Orgelpunkt Bremen

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𝐏𝐟𝐢𝐧𝐠𝐬𝐭𝐞𝐧An Weihnachten bringt das Christkind Geschenke, zu Ostern bringt der Hase bunte Eier. Und Pfingsten? – nichts, ...
24/05/2026

𝐏𝐟𝐢𝐧𝐠𝐬𝐭𝐞𝐧
An Weihnachten bringt das Christkind Geschenke, zu Ostern bringt der Hase bunte Eier. Und Pfingsten? – nichts, jedenfalls nichts Greifbares. Einen zusätzlichen freien Tag, immerhin. Pfingsten hat es schwer.
Worum geht es an Pfingsten? In der Apostelgeschichte wird vom Pfingstwunder berichtet: „ein plötzliches Brausen wie von einem gewaltigen Sturm erfüllte das ganze Haus. … und die Jünger wurden erfüllt vom Heiligen Geist und sie fingen an zu predigen in fremden Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab.“
Dies wird oft als „Geburtstag der Kirche“ bezeichnet: die Jünger, die sich bis dahin ängstlich eingeschlossen hatten, fanden durch die Kraft des Heiligen Geist den Mut, in die Welt hinauszugehen und die frohe Botschaft zu verbreiten.
Der gregorianische Gesang „Veni Sancte Spiritus“ ist die Vorlage mehrerer deutschsprachiger Lieder. Wörtlich übersetzt lautet der ursprüngliche Text: „Komm, Heiliger Geist, erfülle die Herzen deiner Gläubigen und entzünde in ihnen das Feuer deiner Liebe. Der du die Vielheit der Völker und Zungen zur Einheit des Glaubens vereinigt hast.“
Schon in vorreformatorischer Zeit entstand daraus die Liedstrophe „Komm, Heiliger Geist, Herre Gott“, die Martin Luther noch um zwei weitere Strophen ergänzte. Heute gilt es als typisches Pfingstlied, eingesetzt wurde es oft als Lied zur Eröffnung des Gottesdienstes. Andere Lieder in dieser Funktion sind „Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist“ und „Herr Jesu Christ, dich zu uns wend, dein‘ Heilgen Geist du zu uns send“. Alle diese Lieder bitten darum, dass der Geist 𝐤𝐨𝐦𝐦𝐞. Er wird also nicht als selbstverständlich vorausgesetzt. Zu groß waren und sind die schmerzlichen Erfahrungen, dass gepredigt wird, ohne den Geist Gottes verstanden zu haben. Die genannten Lieder fanden, ausgehend von der Reformation, in der evangelischen Kirche eine weite Verbreitung, teilweise sind sie aber auch in katholischen Gesangbüchern zu finden.
Pfingsten als ein Fest der Verständigung: zwischen Gott und den Menschen, zwischen den Konfessionen und zwischen den Menschen untereinander. Das sollte eigentlich immer gefeiert werden, nicht nur an einem verlängerten Wochenende.

𝗪𝗮𝘀 𝗸𝗮𝗻𝗻 𝘂𝗻𝘀 𝗸𝗼𝗺𝗺𝗲𝗻 𝗮𝗻 𝗳𝘂̈𝗿 𝗡𝗼𝘁Die Anfangszeile hat diesem Choral möglicherweise das Genick gebrochen. Das Lied von 1569...
08/05/2026

𝗪𝗮𝘀 𝗸𝗮𝗻𝗻 𝘂𝗻𝘀 𝗸𝗼𝗺𝗺𝗲𝗻 𝗮𝗻 𝗳𝘂̈𝗿 𝗡𝗼𝘁
Die Anfangszeile hat diesem Choral möglicherweise das Genick gebrochen. Das Lied von 1569 steht schon lange nicht mehr in den Gesangbüchern. Da ist also von Not die Rede. Und wenn man den Rest nicht kennt, erwartet man vielleicht, dass es weitergeht mit Elend, Hunger und Seuchen. Da blättert man dann schnell weiter zum nächsten Lied. Der Anfang ist aber nur eine rhetorische Frage. So geht es weiter:

𝘞𝘢𝘴 𝘬𝘢𝘯𝘯 𝘶𝘯𝘴 𝘬𝘰𝘮𝘮𝘦𝘯 𝘢𝘯 𝘧𝘶̈𝘳 𝘕𝘰𝘵,
𝘴𝘰 𝘶𝘯𝘴 𝘥𝘦𝘳 𝘏𝘦𝘳𝘳𝘦 𝘸𝘦𝘪𝘥𝘦𝘵,
𝘶𝘯𝘥 𝘴𝘱𝘦𝘪𝘴𝘦𝘵 𝘶𝘯𝘴 𝘮𝘪𝘵 𝘏𝘪𝘮𝘮𝘦𝘭𝘴𝘣𝘳𝘰𝘵,
𝘶𝘯𝘥 𝘢𝘶𝘧 𝘥𝘪𝘦 𝘞𝘦𝘪𝘥𝘦 𝘭𝘦𝘪𝘵𝘦𝘵:
𝘋𝘢𝘻𝘶 𝘦𝘳𝘲𝘶𝘪𝘤𝘬𝘦𝘵 𝘶𝘯𝘴𝘳𝘦 𝘚𝘦𝘦𝘭,
𝘶𝘯𝘥 𝘬𝘶̈𝘩𝘭𝘦𝘵 𝘮𝘪𝘵 𝘥𝘦𝘮 𝘞𝘢𝘴𝘴𝘦𝘳𝘲𝘶𝘦𝘭𝘭
𝘴𝘦𝘪𝘯𝘴 𝘸𝘦𝘳𝘵𝘦𝘯 𝘏𝘦𝘪𝘭𝘨𝘦𝘯 𝘎𝘦𝘪𝘴𝘵𝘦𝘴.

Das Lied ist eine Umdichtung des 23. Psalms „Der Herr ist mein Hirte“, einer der schönsten und bekanntesten Psalmen. Wenn man es angemessen singen will, muss schon in der ersten Zeile die ganze Zuversicht mitschwingen. Wenn das fehlt oder nicht vermittelt wird, dann bleibt einem schnell der Kloß im Hals stecken. Verständlich also, dass das Lied nicht mehr gebräuchlich ist, auch wegen einiger Formulierungen in den weiteren Strophen, die nicht mehr zeitgemäß erscheinen. Es erinnert mich ein bisschen an das Sprichwort „Not lehrt beten“. Ich mochte das nie, ich hörte da immer so eine Drohung raus: „Komm du erst mal in richtige Not, dann wirst du schon sehen“. Wirklich einladend zum Beten ist das nicht.

