08/09/2026
Ökumene beginnt dort, wo es schwierig wird.
Über christliche Einheit, interkonfessionellen Dialog, Respekt und Frieden.
Es ist leicht, von Toleranz zu sprechen, solange die Überzeugung des anderen unsere eigene Identität nicht berührt.
Wir können sagen:
Jeder Mensch darf glauben, was er möchte.
Wir können anderen Religionen mit Respekt begegnen und erklären, dass Christen, Muslime, Juden, Buddhisten und Menschen anderer religiöser Traditionen friedlich miteinander leben sollen.
Das ist wichtig.
Doch manchmal beginnt die eigentliche Prüfung erst viel näher bei uns selbst.
Denn erstaunlicherweise kann der interkonfessionelle Dialog zwischen Christen schwieriger werden als der Dialog mit Menschen einer völlig anderen Religion.
Warum?
Weil uns der andere Christ sehr ähnlich ist.
Er glaubt an Christus.
Er liest das Evangelium.
Er betet.
Er feiert Gottesdienst.
Er beruft sich auf die Apostel.
Und gerade deshalb berührt seine Existenz manchmal einen empfindlichen Punkt unseres eigenen kirchlichen Selbstverständnisses.
Dann entsteht die Frage:
Wer besitzt die Wahrheit?
Wer ist wirklich katholisch?
Wer ist wirklich orthodox?
Wer steht wirklich in der apostolischen Tradition?
Wer darf sich Kirche nennen?
Hier beginnt eine der größten geistlichen Gefahren der Religion:
der Stolz.
Wenn aus Glaubensgewissheit Überheblichkeit wird
Ein Christ darf von seinem Glauben überzeugt sein.
Eine orthodoxe Kirche darf ihre Tradition lieben.
Eine katholische Kirche darf ihre Überzeugungen vertreten.
Eine evangelische Gemeinschaft darf ihre Auslegung des Evangeliums bekennen.
Problematisch wird es dort, wo aus dem Bekenntnis der Anspruch entsteht:
„Nur wir sind wirklich Kirche.“
Oder:
„Nur wir besitzen die wahre Orthodoxie.“
Oder:
„Nur unsere Form des Christentums ist vollkommen legitim.“
Dann besteht die Gefahr, dass aus Glaubensgewissheit kirchliche Überheblichkeit wird.
Und diese Überheblichkeit kann schließlich genau das zerstören, was Christus seinen Jüngern aufgetragen hat:
einander zu lieben.
Wir predigen Liebe – aber können wir den anderen Christen lieben?
Das ist eine schmerzhafte Frage.
Wir predigen:
Liebe deinen Nächsten.
Wir predigen:
Vergebt einander.
Wir predigen:
Verurteilt nicht.
Wir predigen:
Selig sind, die Frieden stiften.
Doch was geschieht, wenn uns ein Christ begegnet, der Christus liebt, aber nicht unserer Kirche angehört?
Können wir ihn wirklich als Bruder oder Schwester ansehen?
Oder beginnen wir sofort, ihn einzuordnen?
Gültig oder ungültig.
Kanonisch oder nicht kanonisch.
Anerkannt oder nicht anerkannt.
Richtig oder falsch.
Kirchenrechtliche und theologische Unterschiede können selbstverständlich wichtig sein.
Aber kein Kirchenrecht darf das Gebot der Liebe außer Kraft setzen.
Auch kirchliche Konflikte können Menschen verletzen
Auch unsere eigene Kirche hat erfahren, wie öffentliche kirchliche Abgrenzungen und mediale Darstellungen als verletzend und ausgrenzend empfunden werden können.
Es ist legitim, wenn die römisch-katholische Kirche erklärt, wen sie nach ihrem eigenen Kirchenrecht als Bischof oder kirchliche Gemeinschaft anerkennt oder nicht anerkennt.
Problematisch wird es jedoch dort, wo aus einer theologischen oder kirchenrechtlichen Differenz eine persönliche Herabsetzung entsteht oder Menschen öffentlich der Eindruck vermittelt wird, die religiöse Identität des anderen verdiene keinen Respekt.
Gerade Kirchen sollten hier besonders sorgfältig mit Sprache umgehen.
Denn unsere Worte werden von Menschen gehört.
Und sie werden auch von Kindern gehört.
Unsere Kinder beobachten uns
Vielleicht liegt hier eine der größten Verantwortungen unserer Generation.
Unsere Kinder sind die Gesellschaft von morgen.
Unter ihnen befinden sich die zukünftigen
Lehrer,
Ärzte,
Politiker,
Unternehmer,
Priester,
Bischöfe,
Patriarchen
und vielleicht auch Päpste.
Was lernen sie von uns?
Wir können ihnen hundertmal sagen:
„Du sollst andere Menschen respektieren.“
Wenn sie gleichzeitig sehen, dass Christen einander verachten, bekämpfen oder öffentlich herabsetzen, lernen sie etwas anderes.
Kinder lernen nicht nur durch Worte.
Sie lernen durch unser Verhalten.
Wenn ein katholisches Kind lernt, einen orthodoxen Christen geringzuschätzen, oder ein orthodoxes Kind einen katholischen Christen, oder beide einen evangelischen Christen, dann beginnt dort bereits ein Muster der Trennung.
