte, stärkte und begleitete. Ihr gilt unsere aufrichtige Anteilnahme.

Mit Joachim Liß-Walther verlieren wir einen Brückenbauer, einen Mahner gegen das Vergessen und einen leidenschaftlichen Streiter für ein friedliches, mehr noch, ein freundschaftliches Miteinander. Sein Wirken wird bleiben – in den Institutionen, die er geprägt hat, in den Begegnungen, die er ermöglicht hat, und in den Herzen der Menschen, die ihn erleben durften.

Möge sein Andenken zum Segen sein.

Некролог пастору в отставке Йоахиму Лисс-Вальтеру, благословенной памяти
26 июня 1949 – 8 марта 2026
С глубокой скорбью и искренней благодарностью мы прощаемся с пастором в отставке Йоахимом Лисс-Вальтером, который скончался 8 марта 2026 года.
Йоахим Лисс-Вальтер на протяжении десятилетий был одной из ключевых фигур христианско-иудейского диалога в земле Шлезвиг-Гольштейн. Его деятельность основывалась на глубоком внутреннем убеждении, богословской ясности и редкой человеческой чуткости. С момента своего основания Еврейская община Киля имела в нём верного друга. В период нового начала он, будучи пастором, предоставил здание своей общины, открыв тем самым не только помещения, но и сердца для первых самостоятельных шагов возрождения еврейской жизни в столице земли.
Это служение продолжилось в его неустанной работе ради взаимопонимания и диалога. С 2004 по 2025 год он был председателем Общества христианско-иудейского сотрудничества Шлезвиг-Гольштейна и на протяжении более чем двух десятилетий решающим образом формировал его деятельность. Он организовывал встречи, выставки, лекции и памятные мероприятия и с большой принципиальностью выступал против антисемитизма и забвения истории. Его деятельность выходила далеко за пределы Киля и способствовала тому, чтобы еврейская жизнь в Шлезвиг-Гольштейне стала видимой и ощутимой.
Особое значение для него имела культура памяти: он инициировал поминальные богослужения и «Ноябрьские дни» в память о погромной ночи 9 ноября 1938 года, а также мероприятия 27 января — сначала в Киле, а затем и в годы (не)активного отдыха в его родном городе Шлезвиг. Установка «камней преткновения» (Stolpersteine) и многочисленные образовательные проекты также были осуществлены по его инициативе или при его решающем участии.
Йоахим Лисс-Вальтер также был участником круглого стола «Синагога для Киля», из которого впоследствии выросла синагога «Мишкан Шалом» на улице Вайтцштрассе — наглядный знак возрождения еврейской жизни, становление которой он на протяжении многих лет сопровождал и поддерживал.
Наряду с богословской и общественной деятельностью он был человеком высокой музыкальности и тонкого душевного склада. Как выдающийся пианист он неоднократно исполнял произведения почти забытых еврейских композиторов, открывая тем самым многим людям новый доступ к еврейской культуре и истории.
За свои выдающиеся заслуги 24 января 2026 года — уже тяжело больной — он был награждён орденом «За заслуги перед Федеративной Республикой Германия» у себя дома. Премьер-министр земли Даниэль Гюнтер вручил ему эту высокую награду в знак признания его многолетнего служения христианско-иудейскому диалогу и содействия возрождению еврейской жизни в Шлезвиг-Гольштейне.
Его поступки были глубоко укоренены в его вере. Слова пророка Захарии (2:12):
«Кто касается вас, тот касается зеницы ока Моего»
были для него в отношении к иудаизму одновременно руководящим принципом и нравственным обязательством. Из них он черпал силы для своего многолетнего служения — настойчивого, внимательного и отмеченного внутренней ясностью.
Все эти годы рядом с ним была его супруга Доротея Вальтер, которая поддерживала его, укрепляла и сопровождала. Ей мы выражаем наши искренние соболезнования.
С Йоахимом Лисс-Вальтером мы теряем строителя мостов, хранителя памяти и страстного защитника мирного — более того, дружественного — сосуществования. Его дело будет жить — в созданных им институциях, в инициированных им встречах и в сердцах людей, которым посчастливилось его знать.
Да будет его память благословенна.