In der Choralfantasie von Johann Adam Reincken ist aber von der Not nichts zu spüren. Reincken überspringt die rhetorische Frage und beginnt mit aufsteigenden Linien (früher sagte man Anabasis dazu), die leicht artikuliert Freude und Zuversicht vermitteln. Das ganze Stück behält diesen positiven Charakter, ich spiele es sehr gerne. Als Begleittext erscheint mir der 23. Psalm im Original besser geeignet als die Lieddichtung.

𝘋𝘦𝘳 𝘏𝘦𝘳𝘳 𝘪𝘴𝘵 𝘮𝘦𝘪𝘯 𝘏𝘪𝘳𝘵𝘦, 𝘮𝘪𝘳 𝘸𝘪𝘳𝘥 𝘯𝘪𝘤𝘩𝘵𝘴 𝘮𝘢𝘯𝘨𝘦𝘭𝘯.
𝘌𝘳 𝘸𝘦𝘪𝘥𝘦𝘵 𝘮𝘪𝘤𝘩 𝘢𝘶𝘧 𝘦𝘪𝘯𝘦𝘳 𝘨𝘳𝘶̈𝘯𝘦𝘯 𝘈𝘶𝘦 𝘶𝘯𝘥 𝘧𝘶̈𝘩𝘳𝘦𝘵 𝘮𝘪𝘤𝘩 𝘻𝘶𝘮 𝘧𝘳𝘪𝘴𝘤𝘩𝘦𝘯 𝘞𝘢𝘴𝘴𝘦𝘳.
𝘌𝘳 𝘦𝘳𝘲𝘶𝘪𝘤𝘬𝘦𝘵 𝘮𝘦𝘪𝘯𝘦 𝘚𝘦𝘦𝘭𝘦. 𝘌𝘳 𝘧𝘶̈𝘩𝘳𝘦𝘵 𝘮𝘪𝘤𝘩 𝘢𝘶𝘧 𝘳𝘦𝘤𝘩𝘵𝘦𝘳 𝘚𝘵𝘳𝘢ß𝘦 𝘶𝘮 𝘴𝘦𝘪𝘯𝘦𝘴 𝘕𝘢𝘮𝘦𝘯𝘴 𝘸𝘪𝘭𝘭𝘦𝘯.
𝘜𝘯𝘥 𝘰𝘣 𝘪𝘤𝘩 𝘴𝘤𝘩𝘰𝘯 𝘸𝘢𝘯𝘥𝘦𝘳𝘵𝘦 𝘪𝘮 𝘧𝘪𝘯𝘴𝘵𝘦𝘳𝘯 𝘛𝘢𝘭, 𝘧𝘶̈𝘳𝘤𝘩𝘵𝘦 𝘪𝘤𝘩 𝘬𝘦𝘪𝘯 𝘜𝘯𝘨𝘭𝘶̈𝘤𝘬; 𝘥𝘦𝘯𝘯 𝘥𝘶 𝘣𝘪𝘴𝘵 𝘣𝘦𝘪 𝘮𝘪𝘳, 𝘥𝘦𝘪𝘯 𝘚𝘵𝘦𝘤𝘬𝘦𝘯 𝘶𝘯𝘥 𝘚𝘵𝘢𝘣 𝘵𝘳𝘰̈𝘴𝘵𝘦𝘯 𝘮𝘪𝘤𝘩.
𝘋𝘶 𝘣𝘦𝘳𝘦𝘪𝘵𝘦𝘴𝘵 𝘷𝘰𝘳 𝘮𝘪𝘳 𝘦𝘪𝘯𝘦𝘯 𝘛𝘪𝘴𝘤𝘩 𝘪𝘮 𝘈𝘯𝘨𝘦𝘴𝘪𝘤𝘩𝘵 𝘮𝘦𝘪𝘯𝘦𝘳 𝘍𝘦𝘪𝘯𝘥𝘦. 𝘋𝘶 𝘴𝘢𝘭𝘣𝘦𝘴𝘵 𝘮𝘦𝘪𝘯 𝘏𝘢𝘶𝘱𝘵 𝘮𝘪𝘵 𝘖̈𝘭 𝘶𝘯𝘥 𝘴𝘤𝘩𝘦𝘯𝘬𝘦𝘴𝘵 𝘮𝘪𝘳 𝘷𝘰𝘭𝘭 𝘦𝘪𝘯.
𝘎𝘶𝘵𝘦𝘴 𝘶𝘯𝘥 𝘉𝘢𝘳𝘮𝘩𝘦𝘳𝘻𝘪𝘨𝘬𝘦𝘪𝘵 𝘸𝘦𝘳𝘥𝘦𝘯 𝘮𝘪𝘳 𝘧𝘰𝘭𝘨𝘦𝘯 𝘮𝘦𝘪𝘯 𝘓𝘦𝘣𝘦𝘯 𝘭𝘢𝘯𝘨, 𝘶𝘯𝘥 𝘪𝘤𝘩 𝘸𝘦𝘳𝘥𝘦 𝘣𝘭𝘦𝘪𝘣𝘦𝘯 𝘪𝘮 𝘏𝘢𝘶𝘴𝘦 𝘥𝘦𝘴 𝘏𝘦𝘳𝘳𝘯 𝘪𝘮𝘮𝘦𝘳𝘥𝘢𝘳.

