31/05/2026
Das Wort zum heutigen Dreifaltigkeitssonntag mit Anmerkungen zur ersten Enzyklika von Papst Leo XIV. "Magnifica humanitas“
(Dreifaltigkeitssonntag - Lesejahr A)
Von Pfarrer Karl Zirmer
„Gott, wer bist du?“
Texte: Ex 34,4b.5-6.8-9 u. Joh 3,16-18
„Gott, wer bist du?“, fragt der Schriftsteller Ulrich Schaffer. „Bist du eine Person mit Eigenschaften wie wir, uns aber immer ein Stück voraus, immer das, was wir sein wollen? Bist du das unbegreifliche Wesen, das wir mit unseren Träumen umgeben? … Bist du (vielleicht) gar kein einzelnes Wesen, sondern das Leben selbst? Der Inbegriff alles Lebendigen, dem wir einen Namen geben, weil wir nicht ruhen können, bis wir alles benannt haben? … Oder bist du nur die dürftige Hilfskonstruktion bedürftiger, suchender Menschen, die nicht ohne ein großes Wesen über ihnen leben können, weil es zu schwer ist, den Sinn nur im Leben selbst zu finden, wenn es mit dem unabwendbaren Tod endet?...Hat all das (was wir über Gott denken und uns vorstellen, vielleicht) nur mit uns zu tun, mit der Begrenztheit unserer Sicht, mit den Bildern und Gleichnissen, die wir denken und fühlen können, nicht aber mit dir, dem Unaussprechlichen, dem Undenkbaren? … Und ist es am Ende Ausdruck eines noch unlüftbaren Geheimnisses, dass du das bist, was wir brauchen, dass du in unser Leben eintrittst, wie wir dich denken können, eine jede auf ihre Weise, ein jeder auf seine Art?“ (U. Schaffer, Gott in der Weite meiner Fantasie)
„Gott, wer bist du?“ Diese Frage beschäftigt die Menschen von Anfang an und zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte Gottes und des Menschen. Gott, wer bist du?
Gott ist einer in drei Personen, so bekennen wir es heute am Dreifaltigkeitssonntag wieder besonders feierlich. Was bedeutet aber dieser Satz?
Ein erster wichtiger Aspekt lautet: Wenn wir heute bekennen „Der eine Gott ist der dreifaltige Gott“, dann bekenne wir auch: Gott ist ein tiefes Geheimnis. Gott ist mehr, immer mehr als wir uns ausdenken oder aussprechen können. Er übersteigt all unsere Vorstellungskraft.
Gott ist und bleibt für uns gerade als der dreifaltige Gott ein undurchdringliches Geheimnis. Dass wir aus Gott keine drei Personen im menschlichen Sinne machen dürfen, dass also Vater, Sohn und Geist nicht drei Götter sind, sollte eigentlich selbstverständlich sein. Aber wie in ihm „eins“ und „drei“ ineinandergreifen, entzieht sich trotz aller Erklärungsversuche der Theologen unserer Erkenntnis. So ist das Bekenntnis zum dreifaltigen Gott zunächst das Bekenntnis zum geheimnisvollen, unbegreiflichen Gott.
Zweitens: Gott ist Person, d.h. als ein Du ansprechbar und er spricht uns Menschen an. Mit ihm kann man auch ringen, nach ihm in der Dunkelheit des Lebens fragen. Er ist so groß, dass er alle Rätsel und Ungereimtheiten unseres Lebens, alle Schicksalsschläge überragt und uns deshalb auch Halt und Stütze sein kann.
Drittens: Gott ist Liebe. „Ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig und reich an Huld und Treue“, so stellt er sich dem Mose am Sinai vor, wie wir es eben in der ersten Lesung gehört haben. Gott kennt das Leiden seines Volkes Israel und er will es befreien. Seine Name ist „Jahwe“, d.h. Gott ist einer, der für uns da ist und der sich um uns Menschen kümmert.