Mit großer Trauer haben wir erfahren, dassPastor i. R. Joachim Liß-Waltheram 8. März 2026 verstorben ist.Pastor Liß-Walt...
09/03/2026

Mit großer Trauer haben wir erfahren, dass

Pastor i. R. Joachim Liß-Walther

am 8. März 2026 verstorben ist.

Pastor Liß-Walther war unserer Gemeinde seit ihrer Gründung ein guter Freund und stand uns stets mit Rat und Tat zur Seite.

Für seine jahrzehntelangen Verdienste um den christlich-jüdischen Dialog wurde er im Januar 2026 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Wir werden sein Andenken stets in Ehren halten.

ברוך דיין האמת

Vielen Dank für den freundlichen Besuch und das gute Gespräch!
05/03/2026

Vielen Dank für den freundlichen Besuch und das gute Gespräch!

02/03/2026

🎭 Purim, Amalek und unsere Zeit

Purim ist das ausgelassenste Fest des jüdischen Jahres – Masken, Lachen, Mischloach Manot, Wein. Und doch ist es zugleich eines der ernstesten. Denn im Zentrum steht die Megillat Esther, die Geschichte einer existenziellen Bedrohung unseres Volkes im persischen Reich.

Der Schauplatz ist das alte Persien – das Gebiet des heutigen Iran. Dort erhob sich ein Mann namens Haman, „הָאֲגָגִי“ – der Agagiter. Schon diese Bezeichnung öffnet ein Tor in die Geschichte.
Die Megilla stellt Haman in eine genealogische Linie: Er ist Nachfahre von Agag, dem König von Amalek. Damit verbindet sich die Geschichte von Amalek – jenem Volk, das Israel unmittelbar nach dem Auszug aus Ägypten angriff.

Die Tora sagt:
זָכוֹר אֵת אֲשֶׁר עָשָׂה לְךָ עֲמָלֵק… תִּמְחֶה אֶת זֵכֶר עֲמָלֵק
„Gedenke, was Amalek dir getan hat… du sollst das Andenken Amaleks auslöschen.“ (Dewarim 25,17–19)

Was bedeutet das?
Ist es ein ewiger Auftrag zur physischen Vernichtung?

Unsere Weisen lehren: Amalek ist mehr als ein biologisches Volk. Amalek ist die Ideologie der grundlosen Vernichtungswut, des kalten Hasses, der das Schwache angreift, weil es schwach ist. Amalek steht für die Entmenschlichung.

Haman verkörpert genau das:
„לְהַשְׁמִיד לַהֲרֹג וּלְאַבֵּד“ – „zu vernichten, zu töten und auszurotten“ (Est 3,13)
Nicht Krieg. Nicht Machtpolitik.
Sondern totale Auslöschung.

Die Geschichte spielt im persischen Reich unter König Achaschwerosch. Heute liegt dieses Reich geographisch im Gebiet des modernen Iran.

In unserer Zeit erleben wir Spannungen, aggressive Rhetorik gegen Israel, geopolitische Konfrontationen, innere Unruhen im Iran selbst. Das iranische Volk ist nicht identisch mit seiner Führung. Viele Menschen dort streben nach Freiheit, nach Würde, nach einem Leben ohne Unterdrückung.

Purim erinnert uns daran:
Der Feind ist nicht „ein Volk“.
Der Feind ist die Ideologie der Vernichtung.

So wie nicht alle Perser Hamans waren – im Gegenteil: Mordechai und Esther lebten im Perserreich –, so dürfen wir auch heute nicht in kollektive Verurteilungen verfallen.

Kapitel 9 der Megilla ist schwer zu lesen. Die Juden verteidigen sich. 75.000 Feinde werden erschlagen. Und doch betont der Text dreimal:
וּבַבִּזָּה לֹא שָׁלְחוּ אֶת יָדָם
„An der Beute legten sie ihre Hand nicht.“ (Est 9,10; 9,15; 9,16)

Warum diese Wiederholung?
Die Botschaft ist klar:
Es ging nicht um Rache.
Nicht um Bereicherung.
Sondern um Selbstverteidigung.

