23/05/2026
Pfingsten
Alle reden in ihrer eigenen Sprache.
Ein Raum voller Stimmen,
aufgeregt, tastend, laut, müde, widersprüchlich.
Und ich verstehe.
Sie versteht. Er versteht. Dey versteht.
Verstehen – mitten im Durcheinander.
Nicht weil plötzlich alle gleich klingen.
Nicht weil Unterschiede verschwinden.
Sondern weil niemand erst in ein richtiges Format übersetzt werden muss.
Menschen reden in ihren eigenen Sprachen,
mit ihren eigenen Geschichten, mit ihren Körpern, ihrem Wollen, ihrer Enttäuschung.
Kein Event der Einheitlichkeit.
Die Zumutung, dass Verschiedenheit kein Problem bleibt.
Vielleicht sogar Gottes* Lieblingssprache.
Vielleicht beginnt Kirche genau dort neu:
wo Menschen einander nicht normieren, sondern zuhören.
Wo Erfahrung zählt.
Wo queere Leben, weibliche Wut, zarte Hoffnung und erschöpfte Sehnsucht nicht erst erklärt oder gerechtfertigt werden müssen.
Wo Lebensspuren, Akzente, Identitäten nicht geglättet werden müssen, um Resonanz zu finden.
Geistkraft klingt selten nach Perfektion.
Eher nach Atemholen.
Nach Widerspruch.
Nach dem ersten Satz, den jemand sich endlich laut zu sagen traut.
Geistkraft, die Räume öffnet,
wo Grenzen porös werden: zwischen Angst und Mut, zwischen Fremdheit und Nähe,
zwischen dem, was uns beigebracht wurde, und dem, was in uns lebendig werden will.
Wo ich mich nicht anpassen oder verstummen muss, damit andere sich zuhause fühlen können.
Wo wir uns nicht gleich machen müssen, um einander nahe zu sein.
Gott*
Kein Monolog.
Hörbar
in unseren Stimmen.
In unserem Verstehen.
Pfingsten.
Dieses zarte, wilde Wunder.
(Text: Pfarrerin Claudia Kettering, Referentin für Frauen*arbeit,
Bild: KI-generiert mit ChatGPT, ND )