28/04/2025
Kleine Nachlese zu unserem Karfreitagsgottesdienst:
Die letzte Konsequenz
Ein roter Faden wand sich in Schlangenlinien vom Kreuz durch die Sitzbänke, als die Besucherinnen und Besucher des Laboratoriumsgottesdienstes am Karfreitag die Dreifaltigkeitskirche Altenoythe betraten. Auf einer Leinwand prangte die provokative Frage „Wenn Jesus nicht gestorben wäre, wo wären wir dann heute?“. Zur nachdenklichen Atmosphäre, die den Gottesdienst schon direkt zu Beginn ausmachte, trug auch das einfühlsame Cellospiel des Oldenburgers Christoph Rode bei.
Zu Beginn hörten die Besucherinnen und Besucher die Erzählung, wie Abraham seinen einzigen Sohn Isaak opfern sollte (Gen 22 1-19). Was für ein drastisches Verlangen Gottes, dem Abraham mit völliger Konsequenz nach ging. Bei der Textzeile „Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, und bring ihn als Opfer dar!“ richteten sich viele Blicke auf das große Holzkreuz, das in der Mitte des Altarraums errichtet war und nur mit einer Dornenkrone geschmückt war. Man spürte: Hier verlangt Gott etwas, was er selbst zu tun bereit war. Karfreitag deutet sich schon im Alten Tes-tament an.
Das Laboratoriumsteam forderte nun die Gäste auf, ihren Lieblingsgegenstand abzugeben und auf diese Weise ebenfalls ein konsequentes Opfer zu erbringen. Dazu waren sie mit Sammelkörben und einer großen Mülltonne ausgestattet. Es regte sich erkennbarer und erwartbarer Widerstand – soll ich jetzt wirklich etwas abgeben? Was, wenn ich gar nicht will? Doch Niklas Reinken vom Laboratoriumsteam löste die Unruhe schnell auf – natürlich musste niemand seine Besitztümer abgeben. Doch hätte sich überhaupt jemand drauf eingelassen?
Abraham musste seinen Sohn schlussendlich doch nicht opfern, obwohl er dazu bereit gewesen wäre. Dass diese Geschichte auch heute noch sehr unter die Haut geht, das konnte Irene Block in einem empörten Zwischenruf per Sprachnachricht verdeutlichen: „Der liebende Gott – der das Töten des geliebten Sohnes verlangt? Wo ist da der Sinn?“ Der Sinn, auch das machte sie deutlich, liegt darin, dass Abraham auf diese Weise zeigen kann, dass er würdig ist, den Gottessegen zu empfangen: „Gott will von Abraham kein Menschenopfer, sondern sein Vertrauen“. Und in diesem Vertrauen erwartet Gott von Abraham eine absolute Konsequenz.
Das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen ist im Alten Testament vom Tun-Ergehen-Zusammenhang geprägt. So erklärten sich den Menschen, warum es einigen schlecht geht und an-deren gut. Vereinfacht gesagt bedeutet das: Wem es gut geht, der hat gut gehandelt. Wem es schlecht geht, der hat dann wohl eine böse Tat begangen. Im Neuen Testament bricht Jesus diese klare Konsequenz, die ja auch Orientierung für das alltägliche Leben bietet, mit ebenso klaren Worten auf. In Anbetracht eines schrecklichen Unglücks, das einigen Galiläern widerfahren ist, sagt er: „Meint ihr, dass diese Galiläer größere Sünder waren als alle anderen Galiläer, weil das mit ihnen geschehen ist?“ Diese Art der Konsequenz – die wir ja auch heute noch oft in unserem Leben zu erfahren glauben – gilt für Jesus nicht mehr. Am Beispiel eines Feigenbaumes, der keine Früchte trägt, erläutert er seine neue Konsequenz: Es ist nicht konsequent, den Baum abzuholzen. Sondern es ist konsequent, wenn der Winzer ihm noch eine letzte Chance gibt. Gabi Tepe kann dies mit ei-ner Geschichte aus ihrem eigenen Garten untermalen: Kein Feigenbaum, aber ein störrischer Ap-felbaum trägt dort Jahr für Jahr keine Früchte – und trotzdem lassen Tepes ihn bisher stehen. Be-zogen auf das Gleichnis sagt sie: „Wir sind nicht der Winzer, wir sind der Baum“.
Auch in Jesu Leben selbst finden sich immer wieder Spuren dieser neuen Art von Konsequenz: Nicht Gleiches mit Gleichem vergelten, sondern jedem eine Chance geben. Auch wenn das auf Unver-ständnis und andere vor den Kopf stößt – wie es Jesus ja auch passiert ist. Liest man die Passionsgeschichte und überprüft die Vorwürfe, die ihm von Seiten des Volkes und der Hohepriester ge-macht werden, dann zeigt sich dies deutlich. So auch im Gottesdienst: Die Passionsgeschichte – gelesen von Annette Jahn, Irmgard Greten und Gabi Tepe – wird immer wieder von Rückblicken auf Jesu Wirken und Handeln unterbrochen (dargestellt von Michaela Schipke und Anja Lübbers). Auch hier zeigte der Cellist Christoph Rode wieder sein Talent, die Stimmung genau richtig zu erfassen und musikalisch weiterzuführen. Die Konsequenz, mit der Jesus seinem Ende entgegen ging, lässt sich wohl gut mit dem Lied „Das Weizenkorn muss sterben“ zusammenfassen.
Letztlich ist es genau diese Konsequenz, die aus dem Christentum die bedeutende Religion gemacht hat, die es heute ist. Denn Jesus hätte zwar seine Botschaft etwas abschwächen können und wäre auf diesem Weg möglicherwiese dem Kreuzestod entgangen. Aber das wäre inkonsequent gewesen – und nicht zielführend. Denn nur durch Jesu Kreuzestod konnte Gott einen neuen Bund mit uns besiegeln.
Konsequenz – das heißt in der lateinischen Wortbedeutung auch Nachfolge. Und das ist es, wo wir unsere Konsequenz zeigen können. Annette Jahn konnte das abschließend mit dem Gebet „Gehen“ illustrieren. Und auch die Postkarte, die die Besucherinnen und Besucher zum Abschluss erhielten, gibt einen sehr praktischen Tipp, wie diese konsequente Nachfolge gelingen kann und was sie bewirken kann: „Wenn die Macht der Liebe die Liebe zur Macht übersteigt, erst dann wird die Welt endlich wissen, was Frieden heißt.“ Dieses Zitat von Jimi Hendrix schmückt der Zweig eines Feigenbaums.
Niklas Reinken