Hier liegt die große Spannung:
Wir feiern unsere Rettung – aber wir jubeln nicht über den Tod der Feinde.

Der Midrasch erzählt, dass als die Ägypter im Meer ertranken, die Engel singen wollten – und HaSchem sprach:
„מעשה ידי טובעים בים ואתם אומרים שירה?“
„Meine Geschöpfe ertrinken im Meer – und ihr wollt singen?“

Auch bei Purim ist unsere Freude eine gebrochene Freude.
Ja, wir trinken Wein.
Ja, wir machen Lärm bei Hamans Namen.

Aber tief im Inneren wissen wir: Jeder Mensch ist Ebenbild G-ttes.
Die größte Gefahr ist, „Amalek“ vorschnell auf konkrete heutige Völker zu projizieren.

Amalek ist dort, wo:
• Menschen entmenschlicht werden.
• Vernichtung ideologisch gerechtfertigt wird.
• Hass zum Selbstzweck wird.
Wenn eine Führung zur Auslöschung eines anderen Volkes aufruft, dann berührt das den Geist Amaleks.

Aber die Menschen eines Landes sind nicht identisch mit dieser Ideologie.

Vielleicht liegt unsere Aufgabe heute nicht im „Auslöschen“, sondern im Auslöschen der Ideologie:

durch Wahrheit, durch moralische Klarheit, durch Verteidigungsbereitschaft – und durch die Weigerung, selbst zu entmenschlichen.

Was tut Esther?
1. Sie versteckt ihre Identität – bis der Moment kommt, aufzustehen.
2. Sie handelt nicht impulsiv, sondern strategisch.
3. Sie sucht nicht Rache, sondern Rettung.
וּמִי יוֹדֵעַ אִם לְעֵת כָּזֹאת הִגַּעַתְּ לַמַּלְכוּת
„Wer weiß, ob du nicht gerade für diese Zeit zur Würde gelangt bist?“ (Est 4,14)
Diese Worte gelten jeder Generation.
Auch uns.

Wir dürfen:
• Für die Sicherheit Israels beten.
• Für Schutz vor existenzieller Bedrohung eintreten.
• Selbstverteidigung als moralisches Recht anerkennen.

Aber wir dürfen nicht:
• Den Tod anderer verherrlichen.
• Hass kultivieren.
• Ein ganzes Volk dämonisieren.

Purim lehrt uns eine paradoxe Haltung:
🕯️ Klare moralische Standfestigkeit
🤝 Menschliche Demut
🍷 Freude über Rettung
😔 Trauer über verlorenes Leben

Das hebräische Wort „וְנַהֲפוֹךְ הוּא“ – „es kehrte sich um“ (Est 9,1) – ist der Kern von Purim.
Die Umkehrung ist nicht nur politisch.
Sie ist spirituell.

Die wahre Niederlage Amaleks geschieht dann,
wenn wir trotz Bedrohung menschlich bleiben.
Wenn wir uns verteidigen – ohne zu verrohen.
Wenn wir uns freuen – ohne grausam zu werden.

Möge der Ewige:
• Sein Volk schützen.
• Den Unterdrückten im Iran Freiheit schenken.
• Die Ideologie des Hasses überwinden.
• Und uns die Kraft geben, Purim mit Freude und mit Gewissen zu feiern.
חַג פּוּרִים שָׂמֵחַ — mit Herz, mit Verantwortung, mit Hoffnung

13/02/2026

Есть недельные главы, которые звучат как поэзия.
А есть — глава Мишпатим.
Мишпатим — это не романтика. Не мистика. Не гром на Синае.
Это юридический текст. Параграфы. Случаи ответственности. Компенсации ущерба. Трудовое право. Социальное право. Судебные нормы.
И именно в этом — её огромная сила.
Потому что Тора говорит нам:
справедливое общество — это не второстепенная тема веры. Это её сердце.

