29/03/2024
Karfreitag
Liebe Gemeinde,
finster, fast schwarz lastet der Himmel über der kleinen Stadt.
Die Wolken hängen tief.
Sie drücken alles nieder, die Seele, die Gefühle, das Leben.
Nichts ist mehr, wie es war.
Vor einer Woche, sieben Tagen brach die Welt zusammen.
Seitdem nimmt er nichts mehr war.
Die Welt um ihn herum ist zerbrochen.
Er möchte nur noch schreien, schreien, schreien.
Aber es geht nicht mehr, die Kehle ist wund, er bleibt stumm.
Tränen hat er auch keine mehr, alle sind geweint, die Quelle ist versiegt.
Es bleibt das schmerzverzerrte Gesicht und Augen, die ins Nichts starren.
Nein, nein, nein!
Er ist alleine, ganz alleine.
Sie sind nicht mehr da: Frau und Tochter.
Und die war doch noch so klein, acht Jahre gerade geworden.
Nichts dringt durch, um den Schmerz zu lindern.
Alles ist aus, alles vorbei.
Wäre er doch nur mit in dieser Hölle gewesen.
Jede Hoffnung, jede Zuversicht ausgelöscht in Sekunden.
Er selbst fühlte sich wie ein lebender Toter.
Das Wichtigste in seinem Leben ist tot, verbrannt, vernichtet.
Stumm, trauernd, verzweifelt sitzt er auf einem Stuhl, der Kopf leer, der Körper zusammengesunken.
Das Bild eines Mannes nach dem Terroranschlag nahe Moskau hat mich so sehr berührt.
Trauer, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit…
Ich habe mir ausgemalt, was er empfindet.
Es brauchte keine Worte um wahrzunehmen, wie der Mann lei-det.
Nicht nur Frau und Kind sind tot.
Mit beiden ist ein großer Teil von ihm selbst gestorben.
Er kann nicht mehr, er will nicht mehr.
Uns gelingt es meistens, die Bilder aus den Nachrichten auf Dis-tanz zu halten.
Aber manchmal dringen sie doch in unsere Seele, machen uns traurig und untröstlich, betroffen und wütend.
Wenn uns solche Nachrichten ganz nah auf den Pelz rücken, dann stellt sich die erdrückende Frage:
Wie können Menschen anderen Menschen so etwas antun?
Sind die völlig gefühllos?
Was ist für sie ein Leben wert?
Nichts.
Es stimmt wohl doch, was der römischen Dichter Plautus ge-schrieben hat:
„Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf.“
Es ist nicht auszuhalten.
Wird unsere Welt jemals gut, zu einem Ort ohne Angst, ohne Ver-zweiflung?
Sind nicht Krankheiten und Naturkatastrophen schlimm genug?
Müssen Menschen sich immer auch noch das Leben gegenseitig schwermachen.
Der Mann sitzt, er starrt, er ist wie tot.
Kurz vor dem düsteren, belastenden Karfreitag diese Tragödie.
Es hört nicht auf, das Töten.
Und damit die Trauer, die Verzweiflung, die Hoffnungslosigkeit…
Im Bild des Verzweifelten wird lebendig, was die Frauen und Männer damals durchgemacht haben, als Jesus gekreuzigt wur-de.
Alles vorbei, alle Pläne zerbrochen, keine Hoffnung mehr.
Jesus ist tot.
Ihr Herz ist wund.
Sie stehen und schauen und können nicht begreifen.
Macht es das Geschehen für uns erträglicher, weil wir wissen, dass alles gut ausgegangen ist?
Am letzten Sonntag habe ich in der Predigt die Mütter erwähnt, die sich Sorgen um ihre Kinder machen:
„Was soll nur aus dir werden?“
Sie machen sich Sorgen, weil sie nicht wissen, wie es weitergeht.
Maria, die Mutter von Jesus macht sich immer Sorgen um ihren Sohn.
Nichts und niemand bringt ihn von seinem Weg ab, von dem, was er als wichtig und richtig erkannt hat.
Er fühlt sich nur Gott verpflichtet und sonst niemandem.
Damit eckt er an, immer wieder.
Am Ende scheint die Kreuzigung Maria Recht zu geben.
Er war gehorsam, gehorsam bis zum Kreuz am Tod.
Auch wenn wir wissen, wie die Geschichte ausgeht, rührt uns die-ses schreckliche Sterben am Kreuz an.
Ich stelle es ganz bewusst neben das unmenschliche Töten in un-serer Gegenwart.
Wir sind als Menschen in der Lage mitzuleiden, uns in die oder den anderen hineinzuversetzen.
Dazu müssen wir selbst nicht solch grauenhafte Dinge erlebt ha-ben.
Eigene Erfahrungen mit erdrückenden Situationen und scheinba-rer Ausweglosigkeit beschäftigen uns.
