03/07/2026
𝗙𝗲𝗹𝗶𝘅 𝗠𝗲𝗻𝗱𝗲𝗹𝘀𝘀𝗼𝗵𝗻 𝘂𝗻𝗱 𝗱𝗲𝗿 𝗖𝗵𝗼𝗿𝗮𝗹
Vielleicht kennen Sie Mendelssohns Oratorium „Paulus“. Es handelt von der Bekehrung des Paulus, seiner Erweckung. Die Ouvertüre beginnt mit dem Choral „Wachet auf, ruft uns die Stimme“. Der Bezug ist ganz offensichtlich. Genauso eindeutig ist die Verwendung des Chorals „Ein feste Burg ist unser Gott“ in der Reformationssymphonie.
Auch in den sechs Orgelsonaten tauchen Choräle auf, aber hier ist es nicht so leicht zu erklären. Die erste Sonate enthält den Choral „Was mein Gott will, das g’scheh allzeit“, die dritte Sonate den Choral „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“ und in der sechsten Sonate, die Sie heute hören, wird sehr ausführlich der Choral „Vater unser im Himmelreich“ verarbeitet. Am Anfang wird der Choral in einem schlichten Satz vorgestellt, es folgen vier Variationen und eine Fuge, deren Thema direkt aus dem Choral abgeleitet ist. Verführerisch ist der Gedanke, dass Mendelssohn den gesamten Choraltext auskomponiert haben sollte. Mehrere Musiker und Musikwissenschaftler haben solche Deutungsversuche publiziert, allerdings wenig überzeugend. Schon allein die Anzahl der neun Strophen des Lutherliedes stimmt nicht mit der Sonate überein. Eine Auffälligkeit ist allerdings, dass die Sonate leise beginnt, leise endet und abgesehen von der sehr kräftigen vierten Variation auch insgesamt eher auf der leisen Seite ist. Darin kann man schon einen Bezug sehen, nicht zum Vaterunser-Lied, sondern zum Kontext, in dem das Vaterunser überliefert ist. Unmittelbar vor dem Gebet steht bei Matthäus im 6. Kapitel: „Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.“ Noch etwas fällt auf: der letzte Satz der Sonate, die insgesamt in d-Moll steht, steht in D-Dur und hat ein eigenes Thema. Man kann, wenn man will, eine motivische Verwandtschaft dieses Themas mit der Arie „Sei stille dem Herrn“ aus dem Oratorium „Elias“ erkennen. Und dieser letzte Satz ist überschrieben mit „Finale“, wobei unklar ist, ob es das Finale der Sonate oder das Finale des gesamten Zyklus sein soll.
Halten wir fest: am Anfang des Sonatenzyklus steht „Was mein Gott will, das g’scheh allzeit“, das könnte man als Motto für den ganzen Zyklus ansehen. In der Mitte findet sich mit dem Psalmlied „Aus tiefer Not“ ein Bezug zum Alten Testament. Mendelssohn, der einer jüdischen Familie entstammt, aber schon als Kind getauft wurde, war sich seiner Wurzeln immer sehr bewusst. Und der Zyklus schließt mit „Vater unser im Himmelreich“ und einem Schlusssatz, den man als persönliches Gebet interpretieren kann.
Alles Weitere in Worten zu beschreiben, ist mir zu spekulativ. Ich will lieber aus einem Brief zitieren, den Mendelssohn an den Kaufmann und Klavierlehrer Marc André Souchay schrieb:
„Die Leute beklagen sich gewöhnlich, die Musik sei vieldeutig, es sei so zweifelhaft, was sie sich dabei zu denken hätten, und die Worte verstände doch ein jeder. Mir geht es aber gerade umgekehrt. […] Das, was mir eine Musik ausspricht, die ich liebe, sind mir nicht zu unbestimmte Gedanken, um sie in Worte zu fassen, sondern zu bestimmte. So finde ich in allen Versuchen, diese Gedanken auszusprechen, etwas Richtiges, aber auch in allen etwas Ungenügendes.“