09/08/2026
Der Sturm bestimmt nicht die Richtung
Wer Angst hat, will es einfach haben: Einen Schuldigen, eine schnelle Lösung, eine starke Persönlichkeit, die endlich durchgreift. Angst macht den Blick eng. Sie verwandelt komplizierte Wirklichkeit in Parolen und Nachbarn in Verdächtige.
Das Evangelium vom Sturm auf dem See beginnt erstaunlich modern. Die Jünger sitzen nicht gemütlich im Boot und philosophieren über Vertrauen. Sie kämpfen gegen Wind und Wellen. Wenn sie Angst haben, ist das kein hysterischer Anfall, sondern eine realistische Diagnose: Unsere Kraft reicht gerade nicht.
Krieg, Gewalt, wirtschaftliche Unsicherheit, eine Demokratie, die sich im Dauerstreit erschöpft und das Klima als Hintergrundrauschen der Sorge. Dazu die privaten Wellen: eine Diagnose, die Trennung, das Kind, das nicht mehr erreichbar scheint, die Rechnung, die man zu lange ungeöffnet liegen ließ. Es ist nicht erstaunlich, dass viele Menschen erschöpft sind. Erstaunlich ist eher, wie lange wir so tun, als sei alles unter Kontrolle.
In diese Lage hinein kommt Jesus. Nicht mit einem Rettungsplan, nicht mit dem Versprechen, es werde schon alles gut. Sein erster Satz lautet: „Ich bin es. Fürchtet euch nicht.“ Das ist kein Befehl, sich zusammenzureißen. Es ist eine Gegenwartserklärung: Ihr seid im Sturm nicht allein.
Petrus steigt aus dem Boot. Das ist mutig. Solange sein Blick auf Jesus gerichtet bleibt, geht es. Als er nur noch Wind und Wellen wahrnimmt, beginnt er zu sinken. Auch das ist ein vertrauter Mechanismus: Wer jede Krise rund um die Uhr konsumiert, bekommt den Eindruck, sie sei die ganze Wirklichkeit. Sie ist es nicht. Es gibt auch Menschen, die pflegen, trösten, vermitteln, sich einmischen und nicht wegsehen. Nur sind sie selten so schrill wie die Empörung.
Christlicher Glaube fordert keine Verdrängung. Er verlangt nüchternen Mut. Unrecht muss beim Namen genannt werden: Antisemitismus, Rassismus, Verachtung von Armen und Verfolgten. Demokratie darf nicht denen überlassen werden, die mit Angst Geschäfte machen. Grenzen dürfen diskutiert, Konflikte ausgetragen und Regeln durchgesetzt werden. Aber wer andere zum bloßen Sicherheitsrisiko oder politischen Material erklärt, hat den Boden der Menschlichkeit verlassen.
Was hilft, wenn der eigene Boden schwankt? Nicht zuerst der große Plan. Hilfe annehmen. Eine Freundin anrufen, statt noch eine Stunde durch Nachrichten zu scrollen. Zur Beratung oder in die Seelsorge gehen, bevor aus Sorge Verzweiflung wird. Einen konkreten Dienst tun, statt sich an der Ohnmacht zu berauschen: zuhören, begleiten, spenden, widersprechen, wählen. Hoffnung wird belastbar, wenn sie Praxis und Termine bekommt.
Petrus wird nicht gerettet, weil sein Glaube besonders stabil wäre. Er wird gerettet, weil er danach schreit. Das ist der realistische Kern des Glaubens: Ich muss mich nicht selbst aus jeder Not herausziehen. Unterstützung ist keine Niederlage, sondern der Anfang von Handlungsfähigkeit.
Das verändert nicht sofort die Weltlage. Aber es verändert die Art, wie wir in ihr stehen: weniger getrieben, weniger zynisch, weniger gleichgültig. Christliche Hoffnung ist kein Optimismus auf Verdacht. Sie ist die Entscheidung, den nächsten guten Schritt zu gehen – getragen von der Erfahrung: Ich gehe ihn nicht allein.
- Impuls zum Sonntagsevangelium