06/06/2026
Wo immer die Unterdrückung des Tyrannen herrscht, trägt dieser Ort den Namen Kerbela
Liebe Canlar (Seelen),
Das Kerbelâ-Massaker, dessen Schmerz seit 1346 Jahren nicht vergessen wurde, ist im Alevitischen Glaubensleben und im Gewissen der Menschheit zu einem gemeinsamen Ereignis des Gedenkens geworden. Um den Widerstand von Imam Hüseyin und seinen Gefährten auf dem Weg der Wahrheit zu verstehen und innerlich nachzuvollziehen, wird 12 Tage lang das Yassı-Matem-Fasten gehalten. In diesem Jahr fällt unser Trauerfasten auf den Zeitraum vom 16. bis 27. Juni. Am 28. Juni werden wir unsere Aşure-Speise kochen, miteinander teilen und damit das Yassı-Ma-
tem-Fasten abschließen.
In einigen Regionen wird vor dem Yassı-Matem-Fasten drei Tage lang für die Masum-u Paklar (die Reinen und Unschuldigen) und einen weiteren Tag für Ana Fatma gefastet. Im Alevitischen Glauben bedeutet das Yassı-Matem-Fasten keinesfalls nur den Verzicht auf Essen und Trinken. Das Trauerfasten bedeutet, ein historisches Leid zu erinnern, sich von allen weltlichen Vergnügungen und Ablenkungen fernzuhalten, spirituelle Reinigung zu erfahren und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken. Es wird gefastet, um die Haltung und das Bewusstsein wachzuhalten, an der Seite der Unterdrückten und gegen die Unterdrücker zu stehen; um die eigene Seele zu zügeln und einen Zustand spiritueller Reife zu erreichen. Zudem ist das Fasten ein Prozess, in dem der Mensch sich selbst erkennt und sich seiner inneren Welt stellt.
Die Ereignisse von 680 in Kerbelâ sind nicht nur eine historische Tragödie; Kerbelâ ist ein unauslöschlicher Abdruck im Gewissen der Menschheit und ein Symbol des Widerstands. Der Widerstand von Imam Hüseyin, der sich der Unterdrückung durch Yezid nicht beugte, wurde für das Alevitische Glaubensleben und für alle unterdrückten Völker zu einem Vorbild und hat in jeder Epoche den gerechten Kampf gegen die Unterdrückung erhellt.
„Wenn du dich der Ungerechtigkeit beugst, verlierst du mit deinem Recht auch deine Ehre.“
Şah-ı Merdan Ali
Kerbelâ ist nicht nur der Name einer geografischen Region; es ist zugleich der Name einer Haltung und eines moralischen Standpunktes. Von Çaldıran bis Koçgiri, von Dersim bis Maraş, von Çorum bis Sivas, bis hin zu den Alevitischen Massakern in Syrien und im Nahen Osten – jede Form von Unterdrückung ist eine Fortsetzung von Kerbelâ. In diesen Tagen des Trauerns sollten wir als Alevitische Gemeinschaft uns selbst hinterfragen, uns den Werten der Menschlichkeit stellen und mit unserer Hüseynî-Haltung lernen, aufrecht gegen Unterdrückung und Verleugnung zu stehen.
Als Gesellschaft müssen wir die Sprache des Friedens, der Brüderlichkeit, der Ruhe, des Vertrauens und der Gerechtigkeit stärken und verbreiten; Groll und Zerwürfnisse sollten in Versöhnung verwandelt werden. Besonders die Dedes, Anas und Babas, die den Wegdienst ausführen, sollten in diesen Tagen mit der Sprache und dem Anstand des Weges der Gemeinschaft ein Vorbild sein und sich von jeder negativen Auseinandersetzung fernhalten, indem sie eine Hüseynî-Haltung zeigen. Die Ana, Dede, Baba und Zakir (religiöse Zeremonien musikalisch und gesanglich begleitende Person), die in unseren Cemevis dienen, sollten in Koordination mit den regionalen Glaubensräten der AABF handeln. Der Beginn des Yassı-Matem-Fastens ist der 16.06.2026, der Tag der Aşure-Speise ist der 28. Juni.
Liebe Canlar, die Fastenabsicht wird vor Mitternacht um 24:00 Uhr gefasst. Das Fasten wird mit dem Sonnenuntergang gebrochen. Mögen die Dienste derjenigen, die mit Treue fasten, Lokma geben und dienen, im Angesicht von Hakk-Muhammed-Ali angenommen werden. Möge unser Weg zu unserer Einheit beitragen.
Geistlichenrat der Alevitischen Gemeinde Deutschland