06/06/2026
10 Jahre Jüdisch- Chassidische Kultusgemeinde Breslev Deutschland mit Sitz in Hanau
Chassidim • Hanau und die Welt
Das Chassidentum ist für uns nicht nur eine religiöse Richtung innerhalb des Judentums. Es ist ein lebendiger Weg des Herzens, der Freude, der Verantwortung und der Nähe zu G_tt.
Wer das Chassidentum verstehen möchte, muss seine Wurzeln nicht allein in Büchern suchen, sondern auch in der Frage, wie ein Mensch lebt, wie er anderen begegnet, wie er betet, wie er hilft, wie er Hoffnung schenkt und wie er trotz aller Dunkelheit Licht in diese Welt bringt.
Die chassidische Bewegung entstand im 18. Jahrhundert in Osteuropa, in einer Zeit, in der viele jüdische Menschen unter Armut, Ausgrenzung, Verfolgung und innerer Not litten. In diese Zeit hinein trat Rabbi Israel ben Elieser, der als Baal Shem Tov bekannt wurde. Der Baal Shem Tov war kein Lehrer, der das Judentum schwerer machen wollte.
Er wollte es den Menschen wieder nahebringen. Er lehrte, dass jeder Mensch G_tt dienen kann, nicht nur der große Gelehrte, nicht nur der Rabbiner, nicht nur derjenige, der viele Bücher gelesen hat. Auch der einfache Mensch, der mit einem aufrichtigen Herzen betet, der einem anderen Menschen hilft, der ehrlich lebt und G_tt vertraut, ist vor dem Himmel kostbar.
Das war eine revolutionäre und zugleich tief jüdische Botschaft. Der Baal Shem Tov stellte nicht die Tora infrage, nicht den Talmud, nicht die jüdischen Gesetze und nicht die Heiligkeit der Überlieferung. Im Gegenteil. Er öffnete den Blick dafür, dass die Tora nicht nur studiert, sondern gelebt werden muss. Er zeigte, dass die Gebote nicht nur äußere Handlungen sind, sondern Wege, durch die der Mensch sein Herz, seine Seele und seinen Alltag mit G_tt verbindet. Für den Baal Shem Tov war die Welt nicht gottlos, sondern voller göttlicher Funken. Jeder Moment, jede Begegnung, jedes gute Wort und jede helfende Tat kann ein Ort sein, an dem Heiligkeit sichtbar wird.
Aus dieser geistigen Wurzel heraus entstand das Chassidentum als eine Bewegung der Freude, der Liebe, der inneren Stärke und der Nähe zu den Menschen.
Es ging niemals darum, sich über andere zu erheben. Es ging darum, den Menschen aufzurichten.
Das Chassidentum sagt: Ein Mensch ist nicht verloren. Auch wenn er gefallen ist, kann er aufstehen. Auch wenn er zweifelt, kann er beten. Auch wenn er gebrochen ist, kann aus ihm Licht hervorgehen.
Diese Haltung prägt bis heute unser Verständnis als Jüdisch Chassidische Kultusgemeinde Breslev Deutschland mit Sitz in Hanau.
Besonders verbunden fühlen wir uns mit der Lehre von Rabbi Nachman von Breslev, dem Urenkel des Baal Shem Tov. Rabbi Nachman hat die chassidische Botschaft auf eine ganz eigene, tiefe und bis heute sehr aktuelle Weise weitergetragen. Er sprach über Freude, über Hoffnung, über das persönliche Gespräch mit G_tt, über die Kraft der Seele und über den Mut, niemals aufzugeben. Seine Lehre ist nicht oberflächlich fröhlich, sondern ehrlich.
Rabbi Nachman kannte die Dunkelheit des menschlichen Lebens, aber gerade deshalb lehrte er, dass der Mensch sich nicht von Verzweiflung beherrschen lassen darf. Sein Weg ist ein Weg der inneren Rückkehr, der Teschuwa, der persönlichen Verantwortung und der lebendigen Beziehung zu G_tt.
Für uns als Breslev-Chassidim bedeutet das: Wir glauben an die Kraft des Gebets. Wir glauben an die Kraft der Freude. Wir glauben daran, dass ein Mensch mit G_tt sprechen kann, ehrlich, direkt und ohne Maske. Wir glauben daran, dass jeder Mensch einen Punkt des Guten in sich trägt. Und wir glauben daran, dass es unsere Aufgabe ist, diesen Punkt des Guten im anderen Menschen zu sehen, zu stärken und sichtbar zu machen.