𝗧𝗼𝗱, 𝘄𝗼 𝗶𝘀𝘁 𝗱𝗲𝗶𝗻 𝗦𝘁𝗮𝗰𝗵𝗲𝗹? 𝗛𝗼̈𝗹𝗹𝗲, 𝘄𝗼 𝗶𝘀𝘁 𝗱𝗲𝗶𝗻 𝗦𝗶𝗲𝗴?Diese Zeile ist Ihnen vielleicht bekannt aus dem Deutschen Requiem vo...
17/04/2026

𝗧𝗼𝗱, 𝘄𝗼 𝗶𝘀𝘁 𝗱𝗲𝗶𝗻 𝗦𝘁𝗮𝗰𝗵𝗲𝗹? 𝗛𝗼̈𝗹𝗹𝗲, 𝘄𝗼 𝗶𝘀𝘁 𝗱𝗲𝗶𝗻 𝗦𝗶𝗲𝗴?
Diese Zeile ist Ihnen vielleicht bekannt aus dem Deutschen Requiem von Johannes Brahms. Es ist ein Zitat aus dem 1. Korintherbrief, Kapitel 15, Vers 55. An diesen Vers knüpft auch Martin Luther in der dritten und vierten Strophe seines Liedes „Christ lag in Todesbanden“ an.
𝟥. 𝘑𝘦𝘴𝘶𝘴 𝘊𝘩𝘳𝘪𝘴𝘵𝘶𝘴, 𝘎𝘰𝘵𝘵𝘦𝘴 𝘚𝘰𝘩𝘯,
𝘢𝘯 𝘶𝘯𝘴𝘦𝘳 𝘚𝘵𝘢𝘵𝘵 𝘪𝘴𝘵 𝘬𝘰𝘮𝘮𝘦𝘯
𝘶𝘯𝘥 𝘩𝘢𝘵 𝘥𝘪𝘦 𝘚𝘶̈𝘯𝘥 𝘢𝘣𝘨𝘦𝘵𝘢𝘯,
𝘥𝘢𝘮𝘪𝘵 𝘥𝘦𝘮 𝘛𝘰𝘥 𝘨𝘦𝘯𝘰𝘮𝘮𝘦𝘯
𝘢𝘭𝘭 𝘴𝘦𝘪𝘯 𝘙𝘦𝘤𝘩𝘵 𝘶𝘯𝘥 𝘴𝘦𝘪𝘯 𝘎𝘦𝘸𝘢𝘭𝘵;
𝘥𝘢 𝘣𝘭𝘦𝘪𝘣𝘵 𝘯𝘪𝘤𝘩𝘵𝘴 𝘥𝘦𝘯𝘯 𝘛𝘰𝘥𝘴 𝘎𝘦𝘴𝘵𝘢𝘭𝘵,
𝘥𝘦𝘯 𝘚𝘵𝘢𝘤𝘩𝘦𝘭 𝘩𝘢𝘵 𝘦𝘳 𝘷𝘦𝘳𝘭𝘰𝘳𝘦𝘯.
𝘏𝘢𝘭𝘭𝘦𝘭𝘶𝘫𝘢.
𝟦. 𝘌𝘴 𝘸𝘢𝘳 𝘦𝘪𝘯 𝘸𝘶𝘯𝘥𝘦𝘳𝘭𝘪𝘤𝘩 𝘒𝘳𝘪𝘦𝘨,
𝘥𝘢 𝘛𝘰𝘥 𝘶𝘯𝘥 𝘓𝘦𝘣𝘦𝘯 𝘳𝘶𝘯𝘨𝘦𝘯;
𝘥𝘢𝘴 𝘓𝘦𝘣𝘦𝘯 𝘣𝘦𝘩𝘪𝘦𝘭𝘵 𝘥𝘦𝘯 𝘚𝘪𝘦𝘨,
𝘦𝘴 𝘩𝘢𝘵 𝘥𝘦𝘯 𝘛𝘰𝘥 𝘷𝘦𝘳𝘴𝘤𝘩𝘭𝘶𝘯𝘨𝘦𝘯.
𝘋𝘪𝘦 𝘚𝘤𝘩𝘳𝘪𝘧𝘵 𝘩𝘢𝘵 𝘷𝘦𝘳𝘬𝘶̈𝘯𝘥𝘦𝘵 𝘥𝘢𝘴,
𝘸𝘪𝘦 𝘦𝘪𝘯 𝘛𝘰𝘥 𝘥𝘦𝘯 𝘢𝘯𝘥𝘦𝘳𝘯 𝘧𝘳𝘢ß,
𝘦𝘪𝘯 𝘚𝘱𝘰𝘵𝘵 𝘢𝘶𝘴 𝘥𝘦𝘮 𝘛𝘰𝘥 𝘪𝘴𝘵 𝘸𝘰𝘳𝘥𝘦𝘯.
𝘏𝘢𝘭𝘭𝘦𝘭𝘶𝘫𝘢.
Ohne Erklärung sind diese beiden Strophen schwer verständlich. Dabei gilt Luther doch als derjenige, der den volkssprachlichen, d.h. deutschen Gemeindegesang eingeführt hat und mit leicht fasslichen Melodien dafür sorgte, dass seine Theologie in aller Munde kam.
„Da bleibt nichts denn Tods Gestalt“ und „wie ein Tod den andern fraß“ – spätestens bei diesen Zeilen kommt bei uns Stirnrunzeln auf. Nicht weil Luther eine abgehobene Sprache wählte. Im Gegenteil, er wusste genau, welche sprachlichen Bilder zu seiner Zeit bekannt waren. Aber wir kennen die Gebräuche des ausgehenden Mittelalters nicht mehr.
Weit verbreitet waren damals die Passions- und Osterspiele, die auf Marktplätzen aufgeführt wurden. Vereinzelt hält sich diese Tradition vor allem in Süddeutschland (Oberammergau) bis heute. Bei den Osterspielen durfte natürlich die Szene mit den Frauen vor dem leeren Grab nicht fehlen. Besonders beliebt war auch die Höllenfahrt Christi. Christus steigt hinunter in das Totenreich, begegnet dem Teufel und besiegt ihn. Tod und Teufel müssen sich geschlagen geben und werden zum Gespött der Zuschauer. Sehr volkstümlich inszeniert wurde dabei die Grenze zum Klamauk wohl manchmal überschritten. Aber das kannten eben die Leute: ein Tod – der Tod Christi - fraß den anderen – den Tod der Menschen. „Da bleibt nichts denn Tods Gestalt“ – der Tod der Menschen ist zu einem zahnlosen Tiger geworden, eine leere Hülle. Gut möglich, dass auch das sehr drastisch und zum Gespött der Leute inszeniert wurde.
Es ist nicht klar, ob Johann Sebastian Bach bei der heute gespielten Choralbearbeitung BWV 695 eine bestimmte Strophe von Luthers Lied vertont hat. Grundsätzlich hat er in allen seinen Orgelwerken dazu keine Angaben gemacht und für den Interpreten eröffnet sich ein weiter Spielraum. In dieser dreistimmigen Bearbeitung erklingt die Melodie zwar unverziert, aber als Mittelstimme sehr versteckt, ist also nicht so leicht zu erkennen. „Christ lag in Todesbanden … und hat uns bracht das Leben“ so beginnt der Choral - „Es war ein wunderlich Krieg…“ so der Anfang der vierten Strophe. Kurz gesagt: der Tod geht dem Leben voraus – eine scheinbar paradoxe Aussage, aber der Kern der Osterbotschaft. Dazu eine hell registrierte, subtile und auch etwas nachdenkliche Interpretation dieser Choralbearbeitung, die sich am Ende durch unerwartete Pausen aller Schwere entledigt und quasi in Luft auflöst.