Und dieselben Mechanismen finden wir später auch in Gesellschaft und Politik wieder.
Der Krieg beginnt lange vor den Waffen
Kriege beginnen nicht erst in dem Augenblick, in dem ein Soldat eine Waffe in die Hand nimmt.
Sie beginnen viel früher.
Sie beginnen dort, wo Menschen lernen:
„Wir sind besser als die anderen.“
Sie beginnen dort, wo der andere nicht mehr als Mensch, sondern nur noch als Gegner gesehen wird.
Deshalb tragen Familien, Schulen, Kirchen und Religionsgemeinschaften eine große Verantwortung für den Frieden.
Wenn wir über Kriege in der Ukraine, im Nahen Osten oder an anderen Orten sprechen, dürfen wir nicht nur auf Politiker und Soldaten zeigen.
Wir müssen uns auch fragen:
Welche Kultur geben wir selbst weiter?
Eine Kultur des Zuhörens?
Oder eine Kultur der Abgrenzung?
Eine Kultur des Respekts?
Oder eine Kultur der Überlegenheit?
Jesus Christus gründete nicht unsere heutigen Konfessionen
Christus gründete keine römisch-katholische, syrisch-orthodoxe, griechisch-orthodoxe, lutherische oder anglikanische Konfession im heutigen institutionellen Sinn.
Christus rief Menschen in seine Nachfolge.
Er berief Apostel.
Und auch diese Apostel waren keine identischen Persönlichkeiten.
Petrus war nicht Paulus.
Johannes war nicht Thomas.
Andreas war nicht Jakobus.
Sie hatten unterschiedliche Charaktere, Erfahrungen und manchmal auch unterschiedliche Auffassungen.
Schon die junge Kirche musste schwerwiegende Fragen klären.
Müssen Heiden beschnitten werden?
Welche Vorschriften des jüdischen Gesetzes gelten für nichtjüdische Christen?
Wie soll die junge Kirche mit unterschiedlichen Traditionen umgehen?
Das Apostelkonzil von Jerusalem zeigt uns:
Einheit bedeutete bereits damals nicht, dass es keine Unterschiede gab.
Die Apostel diskutierten.
Sie widersprachen einander.
Aber am Ende war ihre wichtigste Aufgabe nicht die Verbreitung ihrer persönlichen Ideologie.
Ihre Aufgabe war:
Jesus Christus und sein Evangelium zu verkünden.
Einheit bedeutet nicht Gleichförmigkeit
Christliche Einheit bedeutet nicht, dass alle Kirchen morgen dieselbe Liturgie feiern müssen.
Einheit bedeutet auch nicht, dass alle theologischen Unterschiede verschwinden.
Die Kirche von Antiochien darf ihre Tradition bewahren.
Rom darf seine Tradition bewahren.
Konstantinopel darf seine Tradition bewahren.
Die orientalischen Kirchen dürfen ihre Traditionen bewahren.
Auch andere christliche Gemeinschaften dürfen ihre geschichtlichen und geistlichen Erfahrungen einbringen.
Einheit bedeutet nicht Gleichförmigkeit.
Einheit bedeutet, im anderen trotz aller Unterschiede einen Menschen zu erkennen, der Christus sucht.
Der schwierigste ökumenische Schritt
Vielleicht ist es manchmal leichter zu sagen:
„Ich respektiere alle Religionen.“
als zu sagen:
„Ich respektiere den Christen, dessen Kirche meiner eigenen sehr ähnlich ist und der dennoch manches anders versteht.“
Gerade dort beginnt echte Ökumene.
Nicht bei schönen ökumenischen Veranstaltungen.
Nicht bei gemeinsamen Fotos.
Nicht bei höflichen Grußworten.
Sondern dort, wo eine andere christliche Überzeugung unsere eigene Sicherheit berührt – und wir trotzdem sagen können:
Du bist mein Bruder.
Du bist meine Schwester.
Ich muss nicht alles glauben, was du glaubst.
Aber ich werde deine Würde achten.
Eine Kirche des Friedens
Die Kirche sollte der Welt nicht zeigen, wie man sich gegenseitig bekämpft.
Sie sollte zeigen, wie Menschen trotz unterschiedlicher Überzeugungen miteinander leben können.
Das bedeutet nicht Relativismus.
Es bedeutet nicht:
„Alles ist gleich.“
Es bedeutet:
Der Mensch ist größer als unsere Meinungsverschiedenheit.
Und der Auftrag Christi ist größer als unsere institutionelle Eitelkeit.
Wenn Christen diesen Weg lernen, können sie auch glaubwürdig über Frieden zwischen Völkern und Religionen sprechen.
Denn Frieden beginnt nicht auf internationalen Konferenzen.
Frieden beginnt im Herzen.
Frieden beginnt in der Familie.
Frieden beginnt zwischen Gemeinden.
Frieden beginnt zwischen Kirchen.
Und vielleicht beginnt die glaubwürdigste Form der Ökumene genau dort, wo wir sagen:
Ich muss dich nicht zu mir machen, um dich lieben zu können.
Verfasst von
† Erzbischof Gioacchino (Gino) Collica
Katholikos der Katholisch-Apostolischen Kirche Europa
Ökumene beginnt dort, wo es schwierig wird