Als jüdische Strömung in der Lehre von Rabbi Nachman stehen wir für Menschlichkeit, Freude und die Flamme des Lebens. Wir möchten Licht verbreiten. Wir möchten etwas Gutes in das Herz unseres Gegenübers pflanzen. Für uns ist es eine Mizwa, jedem Menschen, der uns begegnet, freundlich, offen und mit Respekt gegenüberzutreten. Und zwar so, dass dieser Mensch sich freut, uns wiederzusehen.
Das ist für uns kein nebensächlicher Gedanke, sondern ein tiefes religiöses Verständnis: Ein Mensch, der einem anderen Menschen Freude schenkt, bringt Licht in die Welt.
Auch der Baal Shem von Michelstadt, Rabbi Seckel Löb Wormser, gehört zu den bedeutenden jüdischen Persönlichkeiten, die besonders im deutschen Raum mit Frömmigkeit, Weisheit, Wohltätigkeit und geistiger Tiefe verbunden werden. Er steht für eine Form jüdischer Gelehrsamkeit, die nicht kalt oder abgehoben ist, sondern den Menschen zugewandt bleibt. Seine Erinnerung zeigt, dass auch auf deutschem Boden jüdische Mystik, Frömmigkeit, Tora-Treue und praktizierte Nächstenliebe tiefe Wurzeln haben. Für uns ist das wichtig, weil wir unser chassidisches Leben nicht als fremd in Deutschland verstehen, sondern als Teil einer langen jüdischen Geschichte, die auch hier Spuren hinterlassen hat.
In Hanau organisieren, vertreten und leben wir chassidische Menschen der Breslev-Bewegung. Wir verstehen uns in Hanau, ebenso wie in Dresden, als liberale Chassidim. Damit meinen wir nicht, dass wir unsere religiösen Wurzeln aufgeben. Im Gegenteil. Wir stehen auf dem festen Fundament der Tora, des Talmuds, der jüdischen Überlieferung und der chassidischen Lehre. Wir nehmen unseren Glauben ernst. Wir nehmen jüdische Gesetze, Traditionen, Gebet, Feiertage, Lernen und religiöse Verantwortung ernst. Zugleich leben wir offen, dialogbereit und mitten in der Gesellschaft.
Für uns ist es kein Widerspruch, tief religiös zu sein und zugleich offen auf andere Menschen zuzugehen. Es ist kein Widerspruch, chassidisch zu leben und sich in die Stadtgesellschaft einzubringen. Es ist kein Widerspruch, die eigene jüdische Identität zu bewahren und gleichzeitig Brücken zu anderen Religionen, Kulturen und Minderheiten zu bauen. Im Gegenteil: Gerade aus unserem Glauben heraus sehen wir die Verpflichtung, Menschen nicht auszugrenzen, sondern ihnen mit Respekt, Würde und Menschlichkeit zu begegnen.
Breslev ist mit Musik, Tanz, Freude, Gesang und gemeinsamem Gebet verbunden. Es wird getanzt, es wird sich gefreut, es wird gesungen, und es wird gemeinsam gebetet. Noch wichtiger ist für uns jedoch das persönliche Gespräch mit G_tt. Dieses ehrliche Sprechen mit G_tt, mit eigenen Worten, mit offenem Herzen, mit allem, was den Menschen bewegt, ist ein wesentlicher Teil unseres religiösen Lebens.
Es verbindet den Menschen nicht nur mit dem Himmel, sondern auch mit seiner eigenen Seele.
Auch unsere Kleidung kann sich von anderen jüdischen Strömungen unterscheiden. Manche von uns tragen traditionell Schwarz-Weiß, andere heller, moderner und freundlicher. Manche tragen Herrenschuhe, andere Turnschuhe. Entscheidend ist nicht die äußere Form allein, sondern das Herz, das dahintersteht. Wichtig ist uns, dass Kippa und Zizit sichtbar bleiben, denn sie erinnern uns an unsere jüdische Identität, an unsere Verantwortung und an unsere Verbindung zu G_tt. Ob modern oder traditionell, ob hell oder schwarz-weiß: Unser Ziel bleibt dasselbe. Wir möchten mit Freude, Glauben und Würde jüdisches Leben sichtbar machen.
