22/06/2026
Bei dir selbst ankommen
Wenn wir zurückdenken, hatten unsere Eltern, die frühere Generation, fast kein Problem mit der Selbstfindung. Sie wurden in eine Familie hineingeboren, die Familienstruktur war da. Wenn der Vater in einem Dorf ein Schmied war, wurde der Sohn auch ein Schmied. Die Familie war groß, die Struktur stand fest, niemand fragte, wer ich bin und wohin ich gehöre, denn die Zugehörigkeit war schon da, bevor man suchte. Man wurde hineingeboren in einen Platz, in eine Aufgabe, in eine Gemeinschaft. Das Leben hatte eine Richtung, nicht weil man gewählt hatte, sondern weil man hineingeboren war oder weil man geerbt hatte.
Heute haben wir alles, die große Wahl. Wir haben die Freiheit, wir haben die Möglichkeit, wir haben die Wahl. Und doch sind wir orientierungslos. Wir wissen gar nicht wohin mit uns selbst, und wir wissen auch nicht mehr, wer wir sind. Genau da sind wir überfordert mit der großen Wahl. Denn mit jeder Möglichkeit verschwindet die Selbstverständlichkeit. Wir stehen in einer großen Stadt zwischen Millionen von Menschen und gehören zu niemandem. Keine feste Struktur trägt uns, keine Gemeinschaft ist da. Wir sind frei, aber ganz allein. Und der Preis, den wir dafür tragen, steht auf irgendeinem unsichtbaren Preisschild.
Du bist allein. Die Orientierung, die früher von außen kam, müssen wir jetzt selbst finden. Die Aufgabe für unser Leben müssen wir selbst entwickeln und herausfinden. Doch wenn wir genauer hinschauen, sehen wir: Wir haben noch mehr Wahl. Wir haben jede Möglichkeit der Optimierung. Wir haben viele Apps, die dich angeblich zu dir selbst führen, und doch findest du dich selbst nicht. Du bist in vielen Vereinen, aber du gehörst nirgendwo hin. Deshalb müssen wir uns heute selbst eine Gemeinschaft öffnen. Wichtig ist auch, dort zu bleiben und uns zu zeigen, indem wir uns auf andere einlassen, statt zwischen ihnen zu verschwinden.
Noch wichtiger ist, dass du mit dir selbst in Verbindung gehst. Nicht mit Social Media, nicht mit noch einer App, sondern mit dir selbst, in deinem Körper, nicht nur in deinem Kopf. Das Leben beginnt in dem Moment, in dem du deinen Atem spürst, in dem du den Augenblick mit dir selbst aushältst, ohne ihn sofort zu füllen, zu optimieren oder vor ihm zu fliehen. Der Schmied von früher fand seine Aufgabe leichter. Wir müssen uns selbst finden.
Und vielleicht ist es eine stille Chance unserer Zeit, dass wir nicht mehr erben, wer wir sind, sondern es wirklich werden, wenn wir es sein wollen. Du musst nicht mehr werden. Du musst nur in dir ankommen, in deinem Körper, in deinem Herzen, in deinem Gefühl. Erst dort, bei dir selbst, beginnt das Leben. Wann hast du zum letzten Mal einen Augenblick für dich genommen und wirklich dich selbst gefühlt, ohne dich dabei zu optimieren?
Mögen wir die Stabilität in uns haben, um bei uns zu bleiben und uns auszuhalten. Mögen wir die Weisheit haben, zu erkennen, dass sich alles in uns befindet. Wir müssen nicht im Außen suchen. Mögen alle Menschen glücklich sein, und mögen alle Menschen frei von Leid sein.
Thay Thien Son, 22.06.26