29/04/2017
In zweieinhalb Jahren soll die Autobahn A94 Richtung München fertig sein. Im Isental sind die Arbeiten bereits unübersehbar, auch im Landkreis Mühldorf geht es voran. Ein Besuch auf der Baustelle.
Es scheint, als ende die Busfahrt zur Besichtigung der Autobahnbaustelle auf dem Friedhof. Etwas orientierungslos hält der Fahrer vor der Mauer in Schwindegg. Doch schnell wird klar: Die falsche Routenwahl kann kein Symbol mehr für den Autobahnbau sein. Denn nur wenige Kilometer hinter Schwindegg arbeiten große Bagger, jagen Dutzende schwere Lastwagen auf der Schotterpiste hin und her, die in 900 Tagen die Autobahn sein soll. Es staubt gewaltig.
900, das ist die Lieblingszahl von Oliver Lauw. Er wiederholt sie vor den Besuchern vom Verein „Ja zur A 94“ gleich mehrfach. 900: In so vielen Tagen sollen Autos und Lastwagen vierspurig und ohne Unterbrechung von München bis Burghausen fahren können, spätestens Ende Oktober 2019.
Im Besucherzentrum, das inmitten einer kleinen Stadt aus Bürocontainern am Rande Dorfens entstanden ist, strahlt der kaufmännische Geschäftsführer der „Isentalautobahn GmbH“ Zuversicht aus. Das erste Jahr war gut, alles ist im Zeitplan, es gibt keine unangenehmen Überraschungen. Mit anderen Worten: Es läuft.
Auch an der Isentalbrücke, der längsten der 58 Brücken. Sie duckt sich in die flache Talsenke zwischen Isen und Lengdorf, nur 13 Meter hoch, dafür 600 Meter lang. Sie ist einer der Versuche, die Zerstörungen der Natur durch die Autobahn so gering wie möglich zu halten.
„Wir brauchen keine Diskussionen mehr.“ Günther Knoblauch
Bei einigen Mitfahrern stoßen die Maßnahmen auf wenig Verständnis: Wenn Vögel vor Baubeginn aufwendig vertrieben werden müssen, damit sie nicht auf der Trasse brüten; wenn ein Schwarzstorch samt Nachwuchs zur Unterbrechung der Arbeiten führt; oder wenn eine Talsenke mit einer großen Brücke überspannt werden muss.
Ausgerechnet Landtagsabgeordneter Günther Knoblauch bremst ein. Der Mann, der sich wie kaum ein Zweiter seit über 30 Jahren für die Autobahn eingesetzt hat und dem Verein „Ja zur A 94“ vorsteht, sagt: „Es ist müßig, darüber zu streiten. Wir brauchen keine Diskussionen mehr.“
Knoblauch schwelgt während der Fahrt in Autobahngeschichten, kann die Historie seit den 1970er-Jahren samt wichtiger Meilensteine beinahe minutiös herunterbeten. „Und jetzt ist es endlich so weit“, sagt er gerührt, als der Bus an den vielen einzelnen Arbeitsstellen vorüber fährt.
Ökologische Eingriffe nicht schwerwiegend
GmbH-Geschäftsführer Oliver Lauw ist kaum so alt, wie die Geschichte der A 94 währt. Er begegnet dem Großvorhaben mit sachlicher Einschätzung. Dazu zählt auch der gelassene Umgang mit den vielen ökologischen Vorgaben: „Sie sind da, also richten wir uns danach.“ Planfestgestellt und vom obersten bayerischen Verwaltungsgericht mithilfe des Europäischen Gerichtshofs ins Recht gesetzt, überprüft und bestätigt vom Bundesverwaltungsgericht: Die Eingriffe ins Ökosystem der FFH-Gebiete können durch technische Maßnahmen so reduziert werden, dass der Bau der A 94 möglich ist.
Die Zeit des Streitens ist mit dem rasanten Baufortschritt offensichtlich vorbei, Lauw nennt die Situation rund um die Baustellen friedlich, Widerstand spürt er kaum mehr. „Es kommt drauf an, mit wem man spricht“, entdeckt Lauw ein „West-Ost-Gefälle“: Während es zwischen Dorfen und Pastetten noch kritische Stimmen gebe, herrsche im Landkreis Mühldorf die einhellige Meinung, dass die Autobahn dringend nötig sei. Knoblauch erinnert an Briefe zur Raumordnung vor vielen Jahren. 15 000 hätten sich damals für die Autobahn durch das Isental ausgesprochen, nur 5000 dagegen.