Unsere jüdische Community in Hanau ist voll integriert und setzt sich im Alltag aktiv mit Gesellschaft, Vielfalt und Verantwortung auseinander. Wir sind im interreligiösen Dialog tätig, nicht nur lokal, sondern im gesamten Bundesgebiet. Wir suchen das Gespräch mit Christinnen und Christen, Musliminnen und Muslimen, mit anderen Religionsgemeinschaften, mit Vereinen, Schulen, Kommunen, Bildungsstätten und zivilgesellschaftlichen Akteuren. Wir tun das nicht als Show und nicht aus taktischen Gründen. Wir tun es, weil wir überzeugt sind, dass Menschen einander begegnen müssen, wenn Vorurteile abgebaut werden sollen.
Die Jüdisch Chassidische Kultusgemeinde Breslev Deutschland in Hanau setzt sich nicht nur für jüdische Anliegen ein, sondern auch für andere Minderheiten, darunter Sinti, Roma und Jenische. Aus unserer eigenen jüdischen Erfahrung wissen wir, was Ausgrenzung, Vorurteile, Abwertung und falsche Zuschreibungen bedeuten können. Deshalb können und wollen wir nicht schweigen, wenn andere Minderheiten abgewertet werden. Wer jüdisches Leben ernst nimmt, muss auch die Würde anderer Menschen ernst nehmen.
In der Zusammenarbeit mit vielen Religionsgemeinschaften und Partnern gelingt es uns, Vorurteilen gegenüber jüdischen Menschen, dem Judentum und besonders gegenüber chassidischem Leben entgegenzutreten. Viele Menschen kennen Chassidim nur aus Bildern, Filmen oder Klischees. Sie sehen Kleidung, Schläfenlocken, Kippa, Gebet und Tradition, aber sie kennen oft nicht das Herz dahinter. Sie wissen nicht, dass chassidisches Leben von Freude, Gastfreundschaft, Lernen, Gebet, Musik, Familie, Gemeinschaft und Hilfsbereitschaft geprägt ist. Genau deshalb öffnen wir unsere Türen.
Wir laden nichtjüdische Menschen zu Veranstaltungen, Kulturreihen, Ausstellungen, Konzerten, Bildungsangeboten und jüdischen Feiern ein. Wir grenzen nicht aus. Wir erklären. Wir begegnen. Wir sprechen. Wir hören zu. Wir antworten auf Anfragen per E-Mail oder Telefon, und wir nehmen Menschen ernst, die Interesse am Judentum haben. Wer mit ehrlichem Herzen fragt, soll eine ehrliche Antwort bekommen. Wer jüdisches Leben kennenlernen möchte, soll nicht vor verschlossenen Türen stehen.
In den letzten zehn Jahren haben wir in der Hanauer Innenstadt aufgebaut, gestaltet, erklärt, eingeladen und Verantwortung übernommen. Wir haben jüdisches Leben sichtbar gemacht, nicht als abgeschlossene Welt, sondern als lebendige, aktive Stimme innerhalb der Stadtgesellschaft. Wir haben Veranstaltungen durchgeführt, Bildungsarbeit geleistet, Dialogräume geschaffen, Kultur sichtbar gemacht und Begegnungen ermöglicht.
Diese Arbeit ist nicht immer leicht. Wer sichtbar ist, wird auch bewertet. Wer religiös ist, wird manchmal missverstanden. Wer eigene Wege geht, wird nicht selten vorschnell beurteilt.
Wir erleben leider, dass freie jüdische Gemeinden und besonders chassidische Gemeinschaften manchmal falsch bewertet oder verurteilt werden. Häufig geschieht das gerade deshalb, weil wir an der jüdischen Lehre, an der Tora, am Talmud, an den heiligen Schriften, an Traditionen und an jüdischen Gesetzgebungen festhalten.
Gleichzeitig wird unsere Offenheit gegenüber der Gesellschaft manchmal missverstanden. Doch offen zu sein ist kein Mangel an Glauben. Menschlich zu sein ist kein Bruch mit der Tradition.
Dialogbereit zu sein ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist eine Stärke. Es ist Liebe.
