08/09/2026
Mariä Geburt ist ein Freudenfest für alle!
Dienstag, 8. September 2026: Fest Mariä Geburt (2. Klasse), zugleich Gedächtnis des hl. Martyrers Hadrian – Lesung: Spr 8, 22-35 / Evangelium: Mt 1, 1-16
„Deine Geburt, o Jungfrau und Gottesgebärerin, hat der ganzen Welt Freude verkündet.“ (Worte aus der Liturgie des Tages)
Das Fest der Geburt Mariä, welches wir heute miteinander feiern, wurde von den Gläubigen stets dazu benutzt, sich an diesem Tag an einen jener frommen Wallfahrtsorte zu begeben, an welchen die seligste Jungfrau in besonderer Weise verehrt wird, und woselbst sich ein wundertätiges Gnadenbild derselben befindet. Daher strömen heute an allen diesen Wallfahrtsorten viele Tausende von frommen Gläubigen zusammen, um dort in Liedern und Gebeten das Lob der Gottesmutter zu verkündigen.
Namentlich ist es ein Wallfahrtsort, welcher viele heute anzieht, nämlich Maria-Einsiedeln in der Schweiz. Mitten in einer unfruchtbaren Gegend, welche früher sogar eine vollständige Wildnis war und deshalb fern vom lärmenden Geräusch der Welt liegt das Städtchen Einsiedeln mit seiner weithin die ganze Gegend überragenden Muttergotteskirche, in welcher sich, und zwar in einer besonderen Kapelle, das wundertätige Muttergottesbild befindet.
Seit vielen hundert Jahren strömen am 8. September aus allen Weltgegenden fromme Gläubige hier zusammen, so dass alle Nationalitäten (Deutsche, Italiener, Franzosen, Spanier, ja sogar Amerikaner) hier vertreten sind, und am selben Ort in verschiedener Sprache das Lob der Gottesmutter verkünden, welche dort durch ihre mächtige Fürbitte so oft wunderbar geholfen hat. Die ungemein große Kirche ist an diesem Tag viel zu klein, um die Menge der Andächtigen zu fassen.
Und wie in Maria-Einsiedeln wird an allen Orten das Fest Mariä Geburt gefeiert und werden an diesem Tag die schönsten Loblieder gesungen, und die zärtlichsten Gebete gesprochen; ein Beweis dafür, dass die Kirche Recht hat, wenn sie ihre Diener in den Tageszeiten am heutigen Fest jubelnd aussprechen lässt: „Deine Geburt, o Jungfrau und Gottesgebärerin, hat der ganzen Welt Freude verkündigt.“ Ja, es ist nicht zu viel gesagt, wenn es heißt: die Geburt der seligsten Jungfrau Maria hat der ganzen Welt Freude verkündigt:
1. Wenn wir die Geburt eines Menschen lediglich vom natürlichen Standpunkt aus betrachten, so haben wir sehr oft wenig Ursache, uns darüber zu freuen und dem jungen Erdenbürger für sein Dasein Glück zu wünschen. Und warum dies? Aus dem einfachen Grund, weil das Leben auf Erden mit so vielen Wechselfällen verbunden ist, und so viele traurige Seiten hat, dass man sehr oft wünschen muss, gar nicht geboren zu sein.
Denn es kommen ja über viele Menschen harte Prüfungen, sie haben von Jugend auf harte Tage durchzumachen, und ihr Leben ist so überhäuft mit Arbeit und Mühseligkeit, dass man sich nicht wundern darf, wenn gar manche mit dem frommen Dulder Hiob die Stunde verfluchen möchten, welche ihnen das irdische Leben gegeben hat. Ganz abgesehen davon, dass der Mensch mit der Erbsünde behaftet zur Welt geboren wird, und mit dem königlichen Sänger David sagen muss: „Siehe, in Ungerechtigkeit bin ich empfangen, und in Sünden hat meine Mutter mich geboren“ ( Ps 50, 8 ), können wir schon rein menschlich geredet einen Menschen bei seiner Geburt in Anbetracht seines ungewissen Lebensschicksals nicht besonders glücklich preisen, namentlich dann, wenn ihm nach menschlichem Ermessen ein hartes Los ganz gewiss zuteilwird.