Gott ist in sich selbst sogar ein dreifaches Du, ist Gemeinschaft, Hingabe und Beziehung. Die Liebe schafft die Einheit der drei Personen in einem Wesen. Gott ist überreich an Leben und Liebe, die er gerne teilt. Deshalb geht er auch aus sich heraus, schafft die Welt und in ihr den Menschen. Er geht auf die Menschheit zu, offenbart sich und lädt uns zur Beziehung mit ihm ein.
Die Hinwendung Gottes zu uns Menschen erreicht ihren Höhepunkt in der Menschwerdung seines Sohnes. Seine Liebe fürchtet das Dunkel und den Tod nicht. Er geht mit uns durch Dick und Dünn. Im Evangelium hat es uns Jesus so gesagt: „Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab…“
Viertens: Wenn Gott in seinem innersten Wesen Beziehung, Liebe und Gemeinschaft ist, gehört dies auch zum Wesen von uns Menschen. Ein egoistisches Verhalten, Gleichgültigkeit, Bequemlichkeit und Lieblosigkeit machen nicht glücklich. Wer aber wie Jesus bereit ist, sein Leben einzusetzen für eine gute Sache, wer seine Kraft und seine Zeit, seine Gaben und Fähigkeiten in den Dienst Gottes und seiner Mitmenschen stellt, der wird die Erfahrung machen, dass ein solches Leben sinnvoll und lebenswert ist, Freude und Erfüllung schenkt. Gott ist Liebe und der Mensch ist zur Liebe geschaffen. Deshalb kann er nur in gelebten Beziehungen das Glück und die Erfüllung finden, die er im Innersten seines Herzens sucht.
Anmerkungen zur ersten Enzyklika von Papst Leo XIV.: „Magnifica humanitas“
Sie haben mit Sicherheit mitbekommen, dass am Pfingstmontag die erste Enzyklika von Papst Leo XIV. vorgestellt wurde: „Magnifica humanitas. Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der künstliche Intelligenz.“
Mit rasantem Tempo greift KI in unseren Alltag, in die Arbeitswelt und in die Kriege ein und verändert alles. Das päpstliche Lehrschreiben zu den Auswirkungen der KI ist von Fachkenntnis geprägt und hat zu Recht weltweit ein positives Medienecho gefunden. Es ist hochaktuell und trifft den Nerv der Zeit.
Jeder Epoche droht die Gefahr, dass die Welt unmenschlich wird. Jede Generation erbt deshalb die Aufgabe, die eigene Zeit menschlicher zu gestalten Der Papst wendet sich in seiner Enzyklika keineswegs gegen Technologie an sich. Er sieht sie als „wertvolles Hilfsmittel“, wie er immer wieder betont. „Die technische Entwicklung hat im Laufe der Jahrhunderte zu einer erheblichen Verbesserung der Lebensbedigungen beigetragen; zugleich aber hat jede Phase des Fortschritts auch die Ambivalenz von Werkzeugen offenbart, die in der Lage sind, Schaden anzurichten, wenn sie nicht auf das Gute ausgerichtet sind.“ Um dieses Gute geht es in der Enzyklika.
Die KI ist nicht menschlich. Wenn ihre Entwickler keine Vorsicht walten lassen, besteht das Risiko, dass diese Nichtmenschlichkeit und Unmenschlichkeit umschlägt und auf uns zurück.
Die KI „muss entwaffnet werden“. Wir sollten zwar nicht auf sie verzichten, uns aber auch nicht von ich beherrschen lassen.
In der Wochenzeitung „Die Zeit“ heißt es: „Magnifica humanitas“ ist Pflichtlektüre für alle, die nach einer Ethik für das Zeitalter der KI suchen. Sich mit dem Lehrschreiben zu beschäftigen, lohnt sich! Wollte man die 245 Paragraphen in einem Satz zusammenfassen, dann lautet er: „Bleibt menschlich!“