𝗖𝗵𝗿𝗶𝘀𝘁 𝗶𝘀𝘁 𝗲𝗿𝘀𝘁𝗮𝗻𝗱𝗲𝗻 𝗴𝗲𝗯𝗲𝘀𝘀𝗲𝗿𝘁Was ist das denn für eine Überschrift? Das ist die Überschrift, die Martin Luther seinem L...
11/04/2026

𝗖𝗵𝗿𝗶𝘀𝘁 𝗶𝘀𝘁 𝗲𝗿𝘀𝘁𝗮𝗻𝗱𝗲𝗻 𝗴𝗲𝗯𝗲𝘀𝘀𝗲𝗿𝘁
Was ist das denn für eine Überschrift? Das ist die Überschrift, die Martin Luther seinem Lied „Christ lag in Todesbanden“ gab. Mit Satzzeichen versehen wird es schon verständlicher: „Christ ist erstanden“ – gebessert. Luther legte also eine verbesserte Version eines alten Liedes vor.
Aber noch mal der Reihe nach:
„Christ ist erstanden“ ist eines der ältesten deutschsprachigen Kirchenlieder, entstanden lange vor der Reformation, und es gehört bis heute zu den bekanntesten Osterliedern. Auch Luther war voll des Lobes für dieses Lied: „Aller Lieder singt man sich mit der Zeit müde, aber das ‚Christ ist erstanden‘ muss man alle Jahre wieder singen.“
Trotzdem machte er sich daran, eine verbesserte und vor allem erweiterte Fassung vorzulegen. Aus drei Strophen wurden sieben. Die Melodie wurde erweitert und erhielt in der zweiten Hälfte einen zusätzlichen Höhepunkt, wurde also deutlich freudiger.
Bedeutsam ist schon die Umformulierung der ersten Zeile. Aus „Christ ist erstanden von der Marter alle“ wird „Christ lag in Todesbanden“ Das alte Lied erwähnt mit keiner Silbe den Tod des gekreuzigten Jesus. Es könnte damit manchen Kritikern des Christentums in die Hände spielen, die behaupten, Jesus wäre gar nicht am Kreuz gestorben. Er wäre gefoltert worden, hätte dann ein paar Tage scheintot gelegen und hätte dann weitergelebt. Nein, stellte Luther klar, so war es nicht. „Christ lag in Todesbanden“. Und diese Feststellung war ihm so wichtig, dass in den ersten fünf Strophen zehn Mal das Wort ‚Tod‘ vorkommt.
An Weihnachten hat Gott uns seinen Sohn gesandt. Er hat sich auf alles eingelassen, was das menschliche Dasein ausmacht, inklusive der Möglichkeit, extremem Hass und Gewalt ausgesetzt zu sein. Und natürlich inklusive der Gewissheit, zu sterben. Am Kreuz wurde er verspottet: „Bist du der Juden König, so hilf dir selber!“ (Lk 23, 37) So stellten sie sich den Auserwählten Gottes vor: einer, der sich aus der Affäre ziehen kann, wenn‘s brenzlig wird. Oder eine Art Superman, stärker als alle anderen und unverwundbar. Aber das zeigt, wie wenig sie von der Lehre Jesu verstanden hatten: Sanftmut, Barmherzigkeit, Friedensstiftung und – wenn’s sein muss – Leidensbereitschaft. Einer, der dies gepredigt hat und sich dann am Kreuz selbst befreit – völlig unglaubwürdig. Karfreitag ist die logische Konsequenz aus Weihnachten. Und Ostern geht nicht ohne Karfreitag, davon erzählt dieses Lied.
𝘊𝘩𝘳𝘪𝘴𝘵 𝘭𝘢𝘨 𝘪𝘯 𝘛𝘰𝘥𝘦𝘴𝘣𝘢𝘯𝘥𝘦𝘯,
𝘧𝘶̈𝘳 𝘶𝘯𝘴𝘳𝘦 𝘚𝘶̈𝘯𝘥 𝘨𝘦𝘨𝘦𝘣𝘦𝘯,
𝘥𝘦𝘳 𝘪𝘴𝘵 𝘸𝘪𝘦𝘥𝘦𝘳 𝘦𝘳𝘴𝘵𝘢𝘯𝘥𝘦𝘯
𝘶𝘯𝘥 𝘩𝘢𝘵 𝘶𝘯𝘴 𝘣𝘳𝘢𝘤𝘩𝘵 𝘥𝘢𝘴 𝘓𝘦𝘣𝘦𝘯.
𝘋𝘦𝘴 𝘸𝘪𝘳 𝘴𝘰𝘭𝘭𝘦𝘯 𝘧𝘳𝘰̈𝘩𝘭𝘪𝘤𝘩 𝘴𝘦𝘪𝘯,
𝘎𝘰𝘵𝘵 𝘭𝘰𝘣𝘦𝘯 𝘶𝘯𝘥 𝘥𝘢𝘯𝘬𝘣𝘢𝘳 𝘴𝘦𝘪𝘯
𝘶𝘯𝘥 𝘴𝘪𝘯𝘨𝘦𝘯 𝘏𝘢𝘭𝘭𝘦𝘭𝘶𝘫𝘢.
𝘏𝘢𝘭𝘭𝘦𝘭𝘶𝘫𝘢.
Aber es ist auch ein sperriges Lied. Einmal wegen der für uns altertümlichen Ausdrucksweise in den weiteren Strophen und weil es schon fast überreichlich mit Bezügen auf alttestamentliche und neutestamentliche Bibelstellen beladen ist. Luther hat alles hineingepackt, was ihm an Passion und Auferstehung wichtig war. Dazu in den nächsten Wochen noch ein paar Gedanken mehr. Von Johann Sebastian Bach gibt es drei Choralbearbeitungen zu diesem Lied, die ich heute und in den kommenden Wochen spielen werde.