1) Почему Мишпатим стоит сразу после Десяти речений?
Наша глава начинается, на первый взгляд, простыми словами:
«И вот законы, которые ты изложишь перед ними».
Ве-эле hа-мишпатим ашер тасим лифнейхем.
Раши задаёт здесь знаменитый вопрос:
почему Мишпатим идёт непосредственно после грандиозного события Синая?
Ответ:
чтобы никто не подумал, будто Десять заповедей — это «религия»,
а Мишпатим — просто «общественные правила».
Тора не разделяет эти вещи.
Вот в чём преемственность:
после «Я — Г-сподь, Бог твой» следует не медитация, а:
• как обращаться с работником
• как вести себя с долгами
• как возмещать ущерб
• как защищать слабых
• как судить справедливо
И это революционно.
Потому что Тора говорит:
если ты действительно услышал Бога, то это прежде всего проявится в том, как ты обращаешься с людьми.

2) Мишпатим: доказательство того, что святость — практична
Многие представляют религию так:
• молитва
• песнопения
• праздники
• эмоции
• духовность
Да, всё это важно.
Но Мишпатим напоминает:
святость — это не только момент в молитве. Святость — это система.
Система, которая не позволяет силе и власти победить мораль.
И, возможно, в этом суть еврейской этики:
не просто «быть хорошим человеком», а:
строить общество, где справедливость не зависит от характера отдельных людей, а закреплена в законах.

3) Справедливое общество: Тора как социальный договор
Посмотрим, что именно регулирует Мишпатим.
а) Защита слабого
Тора удивительно реалистична:
она знает, что в любом обществе существуют неравенства власти.
Поэтому снова и снова звучат законы:
• не угнетай пришельца
• не унижай бедного
• вдовы и сироты должны быть особенно защищены
• нельзя удерживать залог — например, плащ — на ночь
Это не «благочестивые советы».
Это правовые нормы.
Тора — одна из самых ранних систем в истории человечества, которая говорит:
слабые — не просто объект жалости, они юридически защищены.

б) Ответственность вместо равнодушия
Один из центральных мотивов Мишпатим:
ты несёшь ответственность за причинённый ущерб — даже если он был косвенным.
Если мой бык травмировал человека — я отвечаю.
Если я оставил яму открытой — я отвечаю.
Если мой огонь перекинулся на чужое поле — я отвечаю.
Это больше, чем древнее сельское право.
Это мировоззрение:
Тора не принимает культуру “я не хотел”.

в) Справедливость в суде
И затем идёт важнейшая часть — о суде:
• нельзя брать взятки
• нельзя быть пристрастным
• нельзя склоняться в пользу богатого
• но нельзя и из жалости склоняться в пользу бедного
Это удивительно зрелая мораль.
Потому что Тора говорит:
справедливость — это не симпатия.
справедливость — это истина.

4) «Глаз за глаз» — не месть, а компенсация ущерба
Теперь перейдём к самой знаменитой фразе главы:
«Глаз за глаз, зуб за зуб…»
Айн тахат айн.
Многие слышат это и думают:
«Ну вот — древняя жестокая Библия».
Но еврейская традиция всегда понимала это иначе.
Мишна, Талмуд и вся Галаха однозначно объясняют:
«глаз за глаз» не означает телесное возмездие, а означает денежную компенсацию.
То есть:
если человек повредил глаз другому, он обязан выплатить компенсацию — причём комплексную.
Талмуд (трактат Бава Камма) выводит из этого пять категорий:
1. Незек — сам физический ущерб
2. Цаар — боль
3. Рипуй — расходы на лечение
4. Шевет — потеря заработка / трудоспособности
5. Бошет — стыд, унижение
Это не месть.
Это очень современная идея гражданского права.

Почему это так важно?
Потому что Тора говорит нечто фундаментальное:
насилие не должно быть механизмом, через который устанавливается справедливость.
Если бы мы буквально делали «глаз за глаз», это было бы:
• жестоко
• неконтролируемо
• приводило бы к эскалации
• разрушало бы общество вместо того, чтобы его исцелять
Но Тора хочет не этого.
Она хочет, чтобы конфликт переходил
в справедливую правовую процедуру.