33 Kilometer ist der Abschnitt zwischen Heldenstein und Pastetten lang, auf dem gearbeitet wird. Baustraßen durchziehen die Hügel, in vielen Bereichen ist der Verlauf der A 94 bereits als braun-staubiges Band zu erkennen. Brückenskelette schieben sich über die Isen und ihre Nebenflüsse, der Erdberg am Autobahnende bei Pastetten verschwindet.
35 000 Kubikmeter Erde bewegen die Lastwagen und Bagger täglich, um Hügel abzutragen und Täler aufzufüllen. Das ist der Aushub für 70 Einfamilienhäuser, sagt Alfred Stangassinger, der als technischer Geschäftsführer für die Isentalautobahn GmbH tätig ist – zusammen mit mehr als 450 Menschen auf den Baustellen und in den Planungsbüros.
Einige heimische Firmen arbeiten mit den Autobahnbauern zusammen, das sind Lohnunternehmer aus dem Bereich der Landwirtschaft mit ihren großen Traktoren, das sind Kies- und Betonhersteller. Die Kapazität des mobilen Betonwerks, das die Konsortiumsfirma Berger kurz vor Dorfen errichtet hat, reicht nicht, wenn Brücken betoniert werden müssen.
Nur wenige Arbeiter aus der Region
Bauarbeitern aus der Region bieten die Baustellen dagegen nur wenige Arbeitsplätze. Die Baufirmen brächten ihre eingespielten Teams mit, sagt Stangassinger. Die Autos auf den Parkplätzen entlang der Baustellen tragen Nummernschilder aus Berlin, München, Euskirchen oder Frankfurt. Die meisten von außerhalb haben für die kommenden Monate Unterkunft in umliegenden Gasthäusern oder Wohnungen gefunden.
Nicht nur dadurch hinterlässt die Autobahn Spuren auch an Orten, die nicht unmittelbar an der Trasse liegen. Straßen sind gesperrt, Umleitungen ausgeschildert, neue Bahnübergänge geschaffen. Der Garser Bürgermeister Norbert Strahllechner berichtet über beschädigte Gemeindestraßen, die unter den vielen Kieslastern gelitten hätten. Das sei jetzt vorbei, ist er zufrieden, ein oder zwei Anrufe bei der Isentalautobahngesellschaft hätten gereicht, seitdem benutzen die Lastwagenfahrer überörtliche Straßen.
Oktober 2019 – schneller geht es nicht
All denjenigen, die auf eine Beschleunigung der Arbeiten gehofft haben, weil ein Privatunternehmen baut, kann Geschäftsführer Stangassinger nicht helfen: Der Termin Ende Oktober 2019 stehe im Vertrag, sei knapp kalkuliert und damit das Ziel, das die GmbH mit ihren Partnern anstrebe. „Daran ändern auch die eher geringen Bonuszahlungen nichts.“ Qualität geht vor Schnelligkeit.
Stangassinger spricht von Nachhaltigkeit, wenn es um die Qualität von Brückenbewehrungen oder den Unterbau der Fahrbahn geht. Es sei im vorrangigen Interesse der Isentalautobahn GmbH, eine hochwertige Straße abzuliefern. Die drei Baufirmen, die das Konsortium tragen, stehen schließlich auch für den Betrieb der 77 Kilometer langen Autobahn zwischen Forstinning und Marktl in den nächsten 30 Jahren. Bau, Nutzung und Erhalt sind Verpflichtung und Erlösmöglichkeit für das Konsortium. Je höher die Qualität der Straße ist, desto geringer seien die Instandhaltungskosten, sagt Stangassinger. 440 Millionen Euro zahlt der Bund an die Isentalautobahn GmbH für den derzeit laufenden Bau, insgesamt fließen 1,1 Milliarden Euro aus der Lkw-Maut innerhalb der nächsten drei Jahrzehnte für den Betrieb der A 94.
Autofahrer müssen sich also gedulden, die Gäste des Vereins „Ja zur A 94“ dürfen schon einmal dem Autobahnfahrgefühl nachspüren. Auf der fast fertigen Lappachtalbrücke biegt ihr Bus von der Baustraße auf die A 94 ein. Vorsichtig schleicht er zwischen Baggern, Bauarbeitern und Lastwagen in Richtung Mühldorf. Fast jedes Handy ist in Betrieb, um das erste Foto von der ersten Fahrt zu schießen. Günther Knoblauch ist euphorisch. Er glaubt: „So langsam fahren wir nie wieder über diese Autobahn.“
In zweieinhalb Jahren soll die Autobahn A94 Richtung München fertig sein. Im Isental sind die Arbeiten bereits unübersehbar, auch im Landkreis Mühldorf geht es voran. Ein Besuch auf der Baustelle.