12/09/2020
– bleibt.alles.anders
Alles wie immer: „Ein Haus voll Glorie schauet…“ habe ich auf den Lippen. Überglücklich, mit Freudentränen in den Augen, laufe ich die leichte Kurve vor der Basilika auf den Kapellenplatz. Zwischen den Bäumen sehe ich die Gnadenkapelle, rechts und links stehen ein paar Hamborner, die freundlich grüßen und anerkennend klatschen. Ich winke zurück. „Achtung Pöller“ sagt jemand. Ich passe auf.
Und dann weiß ich: Ich habe es wieder geschafft. Ich bin angekommen in Kevelaer am Gnadenbild der Trösterin der Betrübten. Das war mein Ziel, seit wir heute Morgen in Hamborn losgelaufen sind, seit ich gestern Abend meine Tasche gepackt und seit ich im Januar die Übernachtung gebucht habe. Ach was, eigentlich seit wir uns im letztem Jahr verabschiedet haben.
Wir stehen vor dem Gnadenbild, ungeordnet durcheinander, erleichtert und geschafft. Wir umarmen und beglückwünschen uns und denken zurück an die Strecke, die wir gemeinsam zurückgelegt haben. Von Hamborn nach Kevelaer – zu Marias kleiner Postkarte, wie manch einer das Gnadenbild liebevoll nennt. Und sie ist da, seit 1642. Und sie bleibt - egal was alles anders ist: Ob in der großen Welt, in Deutschland, in Hamborn, politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich. Egal was ist: Sie ist da. Und egal, was in meinem letzten Jahr passiert ist: Private und beruflich Höhen und Tiefen: Sie ist da. Unabhängig von den Erfolgen, die ich feiern durfte, den Fehlern, die ich gemacht habe und die falschen Entscheidungen, die ich getroffen habe: Sie ist da.
Egal was alles anders ist: All meine Sorgen, meine Trauer, meine Angst und auch meinen Dank aus dem letzten Jahr kann ich hier abladen. Bei ihr, der Trösterin der Betrübten und bei ihm, Jesus Christus.
Das bleibt. Auch wenn in diesem Jahr alles anders ist. Auch wenn wir in diesem Jahr nicht gemeinsam auf den Kapellenplatz ziehen, auch wenn wir in diesem Jahr nicht gemeinsam in aller Frühe in Hamborn aufgebrochen sind, wenn wir die Gemeinschaft auf dem Weg nicht genossen haben, wenn wir nicht miteinander gebetet und gesungen haben. Alles ist anders und bleibt: Das Gnadenbild in Kevelaer. Es ist da. Und letztlich ist es eine Erinnerung für die größere Zusage: Er ist da. Gott ist bei uns. Bei jeder und jedem einzelnen von uns, egal was alles anders ist. Er bleibt. Immer.
Anders als sonst kommt in diesem Jahr das Gnadenbild zu Dir als Erinnerung an die Zusage, die in diesem Jahr der Leitgedanke der Wallfahrtszeit in Kevelaer ist „Ich bin, wo Du bist!“ (nach Ex 3,14 in der Übersetzung von Martin Buber)
Und es bleibt: Du bist angekommen und bist auch heute Abend eingeladen all Deine Trauer, Deine Sorgen, Deine Angst und Deinen Dank vor ihn zu bringen und ihr hinzuwerfen. Und D/u bist nicht allein, viele Pilger*innen machen mit.
Lasset uns beten:
Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir,
o heilige Gottesgebärerin.
Verschmähe nicht unser Gebet in unsern Nöten,
sondern erlöse uns jederzeit von allen Gefahren,
o du glorreiche und gebenedeite Jungfrau.
Unsere Frau, unsere Mittlerin, unsere Fürsprecherin.
Versöhne uns mit deinem Sohne,
empfiehl uns deinem Sohne,
stelle uns vor deinem Sohne.
Amen.
Auf die Fürsprache der Trösterin der Betrübten segne Dich und alle Menschen für die Du heute gebetet hast, der Dich begleitende Gott, der bei Dir bleibt, auch wenn alles anders ist. Der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.
Amen.