Почему же Тора использует такую жёсткую формулировку?
Здесь есть глубокая мысль:
формулировка «глаз за глаз» говорит:
человеческая жизнь и человеческое тело не “дешёвые”.
Если ты нанёс человеку ущерб — это не «маленькая неприятность».
Тора говорит так резко, чтобы было ясно:
ущерб человеку настолько серьёзен, как будто ты сам потерял глаз.
Но исполнение — не месть, а восстановление справедливости.
Это еврейское понимание:
максимальная серьёзность — без варварства.

5) От Десяти речений к Мишпатим: откровение становится обществом
И тут мы возвращаемся к преемственности с Десятью речениями.
На Синае — духовный взрыв.
Бог говорит. Мир дрожит.
И сразу после этого идут:
• трудовые нормы
• компенсация ущерба
• устройство суда
• защита бедных
• обязанности перед пришельцами
Почему?
Потому что Тора говорит:
величайшее духовное переживание ничего не стоит, если оно не переводится в справедливую жизнь.
Иначе говоря:
Синай не заканчивается на горе. Синай начинается на улице.

6) Главная мысль: справедливость — это служение Богу
Мишпатим учит:
• Бог не только на небесах
• Бог — в суде
• Бог — в отношении к деньгам
• Бог — в отношении к власти
• Бог — в том, как мы решаем конфликты
И, возможно, в этом самый глубокий смысл главы:
святость — это не только то, как ты молишься,
а то, как ты строишь общество, в котором люди не ломаются.

Заключение
Когда мы читаем Мишпатим, может показаться:
«Сухо. Технически. Юридически».
Но на самом деле это одна из самых страстных частей Торы.
Потому что Мишпатим говорит:
Богу нужны не только верующие.
Не только ритуалы.
Богу нужна реальность, где живёт справедливость.
И поэтому Мишпатим — прямое продолжение Десяти речений.
Потому что Десять речений — это Божественный призыв,
а Мишпатим — это человеческий ответ:
мы услышали. И мы строим общество в соответствии с этим.
Шаббат шалом!

13/02/2026

Es gibt Wochenabschnitte, die klingen wie Poesie -
und es gibt Paraschat Mischpatim.

Mischpatim ist nicht romantisch. Nicht mystisch. Nicht spektakulär.
Es ist Gesetzestext. Paragraphen. Haftungsfragen. Schadensfälle. Arbeitsrecht. Sozialrecht. Strafrecht.
Und genau darin liegt seine gewaltige Botschaft.
Denn die Tora sagt uns:
Eine gerechte Gesellschaft ist kein Nebenthema des Glaubens. Sie ist sein Herzstück.

Die Parascha beginnt mit einem unscheinbaren Satz:
„Und dies sind die Rechtsordnungen, die du ihnen vorlegen sollst.“
Ve’ele haMischpatim ascher tasim lifneihem.

Raschi macht an dieser Stelle eine Beobachtung:
Warum steht Mischpatim direkt nach dem großartigen, donnernden Ereignis am Sinai?

Die Antwort:
Damit niemand denkt, das Zehntwort wäre „Religion“,
und Mischpatim „bloß Gesellschaft“.
Die Tora trennt das nicht.
Das ist die Kontinuität:
Nach dem „Ich bin der Ewige“ folgt nicht Meditation, sondern:
• Wie man Arbeiter behandelt
• Wie man mit Schulden umgeht
• Wie man Schaden ersetzt
• Wie man die Schwachen schützt
• Wie man vor Gericht gerecht urteilt
Und das ist revolutionär.

Denn die Tora sagt:
Wenn du Gott wirklich gehört hast, dann zeigt sich das als Erstes darin, wie du mit Menschen umgehst.

Viele Menschen stellen sich Religion so vor:
• Beten
• Singen
• Feiertage
• Gefühle
• Spiritualität
Und ja — all das ist wichtig.

Aber Mischpatim erinnert uns:
Heiligkeit ist nicht nur ein Moment im Gebet. Heiligkeit ist ein System.

