13/12/2025
Zum 13. Dezember:
Ich war Pflaster unter den Füßen der Flüchtenden.
Ich war Bruchstück in den Ruinen von Aleppo,
Splitter im Staub von Mariupol,
toter Zeuge in den Straßen von Gaza,
schwerer Brocken in den Flüssen des Kongo.
Ich habe das Gewicht von Bomben gespürt,
die Hitze von Hass,
das Schweigen nach dem Schrei.
Man hat mich benutzt.
Man hat mit mir geworfen,
mich in Mauern verbaut,
mich in Gräber gelegt.
Ich war Werkzeug der Trennung,
stummer Zeuge der Gewalt.
Und niemand hat gefragt,
ob auch Steine irgendwann müde werden.
Doch dann kam eine Nacht,
leise, unscheinbar.
Sie legten ein Kind über mich.
Ein Kind, kaum größer als meine eigene Fläche,
warm, atmend, friedlich.
Ich, der Mauerstein,
wurde Teil einer Krippe.
Ich, der Trennende,
wurde Träger des Lebens.
Ich, der so oft unter Waffen lag,
halte jetzt den Frieden selbst.
Das Kind bewegt etwas in mir,
Nicht mit Macht, sondern mit Nähe.
Nicht mit Feuer, sondern mit Atem.
Und während draußen weiter Menschen fliehen,
weiter Kinder schreien,
weiter Staub aufsteigt über zerstörten Städten,
spüre ich hier,
dass Gott selbst in diesen Staub hinabgestiegen ist.
Nicht über den Wolken,
nicht jenseits der Fronten,
sondern mitten hinein –
auf mich.
Seitdem bin ich anders.
Ich bin noch derselbe Stein,
aber nicht mehr für dieselbe Aufgabe.
Ich will kein Fundament der Angst mehr sein.
Ich will ein Grundstein der Hoffnung werden.
Wenn Mauern fallen,
wenn jemand den Mut findet, die Hand auszustrecken,
wenn Frieden wächst aus den Trümmern –
dann weiß ich:
Etwas von diesem Kind lebt und wirkt weiter.
Wir leben in einer Zeit voller Mauern.
Nicht nur aus Steinen, sondern aus Meinungen, Angst und Misstrauen.
Menschen reden aneinander vorbei, ziehen sich zurück in ihre Echoräume,
bauen Gräben zwischen „uns“ und „denen“.
An der Krippe beginnt etwas, das alle Mauern sprengen kann:
Gott wird Nähe.
Er überwindet die Distanz, die wir selbst nicht mehr überbrücken können.
Er geht hindurch.
So, wie es im Epheserbrief heißt:
"Ohne jede Hoffnung und ohne Gott habt ihr in dieser Welt gelebt. Doch das ist vorbei! Durch Christus haben wir Frieden. Er vereinigte die beiden Teile, riss die Mauer zwischen ihnen nieder und beendete ihre Feindschaft."
©Christian Olding
Bild: Bodenpersonal & Christian Olding