𝗗𝗲𝗿 𝗢𝗿𝗴𝗲𝗹𝗽𝘂𝗻𝗸𝘁 𝗣𝗿𝗼𝗴𝗿𝗮𝗺𝗺𝘇𝗲𝘁𝘁𝗲𝗹: 𝗧𝗼𝘂𝗿𝗻𝗲𝗺𝗶𝗿𝗲 "𝗣𝗮𝘁𝗲𝗿, 𝗶𝗻 𝗺𝗮𝗻𝘂𝘀 𝘁𝘂𝗮𝘀" + 𝗥𝗲𝗴𝗲𝗿 "𝗧𝗼𝗰𝗰𝗮𝘁𝗮 𝘂𝗻𝗱 𝗙𝘂𝗴𝗲 𝗱-𝗠𝗼𝗹𝗹/𝗗-𝗗𝘂𝗿"𝘜𝘯𝘥 𝘦𝘴 𝘸𝘢𝘳 𝘴𝘤𝘩𝘰𝘯...
19/03/2026

𝗗𝗲𝗿 𝗢𝗿𝗴𝗲𝗹𝗽𝘂𝗻𝗸𝘁 𝗣𝗿𝗼𝗴𝗿𝗮𝗺𝗺𝘇𝗲𝘁𝘁𝗲𝗹: 𝗧𝗼𝘂𝗿𝗻𝗲𝗺𝗶𝗿𝗲 "𝗣𝗮𝘁𝗲𝗿, 𝗶𝗻 𝗺𝗮𝗻𝘂𝘀 𝘁𝘂𝗮𝘀" + 𝗥𝗲𝗴𝗲𝗿 "𝗧𝗼𝗰𝗰𝗮𝘁𝗮 𝘂𝗻𝗱 𝗙𝘂𝗴𝗲 𝗱-𝗠𝗼𝗹𝗹/𝗗-𝗗𝘂𝗿"
𝘜𝘯𝘥 𝘦𝘴 𝘸𝘢𝘳 𝘴𝘤𝘩𝘰𝘯 𝘶𝘮 𝘥𝘪𝘦 𝘴𝘦𝘤𝘩𝘴𝘵𝘦 𝘚𝘵𝘶𝘯𝘥𝘦, 𝘶𝘯𝘥 𝘦𝘴 𝘬𝘢𝘮 𝘦𝘪𝘯𝘦 𝘍𝘪𝘯𝘴𝘵𝘦𝘳𝘯𝘪𝘴 𝘶̈𝘣𝘦𝘳 𝘥𝘢𝘴 𝘨𝘢𝘯𝘻𝘦 𝘓𝘢𝘯𝘥 𝘣𝘪𝘴 𝘻𝘶𝘳 𝘯𝘦𝘶𝘯𝘵𝘦𝘯 𝘚𝘵𝘶𝘯𝘥𝘦, 𝘶𝘯𝘥 𝘥𝘪𝘦 𝘚𝘰𝘯𝘯𝘦 𝘷𝘦𝘳𝘭𝘰𝘳 𝘪𝘩𝘳𝘦𝘯 𝘚𝘤𝘩𝘦𝘪𝘯, 𝘶𝘯𝘥 𝘥𝘦𝘳 𝘛𝘦𝘮𝘱𝘦𝘭 𝘪𝘮 𝘝𝘰𝘳𝘩𝘢𝘯𝘨 𝘳𝘪𝘴𝘴 𝘮𝘪𝘵𝘵𝘦𝘯 𝘦𝘯𝘵𝘻𝘸𝘦𝘪. 𝘜𝘯𝘥 𝘑𝘦𝘴𝘶𝘴 𝘳𝘪𝘦𝘧 𝘭𝘢𝘶𝘵: 𝘝𝘢𝘵𝘦𝘳, 𝘪𝘤𝘩 𝘣𝘦𝘧𝘦𝘩𝘭𝘦 𝘮𝘦𝘪𝘯𝘦𝘯 𝘎𝘦𝘪𝘴𝘵 𝘪𝘯 𝘥𝘦𝘪𝘯𝘦 𝘏𝘢̈𝘯𝘥𝘦! 𝘜𝘯𝘥 𝘢𝘭𝘴 𝘦𝘳 𝘥𝘢𝘴 𝘨𝘦𝘴𝘢𝘨𝘵 𝘩𝘢𝘵𝘵𝘦, 𝘩𝘢𝘶𝘤𝘩𝘵𝘦 𝘦𝘳 𝘴𝘦𝘪𝘯𝘦𝘯 𝘎𝘦𝘪𝘴𝘵 𝘢𝘶𝘴. (𝘓𝘬 𝟤𝟥,𝟦𝟦-𝟦𝟨)
So beendet der Evangelist Lukas seine Schilderung von der Kreuzigung Jesu. Was spricht Jesus da? Selbstaufgabe? Auch bei einem anderen „letzten Wort“ könnte man diesen Verdacht äußern: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Resignation? In beiden Fällen handelt es sich aber um ein Psalmzitat. Jesus betet also am Kreuz. Und für die ersten Christen, an die Lukas sich wendet, war es selbstverständlich, die Fortsetzung dieses kurzen Zitates zu kennen.
„Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Du hast mich erlöst, Herr du treuer Gott“ So lautet der vollständige Vers 6 von Psalm 31.
Eine düstere Musik hat Charles Tournemire da komponiert. Eine im wahrsten Sinne des Wortes „undurchsichtige“ Fuge. Im zweiten Teil steuert sie auf einen dramatischen Höhepunkt zu. Ein letzter Aufschrei, danach Stille. Aber es geht noch weiter: „Du hast mich erlöst, Herr du treuer Gott“ Das Fugenthema erklingt noch einmal abgewandelt, wendet sich nach oben gen Himmel und alle Dissonanzen lösen sich auf in einer reinen Oktave. Es steckt noch sehr viel mehr Symbolik in dieser Musik. Manches davon erschließt sich nur nach genauer Analyse und mit den Noten vor Augen. Ich vertraue aber darauf, dass sich die Kernaussage auch unmittelbar über das Hören vermittelt.
Auch der Evangelist Lukas verwendet im Zusammenhang mit diesem letzten Wort ein Symbol: der gerissene Vorhang. Welche Bedeutung hatte der denn? Im alten Jerusalemer Tempel (bis 586 v. Chr.) war hinter dem Vorhang die Bundeslade verborgen, in der sich die zehn Gebote auf Steintafeln befanden. Nur der höchste Priester durfte einmal im Jahr diesen allerheiligsten Raum für ein Opferritual betreten. Auch nach dem Verlust der Bundeslade blieb das Allerheiligste ein für normale Menschen unerreichbarer Ort. Und wenn nun die Evangelisten berichten, dass der Vorhang zerriss, konnte das in der damaligen jüdischen Gemeinde als Provokation verstanden werden. Für uns Christen bedeutet das: mit dem Tod Jesu ist Gott nahbar geworden. Jeder kann ihm direkt begegnen, niemand muss Angst vor seiner Gegenwart haben. Man kann auch noch einen Schritt weiter denken: hinter dem Vorhang befand sich das Gesetz der 10 Gebote. Auch dieses liegt jetzt offen zutage. Es kann hinterfragt werden. Ist es noch gültig? Muss es angepasst oder erweitert werden? Gott öffnet sich diesen Fragen. Oder kann das gar weg ??? - Gott läßt selbst diese Frage zu, auch wenn die Antwort „nein“ ist. Man kann darin den Keim der Aufklärung sehen – ein kühner Gedanke.
Das heutige Programm schließt mit „Toccata und Fuge“ von Max Reger. Ich will nicht behaupten, dass Max Reger hier den zerrissenen Vorhang und weiteres auskomponiert hat, das ist eher unwahrscheinlich. Aber die Toccata enthält so viele „Reißmomente“, dass ich mir diese Assoziation erlaube. Regers Musik ist stark genug, um so eine Interpretation auszuhalten, auch wenn es nicht die Absicht des Komponisten gewesen sein sollte. Auf die Toccata folgt eine Fuge in D-Dur, langsam und leise beginnend, mit stetiger Steigerung des Tempos und der Dynamik – ohne Worte.

