08/06/2026
‼️ L E S E N S W E R T ‼️
Einer der besten Beiträge, die ich je zum Thema Versorgung am Lebensende, Patientenverfügung und Begleitung Stebender gelesen habe.
Warum?
Es wird so deutlich, dass die Haltung aller Beteiligten (Ärzte, Pflegekräfte, Angehörige, Familie, Begleiter) das A und O ist.
Und dass das Erstellen einer Patientenverfügungen keine Aktion einer To-Do-Liste ist, sondern ein Prozess, der Verantwortung, Orientierung und Reflexion voraussetzt.
Nur so - und niemals mit schnell angekreuzten Formularen - ist eine hohe Wahrscheinlichkeit gegeben, dass Deine Angehörigen Klarheit über Deine eigene Haltung erhalten, die im Ernstfall mehr wert ist als ein Stück Papier.
Genau darum geht es in meinem Workshop "Damit Deine Patientenverfügung auch wirklich greift", der mittlerweile ausgebucht ist. Merke Dir gerne den nächsten Termin vor: 24. September 2026.
Wann weniger mehr ist – über das „liebevolle Lassen“ am Lebensende
Eine 94-jährige Patientin mit fortgeschrittener Demenz. Sie schläft viel, isst kaum noch, trinkt wenig. Keine relevante Schmerzsymptomatik, keine akute Atemnot. Kein Notfall. Sondern ein klinisch klarer Verlauf am Lebensende. Leise, unspektakulär – und in seiner Konsequenz eindeutig.
Und trotzdem entsteht Druck.
Es besteht eine ausgeprägte Anämie mit einem Hämoglobinwert von 6,7 g/dl. Gleichzeitig besteht eine chronische Wundsituation bei weit fortgeschrittener Arteriosklerose im Sinne einer ausgeprägten peripheren arteriellen Verschlusskrankheit. Chronisch offene Beine, eingeschränkte Heilungstendenz, immer wieder entzündliche Situationen – ein bekanntes Bild bei dieser Konstellation.
Die Klinik lehnt die endoskopische Diagnostik zur Abklärung der Anämie ab. Fortgeführt werden dafür regelmäßige Eiseninfusionen – mit der Argumentation, das habe vor zehn Jahren schon einmal geholfen. Danach sei der Hb-Wert wieder stabil gewesen.
Diese Argumentation ist problematisch.
Vor zehn Jahren war die Patientin zehn Jahre jünger.
Vor zehn Jahren war die Gesamtsituation eine andere.
Vor zehn Jahren war auch die kognitive Leistungsfähigkeit eine andere.
Das Ausmaß der Multimorbidität war nicht dasselbe.
Und es gab damals auch keinen erkennbaren Sterbeprozess.
Medizin ist Kontext.
Die Frage ist nicht, was vor zehn Jahren funktioniert hat.
Die Frage ist: Was bringt es heute – für diese Patientin?
Und genau hier wird es dünn.
Ob eine regelmäßige Eiseninfusion bei einer 94-jährigen, multimorbiden Patientin noch einen relevanten Nutzen hat, ist zumindest fraglich. Eine klare Zielperspektive wird nicht formuliert.
Parallel dazu wird die Wundsituation zunehmend als behandlungsbedürftig im Sinne einer möglichen Intervention dargestellt.
Die Botschaft: Wenn jetzt nichts unternommen wird, droht eine Sepsis – und die Patientin wird daran sterben.
Dabei wird ein entscheidender Punkt ausgeblendet:
In der Gesamtsituation der Patientin besteht für eine chirurgische Maßnahme keine Indikation.
Nicht nur fraglich – sondern klar nicht gegeben.
Der zu erwartende Schaden überwiegt den möglichen Nutzen deutlich.
Die Wahrscheinlichkeit eines komplikationsreichen Verlaufs mit nicht heilendem Amputationsstumpf ist hoch.
