27/07/2026
Ich verstehe jede*n, die sich nach dem mutmaßlichen Anschlag in Berlin entscheidet, nicht am CSD teilzunehmen. Anzunehmen, so etwas könnte in Hamburg nicht geschehen, wäre naiv.
Doch gestern erst haben wir gemeinsam mit der ev.-luth. und der röm.-kath. Kirche den"Pride-Prayer" gefeiert. Ja, gefeiert, trotzdem gefeiert, während unsere Gedanken und Gebete in Berlin waren.
"Du bereitet vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde" heißt es im 23. Psalm. Es ist also im Christentum wie im Judentum möglich, zu feiern, während man das Furchtbare klar ins Auge fasst.
Wir feiern trotzdem, danken trotzdem, lachen trotzdem - und womöglich stört das die Rechtsextremen (der Islamismus unterscheidet sich wenig von den übrigen faschistischen Bewegungen) mehr als alles andere. Ich kann mir vieles vorstellen, doch keine glücklichen Faschist*innen.
Aber wir feiern nicht, um andere neidisch zu machen. Wir feiern, weil Jesus uns hilft und uns für die Zukunft verspricht, dass wir nicht untergehen, nicht in der Unsichtbarkeit versinken werden.
"Jetzt erst recht!" scheint mir eine zutiefst christliche Parole zu sein.
Jetzt erst recht! - Im Gedenken an die Tote und die Verletzten, die sichtbar feiern wollten, gehen auch wir auf die Straße.
Jetzt erst recht! - Trotz aller Versuche, uns mundtot und unsichtbar zu machen, bleiben wir laut und sichtbar.
Jetzt erst recht! - Trotz aller modernen Mythen erkennen wir im Islamismus wie im Faschismus gleichermaßen den Tod, doch sehen wir in unseren muslimischen Freund*innen keine Feinde
Jetzt erst recht! - Im Angesicht der politischen Heuchelei wehren wir uns, vereinnahmt zu werden.
Jetzt erst recht! - inmitten aller Einschüchterungen, mitten in unserer Angst steht uns jemand zur Seite, neben uns und in uns und hat ein menschliches Gesicht.
Jetzt erst recht! - Im Glauben an den, der den Tod überwunden hat, feiern wir das Leben und die Liebe.
Im Gedenken an die Opfer und ihren Familien und Freund*innen,
Thomas Domröse, Pastor MCC Hamburg