Der Orgelpunkt-Programmzettel:𝗠𝗮𝘅 𝗥𝗲𝗴𝗲𝗿: 𝗖𝗵𝗼𝗿𝗮𝗹𝗳𝗮𝗻𝘁𝗮𝘀𝗶𝗲 „𝗪𝗶𝗲 𝘀𝗰𝗵ö𝗻 𝗹𝗲𝘂𝗰𝗵𝘁‘ 𝘂𝗻𝘀 𝗱𝗲𝗿 𝗠𝗼𝗿𝗴𝗲𝗻𝘀𝘁𝗲𝗿𝗻“Ich muss gestehen, dass i...
09/01/2026

Der Orgelpunkt-Programmzettel:
𝗠𝗮𝘅 𝗥𝗲𝗴𝗲𝗿: 𝗖𝗵𝗼𝗿𝗮𝗹𝗳𝗮𝗻𝘁𝗮𝘀𝗶𝗲 „𝗪𝗶𝗲 𝘀𝗰𝗵ö𝗻 𝗹𝗲𝘂𝗰𝗵𝘁‘ 𝘂𝗻𝘀 𝗱𝗲𝗿 𝗠𝗼𝗿𝗴𝗲𝗻𝘀𝘁𝗲𝗿𝗻“
Ich muss gestehen, dass ich oft mit dem Stück gehadert habe, lange bevor ich es selbst gespielt habe. Der Morgenstern – ist das nicht der Stern von Bethlehem? Endlich sind die Krippenfiguren alle komplett, die heiligen drei Könige sind auch da. Oben drüber leuchtet der Stern. Die Hörerwartung an eine Phantasie über diesen Choral ist entsprechend: eine beschauliche Musik, nichts soll die weihnachtliche Stimmung trüben.

Und dann das: eine brutale Einleitung wird einem um die Ohren gehauen. Vollgriffige dissonante Akkorde jagen einer den anderen, unterbrochen durch düstere pianissimo-Passagen. Was soll das? Warum soll man das spielen? Nur um zu zeigen, wie doll man in die Tasten hauen kann oder wie schnell die Finger sind?

Nachdem sich der Pulverdampf gelegt hat, erscheint endlich der Choral, ganz verhalten, in tiefer Lage. Wenn da etwas leuchtet, dann sind es die zarten Oberstimmen, die den Choral umspielen. Aber das Ganze wirkt sehr geheimnisvoll, genau wie der Text: vom Morgenstern ist die Rede, von der Wurzel Jesse und dem Sohn Davids. Das hat man vielleicht an Weihnachten gehört, prophetische Worte aus dem Buch Jesaja und die Einleitung zum Matthäus-Evangelium. Jesus, von dem hier offensichtlich die Rede ist, wird dann aber auch als „mein König und mein Bräutigam“ angesprochen. Der Text ist so reich an Bezügen und Bildern, dass einem ganz schwindelig werden kann.

Max Reger hat in der Phantasie die ersten drei Strophen komplett auskomponiert, gefolgt von einer Kombination der 4. und 5. Strophe. Der Text ist in den Noten vermerkt, wird aber natürlich nicht gesungen. Die Musik ist inspiriert durch den Text und beides zusammen kann uns den erstaunlichen Hintergrund dieses Liedes vermitteln. Die dritte Strophe ist der poetische Höhepunkt: „Gieß sehr tief in mein Herz hinein, du heller Jaspis, edler Stein, die Flamme deiner Liebe.“ Kaum jemand ist heute so bibelfest, dass man den Bezug sofort erkennt. In der Vision vom himmlischen Jerusalem (Offenbarung 21, 10-11) wird die Herrlichkeit Gottes verglichen mit dem Leuchten des alleredelsten Steines, einem Jaspis. Es geht jetzt also gar nicht mehr um Weihnachten, sondern um eine endzeitliche Vision. Und so gesehen geht es auch nicht um den Stern von Bethlehem. In der weiteren Erzählung des Johannes spricht Jesus, der am Ende der Zeiten wiederkommt: „Ich bin die Wurzel und das Geschlecht Davids, der helle Morgenstern.“ In dieser dritten Strophe lässt Reger zum ersten Mal die Melodie in der Oberstimme erklingen. Aber sie ist so stark verziert und verfremdet, dass man sie kaum erkennt. Ein extrem ausdrucksvolles Solo, begleitet von farbenreichen spätromantischen Harmonien und bezeichnet mit „Adagio con espressione“ im Zentrum des Werkes. Wer dafür empfänglich ist, kann in dieser Musik erkennen, was in Worten so schwer auszudrücken und zu verstehen ist. Danach werden Text und Musik leichter zugänglich und steigern sich zum großen Jubel der 6. Strophe, die in der Fuge vertont wird.

