05/06/2026
Lothar und Matthäus - Gedanken zum Sonntag
Von Peter Otten
Es gibt diese Menschen bis heute. Über die man beim Abendessen mit einem Glas Barolo in der Hand sagt: „Also ich persönlich habe ja mit so einem nichts am Hut.“ Und „so jemand“ sind erstaunlich viele: die Nachbarn mit dem Weber-Grill, die Wähler dieser unmöglichen Partei, Menschen mit Helene-Fischer-Playlists oder Vinyl-Jazz-Sammlungen.
Jesus geht nicht zu den Vorzeigemenschen mit den glattgebügelten Lebensläufen. Er geht zu Lothar und Matthäus. Und isst mit denen, die für die Titelseite des Pfarrbriefs vielleicht nicht die erste Wahl wären.
Das ist ein Frontalangriff auf eine uralte Überzeugung: Reinheit entsteht durch Abstand. Je weiter weg die anderen sind, desto besser fühle ich mich selbst. Die Pharisäer dieser Geschichte sind keine Figuren aus grauer Vorzeit. Sie sitzen in Talkshows, schreiben Kommentare im Internet und schauen einem dummerweise gelegentlich morgens beim Zähneputzen aus dem Spiegel entgegen: Wie kann man mit denen reden? Mit den Unordentlichen, den Falschen, den Leuten, die seltsame Musik hören oder ihren Einkaufswagen auf dem Parkplatz stehen lassen?
Aber auch mit den Zöllnern verhält es sich nicht anders. Sie wohnen mitten unter uns. Und in uns. Sie drücken sich vor Verantwortung, kennen fragwürdige Steuertricks und schaffen es regelmäßig nicht, dem eigenen Anspruch gerecht zu werden.
Das Evangelium macht die Sache nicht bequemer: „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer.“ Gott interessiert sich weniger für die perfekte Aufführung als für das Herz dahinter. Weniger für die makellose Pose als für die Fähigkeit, einen Menschen nicht auf seine Fehler zu reduzieren. Barmherzigkeit ist teuer. Sie kostet die schöne Gewissheit, zu den Guten zu gehören. Vielleicht ist genau das der Skandal des Evangeliums.
Denn irgendwo sitzt jeder von uns in seinem Zollhäuschen. Zwischen dem Wunsch, ein guter Mensch zu sein, und der Erfahrung, dass das leichter gesagt als getan ist. Genau dort kommt Jesus vorbei. Er schaut nicht zuerst auf die Akte. Nicht auf die Bilanz. Und dann sagt er nicht: „Werde erst besser.“ Er sagt: „Komm mit.“ Und das ist eigentlich unmöglich. Und wunderbar zugleich.