23/11/2025
Der Post zum Sonntag
Eine wahre Geschichte die sich kürzlich in einem Team-Bulding Seminar ereignete. Der Trainer fragt: „Was ist in einem Team wichtig?“ Kaum hat er den Satz beendet, meldet sich eine junge Frau Ende 20, noch fast taufrisch aus der Uni, voller idealistischer Blasen:
„Das alle im Team einer Meinung sind. Dann gibt es am wenigsten hickhack. Am besten arbeitet man mit seinen Freunden zusammen.“
Stille im Raum. Ich höre förmlich, wie in den Köpfen der älteren Semester die Särge ihrer illusionären Team-Träume mit einem dumpfen 'Klick' zufallen.
Denn genau das ist es ja: Dieses infantile Wunschdenken, dass ein Team eine Kuschelzone sein muss, wo alle nicken und sich liebhaben. Woher kommt das? Ist das eine folge der grassiereden Positiven Psychologie? Ein interessanten Gegenentwurf findet ihr übrigens in dem 📓 "Negative Psychologie" von Prof. Dr. Dr. Oliver Hoffmann.
Als ob Meinungsverschiedenheiten eine Krankheit wären, statt der Sauerstoff, den Innovation zum Atmen braucht. Als ob die 'Freundschaft' im Büro nicht genau das wäre, was aus harter Kritik einen persönlichen Angriff macht und am Ende die Firma ruiniert, weil niemand dem Kumpel sagen will, dass seine Idee Mist ist.
Hickhack? Das ist der Sound von Menschen, die tatsächlich denken, diskutieren, ringen – anstatt mit einem Lächeln in den Untergang zu laufen, nur weil man ja 'eine Meinung' sein wollte.
Wahre Stärke eines Teams liegt nicht in der Harmonie des Gleichklangs, sondern in der Fähigkeit, konstruktiv zu streiten, unterschiedliche Perspektiven zu integrieren und am Ende eine bessere Lösung zu finden, als jeder Einzelne es gekonnt hätte. Mit oder ohne Freundschaft.
Aber gut, die junge Dame wird es noch lernen. Spätestens, wenn ihr 'freundschaftliches' Team beim Aufbau des 'Pax'-Kleiderschranks an Schraube 'J2' scheitert, weil niemand den Mut hatte, die falsche Interpretation der Anleitung zu beanstanden.
Und in der Aussage der jungen Frau findet sich die gesamte Palette wieder, von dem was falsch läuft:
♦️ Echo-Kammer-Effekt
♦️ Fehlende Perspektivenvielfalt
♦️ Groupthink
♦️ Mangelnde konstruktive Kritik
♦️ Passiv-aggressives Verhalten
♦️ Vetternwirtschaft/Beziehungen statt Leistung
♦️ Exklusion/Cliquenbildung
Ein Team ist keine Selbsthilfegruppe oder ein Freizeitclub. Es ist eine Gruppe mit einem gemeinsamen Ziel, die unterschiedliche Kompetenzen einbringen und sich gegenseitig ergänzen. Das erfordert professionellen Respekt, klare Kommunikation und die Bereitschaft, sich auch unbequemen Wahrheiten zu stellen – nicht zwingend tiefe Freundschaft.
Die Sehnsucht nach einem harmonischen Team voller Freunde ist verständlich, aber im professionellen Kontext hochgefährlich. Sie führt zu Stagnation, Fehlentscheidungen und verdeckten Konflikten.
Wahre Teamstärke entsteht aus der Fähigkeit, Vielfalt zu managen, offen zu streiten und auch unangenehme Wahrheiten anzusprechen – im Dienste eines gemeinsamen Ziels.
Was hättest du der jungen Frau entgegnet?
Gaedt