Ein Blick zurück: warum dieser Anfang? Es ist nicht einfach die Nacht, die in den ersten Takten (rund 3 Minuten lang) dargestellt wird. Es ist viel schlimmer. Es lässt an Erdbeben denken, an Dämonen, die einen ergreifen, an Verzweiflung und Resignation. Vielleicht nicht unbedingt das Ende der Welt, aber zumindest eine existentielle Bedrohung.

Philipp Nicolai schuf dieses Lied 1597 unter dem Eindruck einer verheerenden Pestepidemie. Als Pfarrer in Unna hatte er zeitweise täglich bis zu 30 Leichen zu bestatten. Vielleicht hat er das als einen Vorgeschmack auf das Ende der Welt empfunden. Er fand Trost in der Offenbarung des Johannes. Dort folgt auf das Ende der Welt die Verheißung vom himmlischen Jerusalem. „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein … und Gott sprach: Siehe, ich mache alles neu!“ (Offb. 21, 4-5) so heißt es in unmittelbarer Nähe der von Philipp Nicolai benutzten Sprachbilder.

Max Reger hatte seine eigenen Erfahrungen mit existentieller Bedrohung. Nicht durch äußere Umstände, sondern aus sich selbst heraus. Er hatte sein Leben lang mit psychischen Problemen und schweren Krisen zu kämpfen. Er konnte sich aber auch immer wieder daraus befreien. Besonders einige alte Choräle waren ihm dabei eine große Hilfe und Inspiration. Seine sieben Choralfantasien und einige andere große Orgelwerke sind Zeugnis davon.

„Siehe, ich mache alles neu!“ ist die Jahreslosung des gerade begonnenen Jahres. Auch wenn dieser Vers nicht direkt im Lied auftaucht, ist er doch der Schlüssel zum Verständnis des Chorals und der Regerschen Bearbeitung.

aus dem Orgelpunkt-Programmzettel:„𝗡𝘂𝗻 𝗸𝗼𝗺𝗺, 𝗱𝗲𝗿 𝗛𝗲𝗶𝗱𝗲𝗻 𝗛𝗲𝗶𝗹𝗮𝗻𝗱“Dieses Lied hat uns in verschiedenen Bearbeitungen durch...
19/12/2025

aus dem Orgelpunkt-Programmzettel:
„𝗡𝘂𝗻 𝗸𝗼𝗺𝗺, 𝗱𝗲𝗿 𝗛𝗲𝗶𝗱𝗲𝗻 𝗛𝗲𝗶𝗹𝗮𝗻𝗱“
Dieses Lied hat uns in verschiedenen Bearbeitungen durch die letzten Wochen begleitet und auch heute stehen wieder zwei Bearbeitungen von Johann Sebastian Bach auf dem Programm. Lange Zeit war es das Adventslied schlechthin. In vielen evangelischen Gesangbüchern stand es an Nummer 1. Heute wird es nur noch selten gesungen. Woran liegt das? Die altertümliche Melodie ist bereits im 12. Jahrhundert nachweisbar. Den Text schuf Martin Luther nach dem lateinischen Hymnus „Veni redemptor gentium“. Anders als viele heute noch populäre Luther-Lieder ist „Nun komm, der Heiden Heiland“ ein sperriges Lied. Es gibt kein einheitliches Versmaß und die Melodie fügt sich keinem Taktschema. Irgendwie scheint das gar nicht zusammen zu passen. Nach den Maßstäben späterer Lieddichtungen wirkt das alles sehr ungelenk. Und dann der Text:
Nun komm der Heiden Heiland,
der Jungfrauen Kind erkannt,
des sich wundert alle Welt,
Gott solch‘ Geburt ihm bestellt.

Auch die folgenden Strophen halten manche Formulierung bereit, die ohne solide Grundkenntnisse der christlichen Lehre kaum verständlich sind. Es hat etwas Rätselhaftes an sich, genau wie die beiden Bearbeitungen von Johann Sebastian Bach. Bach wurde von manchen Zeitgenossen kritisiert für ein Übermaß an Verzierungen, unter denen die Melodie kaum zu erkennen sei. Und ganz ehrlich: wenn ich es nicht wüsste, würde ich allein vom Hören in der ersten Bearbeitung die Melodie auch nicht wiedererkennen. Und die zweite Bearbeitung: ein dreistimmiges Stück, ein sogenanntes Trio. Da sollten doch eigentlich die drei Stimmen gut voneinander zu unterscheiden sein, gut durchhörbar wie in den berühmten Triosonaten. Stattdessen sind die beiden unteren Stimmen sehr ähnlich und auf seltsame Weise verknäult. Man verliert leicht die Orientierung beim Hören. Bachs Musik ist immer sehr angenehm zu hören. Aber bei genauerer Betrachtung ist sie manchmal auch sehr kompliziert.

Martin Luther hielt sich bei der Übertragung des altkirchlichen Hymnus „Veni redemptor gentium“ sehr streng an das Original. Nach der anfänglichen Bitte um das Kommen des Erlösers liegt der inhaltliche Schwerpunkt bei der Lehre von der doppelten Natur Jesu Christi: Jesus ist sowohl Gott als auch Mensch, eine Paradoxie, die von vielen als Zumutung abgelehnt wird. Klare Verhältnisse wären doch viel einfacher: hier unten wir Menschen, da oben Gott. Gelegentliche Auseinandersetzungen zwischen Gott und den Menschen, wie bei den Göttern der griechischen Antike, könnten helfen, die Ungereimtheiten der Welt zu erklären. Aber es hilft eben auch nicht weiter.