Selbst Kritik, Ablehnung oder verletzende Bezeichnungen, wie zum Beispiel die Benennung als „Sekte“, nehmen wir nicht mit Hass, Bitterkeit oder negativen Gefühlen auf. Wir tragen keine schlechten Gedanken in uns. Neid und Missgunst sind uns fern. Wir antworten nicht mit Dunkelheit auf Dunkelheit, sondern mit Freude, Liebe und Glauben. Die Flamme von Rabbi Nachman brennt in unserem Herzen. Diese Flamme heißt Emuna: Vertrauen auf G_tt, innere Stärke, Hoffnung und die Gewissheit, dass Freude stärker sein kann als Kränkung.
Wir sehen unsere freie Gemeinde als tief religiös und stark im Glauben. Unsere Offenheit kommt nicht aus Beliebigkeit, sondern aus Verantwortung. Wir wollen nicht gegen Menschen stehen, sondern mit Menschen sprechen. Wir wollen nicht Mauern bauen, sondern Verständnis ermöglichen. Wir wollen nicht durch Streit wachsen, sondern durch Wahrheit, Haltung und gute Taten.
Darum distanzieren wir uns klar von Streit, übler Nachrede, Hass, Hetze und Gewalt. Wir möchten nicht schlecht übereinander reden, sondern als Freunde miteinander sprechen. Wir glauben, dass auch schwierige Fragen mit Würde, Respekt und Anstand behandelt werden müssen.
Gerade in einer Zeit, in der Menschen schnell urteilen, schnell verletzen und schnell spalten, braucht es religiöse Stimmen, die verbinden und beruhigen, ohne ihre Wahrheit aufzugeben.
Wir distanzieren uns auch von politischem Streit im Inland wie im Ausland, soweit er Menschen gegeneinander aufhetzt und religiöse Gemeinschaften zu Gegnern machen will. Wir sind frei im Glauben. Wir sind nicht das Gegenüber für Streit, sondern der Partner für Gebet, Dialog und Menschlichkeit. Wir sind Freunde der Religionen und nicht Feinde der eigenen Herkunft. Unsere jüdische Identität ist fest, und gerade deshalb müssen wir niemanden abwerten, um selbst zu bestehen.
Unser Chassidentum in Hanau ist geprägt von Tradition und Offenheit, von Glaube und Verantwortung, von jüdischer Verwurzelung und gesellschaftlicher Verbundenheit. Wir stehen in der Linie des Baal Shem Tov, der den einfachen Menschen erhoben hat. Wir stehen in der Lehre von Rabbi Nachman von Breslev, der Hoffnung und Freude auch in schweren Zeiten lehrte. Wir erinnern an Persönlichkeiten wie den Baal Shem von Michelstadt, die zeigen, dass jüdische Frömmigkeit und Menschennähe auch in Deutschland tiefe Wurzeln haben.
Wir möchten, dass Menschen verstehen: Chassidisches Judentum ist kein Rückzug aus der Welt. Es ist ein Weg, die Welt mit mehr Seele zu betrachten. Es ist ein Weg, G_tt im Alltag zu dienen. Es ist ein Weg, Menschen mit Würde zu begegnen. Es ist ein Weg, Freude nicht als Leichtigkeit, sondern als geistige Kraft zu leben. Es ist ein Weg, Minderheiten zu schützen, Vorurteile abzubauen und Brücken zu bauen.
Als Jüdisch Chassidische Kultusgemeinde Breslev Deutschland mit Sitz in Hanau stehen wir für ein jüdisches Leben, das tief im Glauben verwurzelt ist und gleichzeitig offen in die Gesellschaft hineinwirkt. Wir stehen für Tora, Gebet, Tradition, Lernen, Dialog, Hilfsbereitschaft und Frieden. Wir stehen gegen Hass, gegen Hetze, gegen Gewalt und gegen jede Form von Menschenverachtung und Ausgrenzung. Wir stehen für das Gute, das Verbindende und das Heilige im Menschen.
Denn genau darin liegt für uns der Kern des Chassidentums: G_tt mit Freude zu dienen, dem Menschen mit Liebe zu begegnen, Licht weiterzugeben, die Flamme des Lebens zu bewahren und in einer oft zerrissenen Welt ein Ort des Friedens, des Glaubens, der Emuna und der Hoffnung zu sein.
Shalom, Niko Deeg
Botschafter der Jüdisch Chassidischen Kultusgemeinde Breslev Deutschland
Geschäftsführer des jüdischen Bildungswerk PINOT - Jüdische Bildungsbausteine