07/04/2021
Der Morgen danach
Okay. Natürlich, nichts toppt die Osternacht: „Lumen Christi…“ „Deo Gratias!“, und die Kirche voller Kerzen und strahlender Gesichter, die Glocken und der Weihrauch und das Evangelium vom Leeren Grab.
Aber da gibt es auch diese Lesung vom Auszug zu Ägypten – und fast jedes Jahr muss man mit irgendjemandem diskutieren, ob Gott sich jetzt wie ein A***h verhält, wenn er die Ägypter im Roten Meer ertrinken lässt. (Ja, das kann man fragen. Vielleicht sollte man dabei mitbedenken, dass das nicht irgendwelche Ägypter waren, von denen hier die Rede ist, sondern die Armee des Pharao. Erwachsene Männer, Elitekrieger. Die hatten eben gerade noch versucht, jüdische Männer, Frauen und Kinder zurück in die Sklaverei zu schleppen, um sie dort durch Schwerstarbeit umzubringen. Die waren also so eine Art SS der Antike. Vielleicht hätte Gott trotzdem barmherziger zu ihnen sein können. Vielleicht war er das auch. Wir hören eine Geschichte, die von den Überlebenden erzählt wird – von denen, die der Sklaverei in Ägypten unter Lebensgefahr mit knapper Not entkommen waren. Vielleicht sollten wir Ihnen nachsehen, dass sie der Armee des Pharao keine Barmherzigkeit wünschten, sondern eine krachende Niederlage – und die Geschichte deshalb mit dem Untergang ihrer Unterdrücker enden lassen.) Sei’s drum. Ich liebe die Osternacht.
Und ich liebe den Heimweg danach durch die schlafende Stadt und zuhause mitten in der Nacht das Fastenbrechen mit Wein, Zopf, Eiern und Schokolade.
Aber was mich so richtig abholt und auch länger nachwirkt ist eigentlich jedes Mal die Emmaus-Geschichte am Ostermontag. Vielleicht spielt dabei eine Rolle, dass die – nach all dem Drama von Gründonnerstag bis zur Osternacht – so undramatisch ist. Es passiert ja nicht viel: Drei Männer – zwei Freunde und ein Fremder - laufen zwei Stunden miteinander und unterhalten sich dabei. Angekommen, laden die Freunde den Fremden zum Essen ein. Und bevor das Essen richtig beginnt, verschwindet der Gast auch schon wieder.
Die Freunde glauben, in dem Fremden Jesus erkannt zu haben. Die Indizien dafür sind ziemlich unspektakulär: Keine Engel in weißen Gewändern, kein Kommen durch verschlossene Türen, kein Herzeigen von Nagel- und Lanzenwunden, kein wundervoller Fischfang. Nur Worte auf dem Weg – und eine etwas andere Art, das Brot zu brechen. Eine Art, die den Beiden bekannt vorkam.
Aber das reichte offensichtlich. Zwei traurige und enttäuschte Menschen, deren größte Hoffnung, deren Lebenstraum gerade zerplatzt war, brechen auf und kehren zurück nach Jerusalem, den Ort der Niederlage und der Hoffnungslosigkeit: Die Stadt, in der immer noch die Römer herrschen, die religiösen und politischen Eliten mit den Besatzern paktieren, das Volk unterdrückt und ausgebeutet wird. Die Stadt, in der gerade mal wieder ein Prophet gekreuzigt und seine Bewegung zerstreut worden war – und in der nirgendwo Zeichen des anbrechenden Friedensreiches zu erkennen sind.
Irgendwie kann ich mich gerade deswegen in den Beiden ganz gut wieder erkennen: Ich kenne diese Enttäuschung und diese Trauer, weil sich einfach nichts Grundlegendes ändert. In der Kirche nicht, und in der Welt nicht. Am Morgen nach den großen Konferenzen und Tagungen geht es einfach so weiter, als wäre nichts geschehen.
Wie die Beiden glaube/hoffe ich trotzdem, nicht wegen. Ich glaube, obwohl die Besatzer weiter die Völker unterdrücken, obwohl die Kriege, die Unterdrückung und der Hunger weitergehen in Syrien, im Jemen, in Mali, in der Ostukraine und in vielen anderen Ländern. Ich hoffe, nicht aufgrund von Wundern, nicht wegen spektakulärer Zeichen. Sondern nur, weil mir manchmal das Herz brennt, wenn ich Jesu Worte höre; und weil mich die Geste des Brotbrechens so anrührt. Immer wieder. Trotz allem.