Ein System, das verhindert, dass Macht über Moral triumphiert.
Und das ist vielleicht der Kern jüdischer Ethik:
Nicht nur „ein guter Mensch sein“, sondern:
Eine Gesellschaft bauen, in der Gerechtigkeit nicht vom Charakter einzelner abhängt, sondern in Regeln verankert ist.

Schauen wir uns an, was Mischpatim eigentlich regelt.

a) Schutz des Schwächeren
Die Tora ist bemerkenswert realistisch:
Sie weiß, dass es in jeder Gesellschaft Machtgefälle gibt.
Deshalb kommen immer wieder Gesetze, die sagen:
• Unterdrücke die Fremden nicht
• Dem Armen darfst du nicht die Würde nehmen
• Witwen und Waisen sind besonders zu schützen
• Du darfst den Mantel als Pfand nicht über Nacht behalten
Das sind keine „frommen Ratschläge“.
Das sind Rechtsnormen.
Die Tora ist damit eine der frühesten Quellen der Menschheitsgeschichte, die sagt:
Die Schwachen sind nicht nur bedauernswert — sie sind rechtlich geschützt.

Ein zentrales Motiv in Mischpatim ist:
Du bist verantwortlich für den Schaden, den du verursachst — auch indirekt.
Wenn mein Ochse jemanden verletzt — bin ich verantwortlich.
Wenn ich eine Grube offen lasse — bin ich verantwortlich.
Wenn mein Feuer überspringt — bin ich verantwortlich.
Das ist mehr als antikes Bauernrecht.
Das ist eine moralische Weltanschauung:
Die Tora duldet keine Kultur des „Es war ja nicht so gemeint“.

Und dann kommt der große Bereich der Richter und Prozesse:
• keine Bestechung
• keine Parteilichkeit
• nicht zugunsten des Reichen
• aber auch nicht aus Mitleid zugunsten des Armen
Das ist eine erstaunlich reife Ethik.
Denn die Tora sagt:
Gerechtigkeit ist nicht Sympathie.
Gerechtigkeit ist Wahrheit.

Jetzt kommen wir zum berühmtesten Satz dieser Parascha:
„Auge um Auge, Zahn um Zahn…“
Ayin tachat ayin.
Viele Menschen hören das und denken:
„Oh — das ist die Bibel, brutal, archaisch.“

Aber die jüdische Tradition hat es seit jeher anders verstanden.
Die Mischna, der Talmud und die gesamte Halacha erklären eindeutig:
„Auge um Auge“ bedeutet nicht körperliche Vergeltung, sondern finanziellen Schadenersatz.
Also:
Wenn jemand das Auge eines anderen verletzt, zahlt er Entschädigung — und zwar umfassend.

Der Talmud (Bava Kamma) entwickelt daraus fünf Kategorien:
1. Nezek – der eigentliche körperliche Schaden
2. Tza’ar – Schmerz
3. Ripui – Heilkosten
4. Shevet – Arbeitsausfall
5. Boshet – Scham / Demütigung

Das ist nicht Rache.
Das ist eine sehr moderne Idee von Schadensrecht.

Warum ist das so wichtig?
Weil die Tora damit etwas Großes sagt:
Gewalt darf nicht der Mechanismus sein, der Gerechtigkeit herstellt.
Denn wenn wir buchstäblich „Auge um Auge“ machen würden, wäre das:
• brutal
• unkontrollierbar
• voller Eskalation
• und würde die Gesellschaft nicht heilen, sondern weiter zerstören.

Die Tora will aber nicht, dass Konflikte die Gesellschaft zerreißen.
Sie will, dass Konflikte in ein gerechtes Verfahren überführt werden.
Und warum benutzt die Tora trotzdem diese harte Sprache?
Hier liegt eine tiefere Pointe:
Die Formulierung „Auge um Auge“ sagt:
Ein Mensch ist nicht billig.

Wenn du jemandem Schaden zufügst, dann ist das nicht „ein kleines Missgeschick“.

Die Tora spricht so, damit klar ist:
Der Schaden am Menschen ist so ernst, als würde man selbst ein Auge verlieren.
Aber die Umsetzung ist nicht Rache, sondern Wiedergutmachung.
Das ist jüdische Gerechtigkeit:
maximaler Ernst — aber ohne Barbarei.

