24/05/2026
Frohe Pfingsten
Meine Predigt heute auf der Apfelwiese
Feuer und Flamme
Der Friede Gottes sei mit uns allen.
Amen
Als das Pfingstfest kam,
waren wieder alle zusammen, die zu Jesus gehörten.
So beginnt die Pfingstgeschichte.
50 Tage nach dem, was in der Karwoche und zu Ostern geschehen ist.
50 Tage, die alles in Frage gestellt haben, was zuvor als unverrückbar galt.
Zuallererst die Frage nach dem Tod.
Die Frauen und Männer, sie hatten Unglaubliches mit Jesus erlebt.
Dieses besondere Mahl am Abend seiner Verhaftung:
Jesus hatte Schlimmes angekündigt, seinen Tod -
und ihnen zugleich ein Zeichen, ein Symbol für seine Gegenwart gegeben
für die Zeit, in der er nicht mehr bei Ihnen sein werde.
Seine Gegenwart, wie wir sie auch heute wieder im Abendmahl feiern können.
Dann die Verhaftung, seine Folter, sein schlimmer Tod am Kreuz –
sie hatten es unterschiedlich erlebt,
manche ganz nah
wie Maria, seine Mutter und die andere Maria und Johannes unter dem Kreuz -
andere von ferne mit sicherem Abstand. Sie konnten ja nicht wissen, ob nicht auch
sie noch verhaftet würden und ihnen Ähnliches drohe wie Jesus.
Doch was an Ostern geschah, hatte alles Bisherige in den Schatten gestellt:
Jesu Auferweckung von den Toten …
Zuerst haben die Frauen davon erzählt,
danach ist er Ihnen allen erschienen,
ganz unterschiedlich und fast wie auf den Leib geschneidert haben.
Jede und jeder erlebte es so,
dass sie anfangen konnten daran zu glauben.
Und nun warteten sie auf den Geist,
den Jesus ihnen angekündigt und versprochen hat,
der sie trösten und aufrichten,
der ihnen den Weg zum wahren und erfüllten Leben zeigen wird.
50 Tage nach dem, was in der Karwoche und zu Ostern geschehen ist,
waren sie wieder beieinander, der engste Kreis,
der Jesus zu Lebzeiten begleitet hat.
Die Zukunft war offen und zugleich ungewiss.
Jesus hatte sie beauftragt, von ihm überall auf der ganzen Welt zu erzählen.
Sie sollten Zeugen sein für das Reich Gottes an allen Orten.
Frauen und Männer aus Galiläa, Fischer, Handwerker,
die allermeisten einfache Leute.
Sie, ausgerechnet sie sollten dafür sorgen, dass Gottes Reich sich ausbreitet?
Doch dann geschah es:
Plötzlich kam vom Himmel her ein Rauschen wie von einem starken Wind.
Das Rauschen erfüllte das ganze Haus, in dem sie sich aufhielten.
Dann erschien ihnen etwas wie züngelnde Flammen.
Die verteilten sich und ließen sich auf jedem Einzelnen von ihnen nieder.
Alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt.
Die Heilige Geistkraft,
ein brausender Wind,
eine Energie und Kraft wie Feuer und Flamme.
Und tatsächlich:
Wir kämen heute nicht zusammen als christliche Gemeinde,
wir würden nicht Pfingsten feiern,
wenn diese Frauen und Männer damals nicht mit neuer Kraft,
wenn sie nicht mit einem neuen, lebendigen Geist erfüllt worden wären.
…
Ich habe uns heute ein neues Lied zu Pfingsten mitgebracht.
Es gehört zu einer Reihe von Liedern,
den sogenannten Monatsliedern der Nordkirche,
die zu verschiedenen Anlässen und Festen im Kirchenjahr geschrieben wurden.
"Feuer und Flamme" heißt das Lied,
das wir gleich miteinander singen werden.
https://www.popinstitut-nordkirche.de/song/feuer-und-flamme/
Ich lese einmal die erste Strophe, lest gern mit oder hört zu.
Feuer und Flamme
Du sagst zu mir, ich könnt´ den Himmel sehen
und dass es richtig ist, im Weg zu stehen,
drei Schritte mehr als nötig mitzugehen.
Ich find mich oft am Ende knapp daneben,
dann träume ich, mein Herz emporzuheben,
mit dir zusammen werf ich mich ins Leben:
Dann bin ich Feuer und Flamme.
Feuer und Flamme.
Dann bin ich Feuer und Flamme.
Ich brenne mit dir.
Ein Bespiel für „Feuer und Flamme“ …
Mitte Mai ist im ZDF ein Film erstmals ausgestrahlt worden:
„Olivia“.
Er ist jetzt noch für ein Jahr in der ZDF-Mediathek zu sehen.
https://www.zdf.de/filme/olivia-movie-100
Der Film erzählt die außergewöhnliche Lebensgeschichte
von Deutschlands bekanntester Dragqueen.
Wie aus Oliver Knöbel,
aufgewachsen in der 80-er Jahren in Springe bei Hannover,
Olivia Jones wurde.
Bis zu diesem Film hatte ich lediglich von ihr gehört,
hatte sie in ihrem schillernden, ja schrillen Outfit ab und an wahrgenommen,
war eher abgeschreckt als interessiert.
Der Film hat mir einen anderen Blick geschenkt.
