09/01/2026
Der Orgelpunkt-Programmzettel:
𝗠𝗮𝘅 𝗥𝗲𝗴𝗲𝗿: 𝗖𝗵𝗼𝗿𝗮𝗹𝗳𝗮𝗻𝘁𝗮𝘀𝗶𝗲 „𝗪𝗶𝗲 𝘀𝗰𝗵ö𝗻 𝗹𝗲𝘂𝗰𝗵𝘁‘ 𝘂𝗻𝘀 𝗱𝗲𝗿 𝗠𝗼𝗿𝗴𝗲𝗻𝘀𝘁𝗲𝗿𝗻“
Ich muss gestehen, dass ich oft mit dem Stück gehadert habe, lange bevor ich es selbst gespielt habe. Der Morgenstern – ist das nicht der Stern von Bethlehem? Endlich sind die Krippenfiguren alle komplett, die heiligen drei Könige sind auch da. Oben drüber leuchtet der Stern. Die Hörerwartung an eine Phantasie über diesen Choral ist entsprechend: eine beschauliche Musik, nichts soll die weihnachtliche Stimmung trüben.
Und dann das: eine brutale Einleitung wird einem um die Ohren gehauen. Vollgriffige dissonante Akkorde jagen einer den anderen, unterbrochen durch düstere pianissimo-Passagen. Was soll das? Warum soll man das spielen? Nur um zu zeigen, wie doll man in die Tasten hauen kann oder wie schnell die Finger sind?
Nachdem sich der Pulverdampf gelegt hat, erscheint endlich der Choral, ganz verhalten, in tiefer Lage. Wenn da etwas leuchtet, dann sind es die zarten Oberstimmen, die den Choral umspielen. Aber das Ganze wirkt sehr geheimnisvoll, genau wie der Text: vom Morgenstern ist die Rede, von der Wurzel Jesse und dem Sohn Davids. Das hat man vielleicht an Weihnachten gehört, prophetische Worte aus dem Buch Jesaja und die Einleitung zum Matthäus-Evangelium. Jesus, von dem hier offensichtlich die Rede ist, wird dann aber auch als „mein König und mein Bräutigam“ angesprochen. Der Text ist so reich an Bezügen und Bildern, dass einem ganz schwindelig werden kann.
Max Reger hat in der Phantasie die ersten drei Strophen komplett auskomponiert, gefolgt von einer Kombination der 4. und 5. Strophe. Der Text ist in den Noten vermerkt, wird aber natürlich nicht gesungen. Die Musik ist inspiriert durch den Text und beides zusammen kann uns den erstaunlichen Hintergrund dieses Liedes vermitteln. Die dritte Strophe ist der poetische Höhepunkt: „Gieß sehr tief in mein Herz hinein, du heller Jaspis, edler Stein, die Flamme deiner Liebe.“ Kaum jemand ist heute so bibelfest, dass man den Bezug sofort erkennt. In der Vision vom himmlischen Jerusalem (Offenbarung 21, 10-11) wird die Herrlichkeit Gottes verglichen mit dem Leuchten des alleredelsten Steines, einem Jaspis. Es geht jetzt also gar nicht mehr um Weihnachten, sondern um eine endzeitliche Vision. Und so gesehen geht es auch nicht um den Stern von Bethlehem. In der weiteren Erzählung des Johannes spricht Jesus, der am Ende der Zeiten wiederkommt: „Ich bin die Wurzel und das Geschlecht Davids, der helle Morgenstern.“ In dieser dritten Strophe lässt Reger zum ersten Mal die Melodie in der Oberstimme erklingen. Aber sie ist so stark verziert und verfremdet, dass man sie kaum erkennt. Ein extrem ausdrucksvolles Solo, begleitet von farbenreichen spätromantischen Harmonien und bezeichnet mit „Adagio con espressione“ im Zentrum des Werkes. Wer dafür empfänglich ist, kann in dieser Musik erkennen, was in Worten so schwer auszudrücken und zu verstehen ist. Danach werden Text und Musik leichter zugänglich und steigern sich zum großen Jubel der 6. Strophe, die in der Fuge vertont wird.
Ein Blick zurück: warum dieser Anfang? Es ist nicht einfach die Nacht, die in den ersten Takten (rund 3 Minuten lang) dargestellt wird. Es ist viel schlimmer. Es lässt an Erdbeben denken, an Dämonen, die einen ergreifen, an Verzweiflung und Resignation. Vielleicht nicht unbedingt das Ende der Welt, aber zumindest eine existentielle Bedrohung.
Philipp Nicolai schuf dieses Lied 1597 unter dem Eindruck einer verheerenden Pestepidemie. Als Pfarrer in Unna hatte er zeitweise täglich bis zu 30 Leichen zu bestatten. Vielleicht hat er das als einen Vorgeschmack auf das Ende der Welt empfunden. Er fand Trost in der Offenbarung des Johannes. Dort folgt auf das Ende der Welt die Verheißung vom himmlischen Jerusalem. „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein … und Gott sprach: Siehe, ich mache alles neu!“ (Offb. 21, 4-5) so heißt es in unmittelbarer Nähe der von Philipp Nicolai benutzten Sprachbilder.
Max Reger hatte seine eigenen Erfahrungen mit existentieller Bedrohung. Nicht durch äußere Umstände, sondern aus sich selbst heraus. Er hatte sein Leben lang mit psychischen Problemen und schweren Krisen zu kämpfen. Er konnte sich aber auch immer wieder daraus befreien. Besonders einige alte Choräle waren ihm dabei eine große Hilfe und Inspiration. Seine sieben Choralfantasien und einige andere große Orgelwerke sind Zeugnis davon.
„Siehe, ich mache alles neu!“ ist die Jahreslosung des gerade begonnenen Jahres. Auch wenn dieser Vers nicht direkt im Lied auftaucht, ist er doch der Schlüssel zum Verständnis des Chorals und der Regerschen Bearbeitung.