01/07/2016
Predigt beim Unterfränkischen Kirchentag in Castell am 19.6.16
HEINRICH BEDFORD-STROHM•SONNTAG, 19. JUNI 2016
Predigttext (Römer 14,10-13)
„Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden. Denn es steht geschrieben (Jesaja 45,23): „So wahr ich lebe, spricht der Herr, mir sollen sich alle Knie beugen, und alle Zungen sollen Gott bekennen.“ So wird nun jeder von uns für sich selbst Rechenschaft geben. Darum lasst uns nicht mehr einer den andern richten; sondern richtet vielmehr darauf euren Sinn, dass niemand seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis bereite.“
Liebe Gemeinde hier beim Unterfränkischen Kirchentag,
es ist mir eine große Freude, heute hier zu sein. Es ist wunderbar, diesen so besonderen Tag hier in Castell mitfeiern zu dürfen und zu spüren, wie wir alle miteinander heute eine große Gemeinschaft sind. Eine große Gemeinschaft, die sich von Christus hat zusammenrufen lassen, die jetzt Christus in ihrer Mitte spürt und die sich von Christus neu ausrichten und orientieren lassen will. Wir sind heute sehr viele Menschen. Und wir sind sehr unterschiedliche Menschen. Und wir gehören trotzdem zusammen. Das gehört für mich zu den faszinierenden Aspekten der Kirche. In der Kirche kommen wir als ganz unterschiedliche Menschen zusammen, als Menschen, die von ihrem Lebensstil oder sozialen Milieu vielleicht aus ganz unterschiedlichen Hintergründen kommen, die sich vielleicht nie begegnen oder miteinander reden würden – wenn es nicht diesen einen Herrn Jesus Christus gäbe, der uns alle verbindet.
Ich empfinde das immer sehr stark, wenn wir Abendmahl miteinander feiern – so wie wir es heute wieder tun wollen. Da teilen wir Brot und Wein mit Menschen, mit denen wir sonst vielleicht gar nichts zu tun hätten. Und in dem Teilen von Brot und Wein spüren wir den Heiligen Geist, der dieses Brot und diesen Wein für uns zum Leib und zum Blut Jesu Christi macht, so dass wir sinnlich spüren können, wie Christus in uns eingeht und uns neu macht. Und uns zusammenführt! Zu einer großen Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern. Welch kraftvolle Erfahrung! Ach könnte doch diese kraftvolle Erfahrung die Grundmelodie unseres ganzen Lebens werden! Ach könnte sie die Kraft werden, die den Weltlauf bestimmt. Damit wir aufhören, uns gegenseitig herabzusetzen und zu verurteilen. Damit der Geist des Richtens über andere zum Geist der Liebe gewandelt werde und wir lernen, einander anzunehmen.
Das war schon die Sehnsucht des Paulus als er vor nun fast 2000 Jahren seinen Brief an die Gemeinde in Rom geschrieben hat. Der Frieden in der Gemeinde war gestört. Diejenigen, die als Juden zu Christus gefunden hatten, pochten darauf, dass sie auch als Christen, als Menschen, die dem Juden Jesus nachfolgten, das jüdische Gesetz mit seinen Speisevorschriften einzuhalten hätten. Die „Heidenchristen“, also Menschen, die ohne jüdischen Hintergrund Christen geworden waren, sahen das als Rückfall hinter die Befreiung vom Gesetz, die sie mit Jesus gekommen sahen. Gerade Paulus hatte immer wieder von dieser Freiheit vom Gesetz gesprochen und geschrieben.
Ich kann mir vorstellen, wie es in der Gemeinde zuging. Wie man sich das Christsein wechselseitig abgesprochen hat. Wie man sich selbst als wahrer Christ und die anderen als lau oder schwach im Glauben gesehen hat. Und wie der Geist der Zwietracht immer mehr Macht über die Menschen gewonnen hat.
Ich kann mir das so gut vorstellen, weil wir das ja genauso kennen. Weil es uns selbst ja immer wieder auseinanderzubringen droht.
Da sagen die einen: Ihr lauft doch heute alle dem Zeitgeist hinterher. Ihr verlasst die biblischen Grundlagen. Ihr lasst gleichgeschlechtliche Liebe zu. Ihr führt interreligiöse Dialoge anstatt alle Eure Energie darauf zu verwenden, Menschen zu Christus zu führen. Ihr mischt euch in die Politik ein, anstatt Euch dem Eigentlichen zu widmen, nämlich dem Bekenntnis zu Jesus Christus!
Sie richten über die anderen, indem sie ihnen Glaubensschwäche und Verrat an der Bibel vorwerfen.
Und die anderen richten in die umgekehrte Richtung und sagen: Ihr hängt nur Euren konservativen Weltbildern nach und haltet es für den christlichen Glauben. Kümmert euch lieber um Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung anstatt zu frömmeln und immer nur die Sexualität ins Zentrum zu stellen. Die das sagen, richten über die Anderen, indem sie ihnen den Hut der Ewiggestrigen aufsetzen.
Die Diskussion über die damit verbundenen inhaltlichen Fragen, die muss in unserer Kirche geführt werden. Aber den Richtgeist, den müssen wir überwinden!