Gott ist Mensch geworden: das ist die Weihnachtsbotschaft. Er hat sich eingelassen auf alle Gefahren, die damit verbunden sind. Er ist am Kreuz gestorben und Kritiker sehen das als Beleg dafür, dass er gescheitert ist. Aber nur so kann er dauerhaft mitten unter uns sterblichen Menschen sein. Das ist sicher nicht ganz einfach zu verstehen. Aber rätselhafte und geheimnisvolle Geschichten beweisen auf die Dauer ihre größte Attraktivität, genau wie die Musik von Johann Sebastian Bach.

aus dem Orgelpunkt-Programmzettel:"𝗦𝗽𝗶𝗲𝗹 𝗱𝗼𝗰𝗵 𝗺𝗮𝗹 𝗧𝗼𝗰𝗰𝗮𝘁𝗮" so haben mich ein paar Mitschüler immer mal wieder aufgeforde...
05/12/2025

aus dem Orgelpunkt-Programmzettel:

"𝗦𝗽𝗶𝗲𝗹 𝗱𝗼𝗰𝗵 𝗺𝗮𝗹 𝗧𝗼𝗰𝗰𝗮𝘁𝗮" so haben mich ein paar Mitschüler immer mal wieder aufgefordert und ich wusste nie: meinen die das jetzt ernst oder wollen sie mich nur mal aus der Reserve locken? Ich habe dann natürlich zurückgefragt: „welche denn?“ – „Na dieses didldi, ratatatatam tam“

Eigentlich reicht schon „didldi“ und die Assoziationen sind da: Kirche, Ernsthaftigkeit, Ehrfurcht, vielleicht so etwas wie heiliger Schauer mit ein bisschen Grusel. So wird jedenfalls der Anfang in der Popkultur oft zitiert. Wie es dann weiter geht, wissen die meisten schon nicht mehr.

Am Anfang und am Ende erklingt die Orgel mit allem, was sie zu bieten hat. „Organo pleno“ nennt man das, die volle Orgel. „Alle Register ziehen“ so hat es sich sprichwörtlich eingeprägt. Aber dazwischen verbirgt sich eine Fuge mit einem leichten luftigen Thema und die Fuge ist keineswegs streng durchgeführt. In einer langen Echopassage löst sie sich geradezu auf. Eine ganz andere Assoziation kann man damit verbinden: da gibt einer die Macht ab und wird ganz klein und verletzlich, so wie Gott Mensch geworden ist, wie wir es an Weihnachten feiern.

Das Stück passt gut zum Advent. Es verbindet erwartbares und unerwartetes, mächtiges und filigranes. Es gehört für mich zum Weihnachtsmarkt dazu wie Glühwein, Lebkuchen und gebrannte Mandeln. Lassen Sie es sich gut gehen auf dem Weihnachtsmarkt! Und vielleicht entdecken Sie dort auch noch etwas überraschendes.

Aus dem Orgelpunkt-Programmzettel:𝗔𝗱𝘃𝗲𝗻𝘁 – 𝗼𝗱𝗲𝗿 𝗱𝗼𝗰𝗵 𝗻𝗼𝗰𝗵 𝗻𝗶𝗰𝗵𝘁?Draußen läuft schon der Weihnachtsmarkt. In der Kirche h...
27/11/2025

Aus dem Orgelpunkt-Programmzettel:
𝗔𝗱𝘃𝗲𝗻𝘁 – 𝗼𝗱𝗲𝗿 𝗱𝗼𝗰𝗵 𝗻𝗼𝗰𝗵 𝗻𝗶𝗰𝗵𝘁?
Draußen läuft schon der Weihnachtsmarkt. In der Kirche hängt ein Adventskranz, aber eine Kerze brennt nicht. Wann beginnt denn eigentlich der Advent?
Liturgisch ist das ganz klar: die Woche beginnt mit dem Sonntag und alle darauf folgenden Tage haben das Thema des vorangegangenen Sonntags. Da die Orgelpunktprogramme in den markanten Zeiten des Kirchenjahres immer dem jeweiligen Thema folgen, müsste es heute eigentlich um „Tod und Ewigkeit“ gehen. Die sechs letzten Choräle aus Bachs „Orgelbüchlein“ beziehen sich tatsächlich darauf.
Aber ganz so einfach ist die Sache dann doch nicht. Mit dem 1. Advent beginnt ein neues Kirchenjahr und der Übergang vom alten ins neue Kirchenjahr ist keineswegs ein Bruch. Der letzte Sonntag im Kirchenjahr und der Advent haben etwas gemeinsam: wir erwarten noch etwas. Wir erwarten, was nach dem Tod kommt und nach dem Ende Welt (Totensonntag bzw. Ewigkeitssonntag) und wir erwarten das Kommen des Erlösers in der Adventszeit. „Advent“ das bedeutet „Ankunft“. Es ist etwas zum Greifen nah, aber es ist noch nicht ganz da.
„Die Welt in der Erwartung des Erlösers“ ist der erste Satz aus der „Symphonie Passion“ von Marcel Dupré. Es ist ein unruhiges nervöses Stück. Es gibt keinen gleichbleibenden Takt. Die repetierenden Akkorde zählen manchmal einen zu viel, dann wieder einen zu wenig. Ein bisschen chaotisch, auch daran könnte man sich gewöhnen. Aber die Bewegung bricht immer wieder ab, fällt entweder in sich zusammen oder mündet in einen aggressiven Aufschrei. Nach einer spannungsvollen Pause erklingt in einer Solostimme als zweites Thema der Hymnus: ‚Jesus redemptor omnium‘ – ‚Jesus, Erlöser aller Welt‘. Es wird bald wieder verdrängt von der Nervosität des Anfangs, aber schließlich finden doch beide Themen zusammen. Die unruhigen Akkorde werden immer langsamer, kommen fast zum Stillstand und werden schließlich ganz von der Melodik und Harmonik des Hymnus erfasst. Ein dramatisches Stück, das Realität und Hoffnung miteinander verbindet.

16/06/2025

Orgelpunkt am 20.6.2025 mit Hilger Kespohl

Adresse

Unser Lieben Frauen Kirchhof 27
Bremen
28195

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