Es muss nicht so schlimm sein wie eine Kreuzigung oder ein Ter-roranschlag.
Es gibt immer wieder Momente im Leben, da fühlen wir uns wie tot.
Das geht uns so, das geht den Angehörigen so, das geht Gott so.
Ja auch Gott.
Das behaupte ich.
Dazu muss ich jetzt etwas theologischer werden.
Warum musste Jesus sterben?
Diese Frage beschäftigt Menschen seit diesem Tod auf Golgatha.
Juristisch kann man das schnell beantworten.
Jesus wurde der Blasphemie, der Gotteslästerung angeklagt.
Das war eine vorgeschobene Begründung.
Vielmehr war er unbequem.
Er eckte an durch das, was er sagte und tat.
Er stellte das etablierte religiöse Leben in Frage.
Deswegen sollte er weg.
Aber warum ließ Gott ihn sterben?
Ist diese Kreuzigung ein Menschenopfer?
Der Satz: „Jesus starb für uns!“ legt das nahe.
Das wird bestärkt durch den Predigttext von vor zwei Wochen mitten in der Passionszeit:
Abraham bekommt den Auftrag, seinen Sohn als Opfer zu schlachten.
Eine grausame Geschichte, die als Vorlage für die Kreuzigung aber nicht taugt.
Denn Isaak wird in letzter Sekunde gerettet, Jesus stirbt tatsäch-lich.
Braucht Gott ein Menschenopfer?
Als mich das beschäftigt hat, sah ich das Bild von dem am Boden zerstörten Mann in Russland.
In Erinnerung an meine eigene Familie, habe ich mitgefühlt:
Frau und Tochter waren ein Teil von ihm.
Jesus ist ein Teil von Gott.
Wie ist das zu verstehen?
Im nächsten Bibelgesprächskreis werden wir uns über Gottesbil-der unterhalten, über Bilder von Gott, die uns in der Bibel begeg-nen und über Bilder, die wir uns selbst machen.
Weil Gott so unfassbar ist, machen wir uns ein Bild von ihm, ob-wohl wir das nicht tun sollten.
Wie aber sollen wir ihn ohne Bilder begreifen?
Wir müssen Gott irgendwie in unser Verständnis integrieren.
Weil wir uns von allem Bilder machen, tun wir das auch mit Gott, wohl wissend, dass diese nur ein kleiner Aspekt von Gott sind.
Das haben Menschen immer so gemacht.
Auch um die Beziehung zwischen Gott als Schöpfer und Vater, Je-sus Christus und dem Heiligen Geist zu erklären.
Drei in ein, ein in drei.
Oft ein verwirrendes Gedankenspiel.
Ich möchte heute zum Karfreitag die Einheit Gottes betonen.
Gott ist Vater, ist Sohn, ist Geist.
Die Beziehung der drei entspricht einer Familie.
Eine Familie ist ein ganz enges soziales und emotionales Geflecht, ein eigener Organismus.
Man teilt das Leben miteinander.
Wenn einer nicht da ist, verspürt man Sehnsucht nach ihm.
Stirbt einer, ist man wie amputiert.
Kaum auszuhalten und tragisch ist es, wenn ein Kind stirbt.
Eine große nicht auszufüllende Lücke hinterlässt der Tod des Partners.
In allen Fällen empfindet man es so, als ob ein Teil von einem selbst gestorben sei.
Genauso stelle ich mir das auch bei Gott vor.
Ich denke, er hat nicht stellvertretend einen Menschen sterben lassen.
Mit dem Menschen Jesus von Nazareth ist ein Teil von ihm selbst gestorben.
Weil andere es nicht aushalten konnten, dass dieser Mensch so gelebt und gehandelt hat, wie es richtig war.
Weil er seinen Mitmenschen den Spiegel vorgehalten hat.
Weil er ihnen gezeigt hat, dass Gott nicht so ist, wie sie ihn sich vorstellen.
Weil er den gezähmten Gott wieder groß und unverfügbar ge-macht hat.
Jesus ist gestorben.
Gott trauert.
Eine Finsternis kam über das ganze Land, der Vorhang im Tempel riss entzwei von oben bis unten, und die Erde bebte, und die Felsen barsten.
Alles scheint zu Ende.
Wie kann es weitergehen?
Kann es überhaupt weitergehen?
Diese Frage, die Spannung müssen wir heute aushalten.
Ich gebe sie Ihnen mit auf den Weg durch die nächsten zwei Tage.
Heute möchte ich sie nicht vorschnell auflösen.
Auch die Konflikte unserer Welt sind nicht gelöst.
Der verzweifelte russische Familienvater sieht keine Perspektive.
Er leidet.
Gott leidet…
…mit ihm und alle Opfer…
…unter der Unmenschlichkeit von Menschen.
AMEN