12/09/2026
🕊️ Rosch ha-Schana 5787 – Ein Zeichen des Respekts, der Erinnerung und der gemeinsamen Menschlichkeit
Am Donnerstag, dem 10. September 2026, durfte ich anlässlich des jüdischen Neujahrsfestes Rosch ha-Schana an einer besonderen Begegnung vor dem Ratskeller am Frankfurter Paulsplatz teilnehmen. Gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, der Stadt Frankfurt und des interreligiösen Dialogs wurde das Jahr 5787 begrüßt.
Mein herzlicher Dank gilt Stadträtin Tina Zapf-Rodríguez, Marc Grünbaum, Vorstandsvorsitzender der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, und Benjamin Graumann, ebenfalls Vorstandsvorsitzender der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, für die Einladung und die Möglichkeit, diesen besonderen Moment gemeinsam zu erleben. Ebenso danke ich den Rabbinern Avichai Apel und Julian-Chaim Soussan für ihre religiösen Beiträge sowie allen Menschen, die diese Begegnung vorbereitet und gestaltet haben.
🌿 Ein Fest, das über den Kalender hinausweist
Rosch ha-Schana ist im Judentum nicht einfach nur der Beginn eines neuen Jahres. Es ist eine Zeit der Besinnung, der Erinnerung, der Selbstprüfung und der Hoffnung. Der Mensch wird daran erinnert, Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen, Beziehungen zu erneuern und sich auf das Gute auszurichten.
Auch aus islamischer Perspektive besitzen diese Gedanken eine tiefe Bedeutung. Der Qur’an erinnert uns:
„O ihr Menschen! Wir haben euch aus einem männlichen und einem weiblichen Wesen erschaffen und euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennenlernt.“
(Sure 49:13)
Dieses gegenseitige Kennenlernen ist mehr als ein gesellschaftliches Ideal. Es ist eine ethische Aufgabe. Der Mensch soll sein Gegenüber nicht auf seine Herkunft, seine Religion oder seine politische Zugehörigkeit reduzieren, sondern ihm mit Würde, Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit begegnen.
🏙️ Frankfurt – Eine Stadt gemeinsamer Geschichten
Religiöse Feste und öffentliche Begegnungen sind wichtige Momente gesellschaftlicher Selbstverständigung. Sie geben Gemeinschaften die Möglichkeit, ihre Identität sichtbar zu machen, ihre Geschichte zu bewahren und zugleich ihren Platz in einer vielfältigen Gesellschaft zu gestalten.
Religion ist dabei nicht allein eine Frage des persönlichen Glaubens. Sie prägt auch Erinnerungen, soziale Beziehungen, gemeinschaftliche Verantwortung und die kulturelle Entwicklung einer Stadt. Religiöse Orte sind deshalb nicht bloß Gebäude. Sie sind Räume, in denen Menschen ihre Geschichte erzählen, ihre Hoffnung ausdrücken und ihre Zukunft gestalten.
Frankfurt ist eine Stadt, deren Geschichte seit Jahrhunderten von unterschiedlichen religiösen und kulturellen Traditionen geprägt ist. Jüdisches Leben gehört untrennbar zu dieser Stadtgeschichte.
Als muslimische Gemeinde wissen wir, wie wichtig es ist, dass religiöse Gemeinschaften ihre Identität frei von Ausgrenzung, Diskriminierung und Angst leben können. Die Abu Bakr Moschee Frankfurt versteht sich deshalb als fester Teil der Frankfurter Stadtgesellschaft – als Ort des Glaubens, der Bildung, der Begegnung, des sozialen Engagements und des Dialogs.
Interreligiöser Dialog bedeutet für uns keineswegs, die eigenen Überzeugungen aufzugeben oder Unterschiede zu verwischen. Er bedeutet vielmehr, aus der eigenen religiösen Verantwortung heraus dem anderen mit Respekt zu begegnen, ihm zuzuhören und gemeinsam nach Wegen für ein gerechtes und friedliches Zusammenleben zu suchen.
🤲 Menschliche Würde kennt keine Grenzen
Gerade in einer Zeit, in der das Leid von Menschen auf der Welt unsere Herzen schwer belastet, sind solche Begegnungen nicht immer einfach. Viele Menschen empfinden angesichts des Leidens unschuldiger Menschen tiefe Trauer, Schmerz und Empörung. Diese Gefühle sind menschlich nachvollziehbar und verdienen Respekt.
Gleichzeitig bleibt es unsere gemeinsame Verantwortung, die Würde jedes Menschen zu achten und die Sicherheit aller religiösen Gemeinschaften zu schützen.
Aus islamischer Sicht ist Gerechtigkeit nicht davon abhängig, wem unser Mitgefühl gilt oder welcher Gemeinschaft ein Mensch angehört.
Der Qur’an mahnt uns:
„O ihr, die ihr glaubt! Seid Wahrer der Gerechtigkeit, Zeugen für Allah, auch wenn es gegen euch selbst oder die Eltern und die Verwandten wäre.“
(Sure 4:135)
Und weiter heißt es:
„Und der Hass gegen ein Volk soll euch ja nicht dazu verleiten, nicht gerecht zu handeln. Seid gerecht; das ist der Gottesfurcht näher.“
(Sure 5:8)
Diese Grundsätze verpflichten uns, das Leid unschuldiger Menschen überall ernst zu nehmen und uns entschieden gegen Antisemitismus, antimuslimischen Rassismus und jede Form der Entmenschlichung einzusetzen.
Eine gerechte Haltung muss universell sein. Sie muss die Würde jedes Menschen verteidigen – unabhängig von Religion, Herkunft, Nationalität oder politischer Zugehörigkeit.
🍎 Ein Wunsch für das neue Jahr
Im Namen der Abu Bakr Moschee Frankfurt wünsche ich allen Jüdinnen und Juden in Frankfurt, der Jüdischen Gemeinde Frankfurt ein gesegnetes, friedliches und gutes neues Jahr 5787.
Möge das neue Jahr Gesundheit, Sicherheit, Hoffnung und Segen bringen. Möge es ein Jahr sein, in dem Familien in Frieden leben, Kinder ohne Angst aufwachsen und Menschen – unabhängig von Religion, Herkunft oder Nationalität – in Würde und Gerechtigkeit miteinander leben können.
Möge Allah, der Barmherzige, unsere Herzen für Gerechtigkeit, Mitgefühl und Weisheit öffnen. Möge Er uns die Kraft geben, Brücken zu bauen, wo Trennung und Misstrauen herrschen, und uns dazu befähigen, das Leid aller Menschen ernst zu nehmen.
**Ein respektvoller Dialog ist kein Verzicht auf die eigene religiöse Identität. Er ist Ausdruck der Verantwortung, die wir als gläubige Menschen füreinander tragen**.
Mohamed Seddadi
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