Ich höre Paulus zu uns genau die Worte sagen, die er damals der Gemeinde in Rom geschrieben hat: „Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden.“
Wenn wir Christen es nicht schaffen, barmherziger miteinander umzugehen, wer dann? Die Welt braucht unser Zeugnis so dringend. Denn die politische Auseinandersetzung wird immer unbarmherziger. Die Herabwürdigung des politischen Gegners nimmt in den westlichen Demokratien Formen an, die wir bisher nicht gekannt haben. Der Mord an der englischen Parlamentsabgeordneten Jo Cox ist nur der schlimmste Ausdruck der Atmosphäre des Hasses, die dadurch entstanden ist. Beleidigungen, die Menschen, die sie von sich geben, früher disqualifiziert hätten, werden fast schon zur Normalität. Um das zu beobachten, muss man nicht auf den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf oder die englische Brexit-Debatte schauen. Man findet das auch hierzulande. Einzelne Stimmen dieser Art, die unser Land polarisieren, haben es schon in die Landtage geschafft. Massenhaft findet man dieses Phänomen in den sozialen Netzwerken. Da werden politisch Andersdenke herabgesetzt und beleidigt. Im Hinblick auf die eigenen Ambivalenzen und Defizite fehlt jede Nachdenklichkeit. Aus dem sicheren Lehnstuhl werden die politisch Verantwortlichen mit einer hasserfüllten Härte attackiert, die mit konstruktiver Kritik nichts mehr zu tun hat.
Das dürfen wir Christen nicht zulassen! Wir Christen sind gerufen, für Fairness, für wechselseitige Achtung und – ja – auch für Barmherzigkeit im politischen Leben einzutreten und gegen den Geist des Richtens zu kämpfen, der vielfach schon zum Geist des Hinrichtens geworden ist.
„Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden.“
Ach würde die Welt doch diese Worte des Paulus hören! Ach würden wir Christen uns doch diese Worte zu Herzen nehmen!
Der Hinweis auf den Richterstuhl Gottes ist ein heilsamer Hinweis. Denn er macht demütig. Wer meint, sich über andere erheben zu können, möge sich diese eine heilsame Frage stellen: Was werden wir gefragt werden vor dem Richterstuhl Gottes?
Die Orientierungen die Christus uns gegeben hat, sind klar. Das Gleichnis vom Weltgericht ist der eindrucksvollste und für mich auch immer wieder beunruhigendste Ausdruck davon, was gemeint ist, wenn vom Richterstuhl Gottes die Rede ist. Was Ihr den Geringsten meiner Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan – sagt Jesus. Wir hören die Fragen, die uns gestellt werden, wenn wir dem Richterstuhl Gottes stehen:
Hast Du den Hungrigen zu essen gegeben? Und ich weiß, dass jeden Tag viele Tausend Menschen sterben, weil sie nicht genug zu essen haben. Hast Du den Durstigen zu trinken gegeben? Und ich weiß, dass 768 Millionen Menschen weltweit ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser sind. Hast du die Fremden aufgenommen? Und ich nehme Stimmungen wahr, die das Wort „Willkommenskultur“ fast schon zu einem Schimpfwort machen. Hast du die Nackten gekleidet? Und ich denke daran, dass unsere Kleider von Menschen genäht werden, die selbst kaum Geld genug haben, um sich angemessen anzuziehen. Hast du die Kranken besucht? Und ich schaue auf meinen vollen Terminkalender und werde bleich. Bist du zu den Gefangenen gegangen? Und ich merke, dass wir oft nicht einmal genau wissen, wo die nächste Haftanstalt liegt.
Liebe Gemeinde ich weiß, welche Fragen mir gestellt werden, wenn ich einmal vor dem Richtestuhl Gottes stehe. Und ich weiß, dass es allein Barmherzigkeit, ist, reine Barmherzigkeit, die mich auf Gottes offene Arme hoffen lassen kann.
Wie könnte ich, der ich so sehr auf Gottes Barmherzigkeit angewiesen bin, diese Barmherzigkeit meinen Mitmenschen verweigern?
Wie würde das aussehen, wenn wir Christen den Richtgeist überwinden und die Barmherzigkeit vorleben würden, der unser Herr Jesus Christus in Vollendung menschliche Gestalt gegeben hat und zu der uns der Apostel Paulus mahnt?
Wir würden den Anderen, dem wir begegnen, nicht zuerst kritisch beäugen, sondern wir würden ihn mit dem gleichen liebenden Blick ansehen, mit dem Gott ihn und uns selbst ansieht. Wir würden in dem, der einen Fehler gemacht hat, uns selbst sehen und mit ihm so umgehen, wie wir selbst es uns auch erhoffen würden, wenn wir an seiner Stelle wären. Wir würden in dem anderen nicht zuerst auf die Hautfarbe, die Nationalität, die sexuelle Orientierung, die religiöse Zugehörigkeit oder auch nur auf das äußere Aussehen schauen, sondern wir würden vor allem den Menschen sehen, den Menschen, der geschaffen ist zum Bilde Gottes. Wir würden mit offenen Armen durchs Leben gehen, einladend, annehmend und so, dass man uns die Freude an Gott und die Freude am Mitmenschen anmerkt.
Wie kann unsere Kirche neue Kraft gewinnen? Die Antwort ist zwar anspruchsvoll, aber gleichzeitig ganz einfach: Wir strahlen einfach aus, was wir doch schon sind: von Christus, von seiner Liebe reich beschenkte, gesegnete Menschen, die aus Glaube, Liebe und Hoffnung leben dürfen.
Mehr Kraft geht nicht. Holen wir sie uns: im Gebet, in der Inspiration durch die wunderbaren biblischen Texte und in der geschwisterlichen Erfahrung, dass Christus selbst unter uns ist, wo wir in seinem Namen versammelt sind. Diese Kraftquelle versiegt nie. Deswegen steht die Tür in die Zukunft für uns alle weit offen! Christus hat sie für uns geöffnet! Lasst uns unseren Weg mit ihm gehen!
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. AMEN