Und hier schließt sich der Kreis zur Kontinuität mit dem Zehntwort.
Am Sinai erleben wir eine spirituelle Explosion.
Gott spricht. Die Welt bebt.
Und direkt danach kommt:
• Arbeitsrecht
• Schadensrecht
• Gerichtsordnung
• Schutz der Armen
• Pflichten gegenüber Fremden

Warum?
Weil die Tora uns sagt:
Die größte spirituelle Erfahrung ist wertlos, wenn sie nicht in ein gerechtes Leben übersetzt wird.

Oder anders gesagt:
Sinai endet nicht auf dem Berg. Sinai beginnt erst auf der Straße.
• Gott ist nicht nur im Himmel.
• Gott ist im Gerichtssaal.
• Gott ist im Umgang mit Geld.
• Gott ist im Umgang mit Macht.
• Gott ist in der Art, wie wir Konflikte lösen.

Und vielleicht ist das der tiefste Sinn der Parascha:
Heiligkeit ist nicht nur, wie du betest — sondern wie du eine Gesellschaft gestaltest, in der Menschen nicht zerbrechen.

Wenn wir Mischpatim lesen, könnte man denken:
„Das ist trocken.“
Aber in Wahrheit ist es eine der leidenschaftlichsten Stellen der Tora.
Denn Mischpatim sagt:
Gott will nicht nur Gläubige.
Gott will nicht nur Rituale.
Gott will eine Welt, in der Gerechtigkeit lebt.

Und darum ist Mischpatim die direkte Fortsetzung der Zehn Worte.
Denn die Zehn Worte sind der göttliche Ruf —
und Mischpatim ist die Antwort:

Wir haben dich gehört. Und wir bauen eine Gesellschaft danach.

Schabbat Schalom!

(W. Joshua Pannbacker)

26/01/2026

Zertretene Blumen und Kerzen: Politiker verurteilen die Verwüstungen des Synagogen-Mahnmals in Kiel - und sprechen von einem feigen Akt

14/01/2026

„Ich bin der Ewige“ – Macht, Name und Verantwortung

Der Wochenabschnitt Wa’era beginnt mit einem dichten und theologisch tiefgreifenden Vers:

„Und Gott sprach zu Mosche: Ich bin der Ewige.
Ich bin Avraham, Jizchak und Jaakow erschienen als El Schaddaj,
aber mit Meinem Namen ‚der Ewige‘ habe Ich Mich ihnen nicht zu erkennen gegeben.“
(Schemot 6,2–3)

Auf den ersten Blick ist das verwirrend. Die Erzväter kannten Gott – sie sprachen mit Ihm, bauten Altäre, erhielten Verheißungen. Und doch sagt Gott hier: Etwas Entscheidendes haben sie noch nicht gekannt.
Unsere Kommentatoren erklären:
Der Name El Schaddaj steht für Gott als den Mächtigen, den Versprechenden.
Der Name der Ewige hingegen steht für Treue, Verlässlichkeit und das Einlösen von Verheißungen in der Geschichte.
Die Erzväter hörten die Zusagen – Land, Nachkommen, Zukunft.
Aber sie sahen ihre Erfüllung noch nicht.
Mosche hingegen lebt in der Zeit, in der Gott handelt, eingreift und befreit.
Der Name „der Ewige“ ist kein abstrakter Gottesname.
Er ist ein Name der Beziehung, der Geschichte und der Verantwortung.
Gott sagt damit zu Mosche – und zu uns:
Ich bin nicht nur der Gott der Verheißungen.
Ich bin der Gott, der in der Realität der Unterdrückten wirkt.