Die Belastung durch den Eingriff, die postoperative Situation und die zu erwartenden Komplikationen stehen in keinem vertretbaren Verhältnis zu einem realistischen Nutzen.
Damit ist die Maßnahme nicht nur medizinisch fragwürdig.
Sie ist aus ethischen Gründen nicht indiziert.
Und genau deshalb würde man sie konsequenterweise auch nicht durchführen.
Die Diskussion darüber ist damit eigentlich beendet.
Was bleibt, ist der Druck.
Nach dem Telefongespräch mit der Hausärztin verschärft sich die Situation weiter. Die Kollegin kontaktiert die Angehörigen erneut und übt erheblichen Druck aus.
Die Botschaft bleibt dieselbe:
Wenn jetzt nichts unternommen wird, droht eine Sepsis – und die Patientin wird daran sterben.
Genau hier entsteht der eigentliche Schaden.
Denn diese Argumentation ignoriert nicht nur die fehlende Indikation.
Sie verschiebt die Verantwortung.
Die Tochter meldet erneut bei mir – verunsichert, angespannt, mit Angst.
Die Frage ist nicht mehr medizinisch.
Die Frage ist: Mache ich etwas falsch?
Mache ich mich schuldig, wenn ich meine Mutter nicht in die Klinik bringe?
Was löst eine solche Kommunikation aus?
Moralischer Stress.
Nicht, weil die Situation unklar wäre.
Sondern weil sie emotional aufgeladen wird.
Denn aus einer nicht indizierten Maßnahme wird plötzlich ein „Müssen“.
Aus einer medizinischen Möglichkeit wird ein moralischer Imperativ.
Fachlich ist das nicht haltbar.
Am Lebensende gibt es kein Müssen.
Es gibt ein Können.
Ein Möchten.
Ein Dürfen.
Ein Abwägen.
Ein gemeinsames Entscheiden.
Aber kein Müssen.
Denn „Müssen“ suggeriert ein erreichbares Ziel.
Und genau dieses Ziel fehlt hier.
Weder die Anhebung eines Hb-Wertes noch aggressive Wundbehandlung oder chirurgische Maßnahmen werden diese Patientin zurück in einen stabilen Zustand bringen.
Das ist keine Frage der Meinung. Das ist Realität.
Was aber sehr wohl passiert:
Die Patientin wird unnötig belastet.
Und die Angehörigen werden unter Druck gesetzt.
Und was bleibt, ist nicht die Maßnahme.
Was bleibt, ist ein Gefühl:
Zweifel.
Schuld.
Die leise, aber hartnäckige Frage: Hätten wir mehr tun müssen?
Das ist der eigentliche Schaden.
Nicht die unterlassene Therapie.
Sondern der moralische Stress, der erzeugt wird.
Dabei wäre die Aufgabe eine andere:
Klar zu benennen, was medizinisch indiziert ist – und was nicht.
Zu erklären, dass ein Sterbeprozess kein Versagen ist.
Und vor allem: den Angehörigen den Druck zu nehmen, statt ihn aufzubauen.
Palliativmedizin bedeutet nicht, nichts zu tun.
Sie bedeutet, zu unterscheiden.
Zu priorisieren.
Und Maßnahmen, die keinen Nutzen mehr haben, auch wegzulassen.
Dieses – bewusst von mir so genannt – „liebevolle Lassen“ ist keine Schwäche.
Es ist eine Entscheidung.
Vielleicht ist genau das die entscheidende Klarheit, die in solchen Situationen oft fehlt:
Nicht alles, was möglich ist, ist auch indiziert.
Und nicht alles, was indiziert erscheint, ist am Lebensende noch verantwortbar.
Danke fürs Lesen und Teilen.
Mit den besten Grüßen
Mario Steffens
Facharzt für Allgemeinmedizin und Palliativmedizin
Ärztlicher Leiter und Geschäftsführer
Palliativnetz Lörrach gGmbH
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