24/05/2026
Manchmal gibt es in alten Kirchen ein besonderes Detail: das sogenannte Heiliggeistloch oder Pfingstloch: Ein kreisrundes Loch mit einem verzierten Rand hoch oben in der Kirchendecke.
Pfingsten ist das Fest des Heiligen Geistes. Und das war anscheinend immer schon ein schwieriges, weil nicht wirklich anschauliches Fest. Um Gottes Geist also anschaulicher zu machen, hatten Kirchenbauer im Mittelalter die clevere Idee, ein solches Loch in die Kirchendecke einzulassen. Das besagte Heiliggeistloch. Mit Hilfe dieser Öffnung konnte man der Gemeinde jetzt nicht nur von Gottes Geist erzählen. Die Gemeinde konnte den Heiligen Geist sehen und erleben. Und zwar folgendermaßen:
Genau in dem Moment, wenn an Pfingsten die Geschichte vorgelesen wurde, wie Gottes Geist wie eine Taube vom Himmel zu den Menschen kommt – genau dann hat man durch das Loch weiße Tauben in die Kirche fliegen lassen. Und weil die Bibel den Heiligen Geist auch mit Feuer vergleicht, regneten durch manche Heiliggeistlöcher sogar brennende Holzspäne durch das Loch in den Kirchenraum. Eine richtige Inszenierung wie im Theater, damit sich die Menschen die Pfingstgeschichte besser vorstellen konnten. So als wären sie selbst dabei gewesen:
Wie die Jünger Jesu zuerst verängstigt waren nach Jesu Tod, sich versteckt und eingeschlossen hatten. Wie dann der Geist Gottes in Form von Feuerzungen auf die Jünger Jesu herunterkam und sie gespürt haben: Gottes Geist macht nicht halt vor verschlossenen Türen, verrammelten Fenstern und dicken Mauern. Er findet immer einen Weg.
Diese Geschichte erzählt das Heiliggeistloch. Manche Kirchengemeinden haben es wieder entdeckt und nutzen es an Pfingsten. Natürlich fliegen keine lebendigen Tauben in die Kirche und auch brennende Holzspäne wären viel zu gefährlich. Heutzutage regnen mancherorts rote Rosen- und Pfingstrosenblätter durch das Loch auf die Gemeinde. Wo Gottes Geist weht, da bringt er die Liebe mit.
Von einer Gemeinde habe ich gehört, dass die Kinder aus diesen roten Blütenblättern ein großes Herz auf dem Kirchenboden formen. Ich finde das ganz wunderbar. Denn es reicht nicht, sich vom Geist berieseln zu lassen.
Gottes Geist will uns bewegen. Nicht nur unsere Augen, sondern unser Herz.
Er will durch uns nach draußen. In unsere Worte. In unser Handeln. In unsere Welt.
Vielleicht ist ja das eigentliche Heiliggeistloch unser Herz.
/ Anne Waßmann-Böhm in SWR1 3vor8 „Heiliggeistloch“