Daher kann man es mehr wie einmal erleben, dass arme Eltern, welche bereits mit einer Anzahl von Kindern gesegnet sind, sich gar wenig freuen, wenn sie mit der Geburt eines neuen Kindes beglückt werden. Der Gedanke, wie die Zukunft dieses Kindes ausfallen wird und die Sorge seiner Erziehung stimmt die Freude gewaltig herab. Auch die Kirche feiert aus wichtigen Gründen nicht den Geburtstag eines Menschen, sich wohl erinnernd der Worte des göttlichen Heilandes, die er über den Judas gesprochen hat, und welche „Es wäre ihm besser, dass er nie geboren wäre.“ lauten und wohl wissend, dass der Mensch bei seiner Geburt den Keim zeitlichen und ewigen Verderbens in sich trägt.
2. Ganz anders aber war es bei der Geburt der seligsten Jungfrau; hier konnten die frommen Eltern Joachim und Anna ihr neugeborenes Kind frohlockend in ihre Arme nehmen, alle Verwandten und Freunde aus Nah und Fern herbeirufen und ihnen mit freudestrahlendem Blick ihr Kind zeigen und ihnen sagen: „Freut euch mit uns über dieses Kind, welches körperlich und geistig mit den herrlichsten Eigenschaften ausgestattet ist und sich und seinen Eltern, ja dem ganzen Menschengeschlecht, zur Ehre und zum Ruhm gereichen wird.
Was sonst bei der Geburt eines Kindes die Freude gewaltig herabstimmt, finden wir bei der seligsten Jungfrau Maria nicht; sie war nämlich vor Allem rein von jeder auch der kleinsten Sünde und deswegen schon bei ihrer Geburt nicht ein Gegenstand des Missfallens Gottes, oder - wie sich der heilige Paulus ausdrückt - „nicht ein Kind des Zornes“ (Eph 2, 3), sondern vielmehr ein Gegenstand des höchsten Wohlgefallens Gottes und aller himmlischen Bewohner.
Darum wendet ja auch unsere Kirche auf die Mutter Gottes die bekannten Worte des Hohen Liedes an, und sagt von ihr: „Ganz schön bist du meine Freundin und keine Makel ist an dir.“ (Hld 4, 7). Darum begrüßen wir Maria als die reine und unversehrte Lilie unter den Dornen, als einen fehlerlosen Spiegel und als eine unschuldige Taube. Darum gebrauchen wir von Maria alle Ausdrücke in Bild und Wort, welche wir besitzen, um ihre große Unschuld, ihre erhabenen Tugenden, ihre unermesslichen Gnaden zu bezeichnen.
Was der Engel Gabriel später bei der Menschwerdung zur Mutter Gottes sagte, das konnte mit vollem Recht schon jetzt bei ihrer Geburt von ihr gesagt werden: „Du bist voll der Gnaden, der Herr ist mit dir, du bist gebenedeit unter den Weibern.“ Nicht ein zweifelhaftes dunkles Los war der Mutter Gottes bei ihrer Geburt beschieden, sondern hell und klar, und dabei herrlich und erhaben lag ihre Zukunft vor ihr.
Dieses Kind hat bei seiner Geburt seinen Eltern keine Sorgen gemacht. Obwohl sie nicht viel reicher gewesen sind, als die meisten Taglöhner bei uns, welche mit ihrer Hände Arbeit Tag für Tag den nötigen Lebensunterhalt für sich und ihre Kinder verdienen müssen, so brauchten sie für dieses ihr Kind nicht in banger Sorge zu sein, Gott selbst hatte sich dasselbe erwählt, um Großes an ihm zu tun.
Ja fürwahr, dein Geburtstag, o seligste Jungfrau Maria, hat vor Allem dich mit unaussprechlicher Freude erfüllen müssen, da du ins Dasein getreten bist, um vor der Welt wie ein reines hellleuchtendes Gestirn zu erglänzen; menschliches Elend, wie es durch die Sünde in die Welt gekommen ist, solltest du niemals kennenlernen. Deinen Geburtstag hat deswegen unsere Kirche von Anfang an bis auf diese Stunde benutzt, um Dich zu loben und zu preisen und über alle übrigen Geschöpfe zu erheben.
Text: Conrad Sickinger – Die Marien-Feste – Passau - 1877