Einen weiteren Schlüssel zum Verständnis des göttlichen Namens finden wir bereits zuvor, am brennenden Dornbusch, als Mosche Gott nach Seinem Namen fragt. Die Antwort lautet:
„Ehje ascher ehje“ – „Ich werde sein, der ich sein werde“
(Schemot 3,14)
Gott beschreibt sich hier nicht statisch, nicht als festgelegte Größe, sondern als gegenwärtig werdend. Dieser Name sagt: Ich bin nicht nur der Gott der Vergangenheit und nicht nur der Gott der Verheißung, sondern der Gott, der mitgeht und der sich im Lauf der Geschichte als gegenwärtig erweist.
Im scharfen Gegensatz zum Pharao, der seine Macht fixiert und absolut setzt, offenbart sich Gott als dynamisch, frei und nicht verfügbar.
„Ehje ascher ehje“ bedeutet: Kein Tyrann kann festlegen, wer Gott ist oder wo Er wirkt. Gott wird da sein, wo Menschen unterdrückt werden, wo Freiheit erkämpft wird und wo Wahrheit ausgesprochen wird.

Der Pharao in unserer Parascha ist kein Einzelfall der Geschichte.
Er ist ein Typus.
Pharao glaubt:
• seine Macht sei absolut
• sein Wort sei Gesetz
• die Ordnung der Welt gehe von ihm aus
Deshalb sagt er:
„Wer ist der Ewige, dass ich auf Seine Stimme hören sollte?“
(Schemot 5,2)
Das ist mehr als Arroganz – es ist eine göttliche Selbstüberhöhung.
Pharao duldet keinen Namen über seinem eigenen.
Und hier wird die Parascha erschreckend aktuell.

Auch heute erleben wir Regime, Autokratien und Diktaturen, die:
• Wahrheit kontrollieren
• Sprache manipulieren
• Menschen zu Nummern machen
• Loyalität über Moral stellen
Sie dulden keinen Widerspruch – und schon gar keinen höheren Maßstab.
Der moderne Pharao sagt nicht:
„Ich bin Gott“,
sondern:
„Es gibt keine Wahrheit außerhalb meiner Macht.“
Und genau hier wird die Botschaft von Wa’era brennend aktuell:
Der göttliche Name steht gegen jede absolute menschliche Macht.
„Der Ewige“ bedeutet:
• Macht ist nicht ewig
• Herrschaft ist rechenschaftspflichtig
• Geschichte gehört nicht den Tyrannen

Und nun sehen wir Mosche.
Mosche ist kein Revolutionär im klassischen Sinne.
Er ist:
• unsicher
• sprachlich eingeschränkt
• geprägt und verwundet durch seine Vergangenheit
Er sagt zu Gott:
„Wie soll der Pharao auf mich hören?“
Und dennoch sagt Gott zu ihm:
„Geh zum Pharao und sage ihm …“
Nicht:
• „Überzeuge ihn“
• „Gewinne eine Mehrheit“
• „Stürze das System“
Sondern:
„Sprich. Sag die Wahrheit.“
Mosche lernt:
Er ist nicht verantwortlich für den Erfolg –
sondern für die Treue zur Botschaft.

Das ist eine der wichtigsten Lehren für uns heute.
Wir hier leben – Gott sei Dank – meist nicht unter offenem Zwang wie in Ägypten.
Und doch stehen wir vor Fragen:
• Wo schweigen wir aus Bequemlichkeit?
• Wo akzeptieren wir Ungerechtigkeit, weil „man nichts ändern kann“?
• Wo überlassen wir Wahrheit denen, die am lautesten sprechen?
Mosche lehrt uns:
Man muss nicht mächtig sein, um zu sprechen.
Man muss nur bereit sein, den Namen Gottes ernst zu nehmen.
Denn wer dem Ewigen vertraut, vertraut darauf:
• dass Geschichte veränderbar ist
• dass Unterdrückung nicht das letzte Wort hat
• dass jedes System Grenzen hat

Paraschat Wa’era erinnert uns daran:
Der Auszug aus Ägypten beginnt nicht mit den Plagen.
Er beginnt mit einem Namen.
Einem Namen, der sagt:
Ich bin da – bei den Unterdrückten, in der Geschichte, im Ringen um Würde.
Möge dieser Name uns die Kraft geben,
• nicht zu resignieren
• nicht zu verstummen
• und – wie Mosche – aufzustehen und zu sagen, was gesagt werden muss.

(W. J. Pannbacker)

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