Wie aus dem Jungen Oliver,
der schon immer lieber Mädchen- und Frauenkleider getragen
und sich Lippenstift aufgetragen hat,
nach und nach die Dragqueen Olivia wurde,
dessen Mutter dafür so gar kein Verständnis aufbrachte,
der als Erwachsener von anderen Männern angepöbelt und angegriffen wurde,
der sich gegen unglaubliche Widerstände behaupten musste
bis er nach und nach als Travestiekünstlerin sein erstes eigenes Geld
im Kiez, auf der Reeperbahn verdienen konnte.
Du sagst zu mir, ich könnt´ den Himmel sehen
und dass es richtig ist, im Weg zu stehen,
drei Schritte mehr als nötig mitzugehen.
Wer war dieses DU, das Olivia Mut gemacht hat,
ihr Leben so zu leben, wie sie es in sich gefühlt und gespürt hat?
Ihre Mutter konnte dieses Du nicht sein – jedenfalls sehr lange nicht.
Die anderen Jungs oder Männer in Springe auch nicht.
Es brauchte die Ortsveränderung.
Es brauchte einen Ort, wo das „Andere“ das „Normale“ war.
Es brauchte die Reeperbahn.
Unser Lied geht weiter:
Du sagst zu mir, ich könnt´ es endlich wagen,
mit einem Wort die halbe Welt zu tragen,
und wenn´s drauf ankommt „Bleib bei mir“ zu sagen.
Ich bleibe oft am Blick nach hinten kleben,
dann träume ich, mein Herz emporzuheben,
mit dir zusammen werf ich mich ins Leben:
Dann bin ich Feuer und Flamme.
Feuer und Flamme.
Dann bin ich Feuer und Flamme.
Ich brenne mit dir.
Im Film ist es eine junge Frau,
die einen von Olivias ersten Auftritten auf St. Pauli gesehen hatte,
die in einer schwierigen Situation für sie Partei ergriff,
die dann mehr und mehr zur wichtigen Stütze in Olivias Leben wurde.
Du sagst zu mir, ich könnte Grenzen sprengen
Und meine Liebe in den Morgen mengen,
mich dann an deine seid´nen Fäden hängen.
Schaff ich es nicht, aus eig´ner Kraft zu schweben,
dann träume ich, mein Herz emporzuheben,
mit dir zusammen werf ich mich ins Leben:
Dann bin ich Feuer und Flamme.
Feuer und Flamme.
Dann bin ich Feuer und Flamme.
Ich brenne mit dir.
Oliver Knöbel alias Olivia Jones hat es irgendwann geschafft.
Sie wurde so erfolgreich, dass sie von ihrer Kunst leben konnte.
Und ich habe durch diesen Film
immer mehr Respekt vor ihr gewonnen,
für ihren Einsatz gegen rechte Gewalt,
für ihr Eintreten für Vielfalt und Menschlichkeit.
Ich weiß nicht, welche Rolle der Glaube in ihrem Leben spielt.
Einmal jedenfalls hat sie das „Wort zum Sonntag“ vor einem ESC angekündigt.
Ihr Leben ist für mich ein Beispiel für die belebende Geistkraft Gottes.
Für einen Menschen,
die mehr und mehr zu sich und ihren Gaben und Talenten steht,
die mit Humor durchs Lebens geht.
Ein Beispiel von ihrer Website:
https://www.olivia-jones.de/familie/olivia-jones/
"HAT OLIVIA EINEN FREUND?
Olivia Jones ist bekennender und überzeugter Single.
Sie genießt ihre Freiheit und das Leben
und hat die Suche nach einem Mann fürs Leben aufgegeben.
Olivia sagt von sich selbst, dass es schon anstrengend genug sei,
durch ihr Doppelleben ständig mit Oliver zu leben."
Sie ist zugleich jemand,
die andere Menschen um sich sammelt,
die durch ihr Beispiel selbst neuen Mut bekommen,
deren Ansichten sich weiten:
wie bei ihrer Mutter oder ihrem ersten Freund.
So stelle ich es mir auch damals in Jerusalem vor.
Wie diese Schar von Frauen und Männern
von der Heiligen Geistkraft erfüllt wurde,
wie sie Feuer und Flamme wurden für das Reich Gottes,
wie sie auf ihre je eigene Art Zeuginnen und Zeugen davon wurden
und sich so das Reich Gottes weiter ausbreiten konnte.
Bis heute, bis zu uns hier auf der Apfelwiese.
Lassen auch wir uns von Gottes Heiliger Geistkraft erfüllen,
werden wir Feuer und Flamme:
So wie bei Olivia, in Situationen, in denen Menschen andere Menschen
an ihrer Seite brauchen, die ihnen beistehen.
Und dass wir als Kirchengemeinde solch ein Ort sein können,
wo das „Andere“ das „Normale“ ist.
Schaff ich es nicht, aus eig´ner Kraft zu schweben,
dann träume ich, mein Herz emporzuheben,
mit dir zusammen werf ich mich ins Leben:
Dann bin ich Feuer und Flamme.
Feuer und Flamme.
Dann bin ich Feuer und Flamme.
Ich brenne mit dir.
Amen
Herzlichen Dank:
* der Kochgruppe und allen, die beim Schnippeln und Austeilen und Grillen heute
geholfen haben
* allen, die beim Auf- und Abbau mit angepackt haben
* unserem Posaunenchor, der den Gottesdienst wunderbar begleitet hat
* den "Kreativen Händen" mit ihrem Stand zugunsten eines guten Zwecks