31/05/2026
Sie schwebt über den Dingen und wiegt doch schwer - mitten im Dom von Güstrow: eine Figur aus Bronze. Sie hält ihre Augen geschlossen. Ist still.
Nachdenklich. "Der Schwebende" wird die Figur genannt.
Der Schwebende wurde erschaffen von Ernst Barlach vor fast 100 Jahren, als Mahnmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs. In einem Brief erklärte er damals: "Seine Augen sind geschlossen, nichts lenkt ihn ab von seinem Erinnern." Doch es kam anders.
"Am 23. August, da denken wir immer wieder daran, dass der Schwebende abgenommen wurde als entartete Kunst."
Erklärt Matthias Fischer von der Domgemeinde in Güstrow. 1937 war das, da hing der Schwebende gerade mal zehn Jahre im Dom. Von Nationalsozialisten wurde er diffamiert, entfernt, eingeschmolzen. Der Schwebende verschwand. Und mit ihm seine Botschaft der Erinnerung.
Zum Glück gab es einen Sicherungsguss des Werkstücks. Daher hängt nun ein Nachdruck vom Schwebenden im Dom.
"Helmut Schmidt und Erich Honecker haben sich unter dem Schwebenden getroffen. Insofern kann man sagen, der Schwebende hat auch einen Beitrag zur Vereinigung in Deutschland geleistet."
In jüngerer Zeit wurde der Schwebende noch einmal entfernt, aber aus gutem Grund:
"Für mich war auch sehr spannend, dass wir noch mal den Schwebenden abgenommen haben, weil Neil MacGregor, der damalige Leiter des British Museum, gesagt hat: 'Wir wollen ihn gern ausborgen.' Und er wollte damit einen Beitrag zur Völkerverständigung zwischen England und Deutschland leisten, weil er eine Ausstellung gestaltet hat, die die Entwicklung beider Nationen, und die unterschiedliche Entwicklung erläutern sollte, damit man Verständnis füreinander entwickelt."
Heute beginnt die Festwoche in Güstrow, anlässlich des 850-jährigen Jubiläum des Doms. Das ist eine gute Gelegenheit, sich selbst einmal unter den Schwebenden zu stellen. Die Augen zu schließen. Nachzudenken. Und sich zu fragen: An was möchte ich mich erinnern? Und was darf nie wieder geschehen?
/ Radiopastorin Sarah Oltmanns in "Moment mal" auf NDR 2