Orgelpunkt Bremen

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𝐏𝐟𝐢𝐧𝐠𝐬𝐭𝐞𝐧An Weihnachten bringt das Christkind Geschenke, zu Ostern bringt der Hase bunte Eier. Und Pfingsten? – nichts, ...
24/05/2026

𝐏𝐟𝐢𝐧𝐠𝐬𝐭𝐞𝐧
An Weihnachten bringt das Christkind Geschenke, zu Ostern bringt der Hase bunte Eier. Und Pfingsten? – nichts, jedenfalls nichts Greifbares. Einen zusätzlichen freien Tag, immerhin. Pfingsten hat es schwer.
Worum geht es an Pfingsten? In der Apostelgeschichte wird vom Pfingstwunder berichtet: „ein plötzliches Brausen wie von einem gewaltigen Sturm erfüllte das ganze Haus. … und die Jünger wurden erfüllt vom Heiligen Geist und sie fingen an zu predigen in fremden Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab.“
Dies wird oft als „Geburtstag der Kirche“ bezeichnet: die Jünger, die sich bis dahin ängstlich eingeschlossen hatten, fanden durch die Kraft des Heiligen Geist den Mut, in die Welt hinauszugehen und die frohe Botschaft zu verbreiten.
Der gregorianische Gesang „Veni Sancte Spiritus“ ist die Vorlage mehrerer deutschsprachiger Lieder. Wörtlich übersetzt lautet der ursprüngliche Text: „Komm, Heiliger Geist, erfülle die Herzen deiner Gläubigen und entzünde in ihnen das Feuer deiner Liebe. Der du die Vielheit der Völker und Zungen zur Einheit des Glaubens vereinigt hast.“
Schon in vorreformatorischer Zeit entstand daraus die Liedstrophe „Komm, Heiliger Geist, Herre Gott“, die Martin Luther noch um zwei weitere Strophen ergänzte. Heute gilt es als typisches Pfingstlied, eingesetzt wurde es oft als Lied zur Eröffnung des Gottesdienstes. Andere Lieder in dieser Funktion sind „Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist“ und „Herr Jesu Christ, dich zu uns wend, dein‘ Heilgen Geist du zu uns send“. Alle diese Lieder bitten darum, dass der Geist 𝐤𝐨𝐦𝐦𝐞. Er wird also nicht als selbstverständlich vorausgesetzt. Zu groß waren und sind die schmerzlichen Erfahrungen, dass gepredigt wird, ohne den Geist Gottes verstanden zu haben. Die genannten Lieder fanden, ausgehend von der Reformation, in der evangelischen Kirche eine weite Verbreitung, teilweise sind sie aber auch in katholischen Gesangbüchern zu finden.
Pfingsten als ein Fest der Verständigung: zwischen Gott und den Menschen, zwischen den Konfessionen und zwischen den Menschen untereinander. Das sollte eigentlich immer gefeiert werden, nicht nur an einem verlängerten Wochenende.

𝗪𝗮𝘀 𝗸𝗮𝗻𝗻 𝘂𝗻𝘀 𝗸𝗼𝗺𝗺𝗲𝗻 𝗮𝗻 𝗳𝘂̈𝗿 𝗡𝗼𝘁Die Anfangszeile hat diesem Choral möglicherweise das Genick gebrochen. Das Lied von 1569...
08/05/2026

𝗪𝗮𝘀 𝗸𝗮𝗻𝗻 𝘂𝗻𝘀 𝗸𝗼𝗺𝗺𝗲𝗻 𝗮𝗻 𝗳𝘂̈𝗿 𝗡𝗼𝘁
Die Anfangszeile hat diesem Choral möglicherweise das Genick gebrochen. Das Lied von 1569 steht schon lange nicht mehr in den Gesangbüchern. Da ist also von Not die Rede. Und wenn man den Rest nicht kennt, erwartet man vielleicht, dass es weitergeht mit Elend, Hunger und Seuchen. Da blättert man dann schnell weiter zum nächsten Lied. Der Anfang ist aber nur eine rhetorische Frage. So geht es weiter:

𝘞𝘢𝘴 𝘬𝘢𝘯𝘯 𝘶𝘯𝘴 𝘬𝘰𝘮𝘮𝘦𝘯 𝘢𝘯 𝘧𝘶̈𝘳 𝘕𝘰𝘵,
𝘴𝘰 𝘶𝘯𝘴 𝘥𝘦𝘳 𝘏𝘦𝘳𝘳𝘦 𝘸𝘦𝘪𝘥𝘦𝘵,
𝘶𝘯𝘥 𝘴𝘱𝘦𝘪𝘴𝘦𝘵 𝘶𝘯𝘴 𝘮𝘪𝘵 𝘏𝘪𝘮𝘮𝘦𝘭𝘴𝘣𝘳𝘰𝘵,
𝘶𝘯𝘥 𝘢𝘶𝘧 𝘥𝘪𝘦 𝘞𝘦𝘪𝘥𝘦 𝘭𝘦𝘪𝘵𝘦𝘵:
𝘋𝘢𝘻𝘶 𝘦𝘳𝘲𝘶𝘪𝘤𝘬𝘦𝘵 𝘶𝘯𝘴𝘳𝘦 𝘚𝘦𝘦𝘭,
𝘶𝘯𝘥 𝘬𝘶̈𝘩𝘭𝘦𝘵 𝘮𝘪𝘵 𝘥𝘦𝘮 𝘞𝘢𝘴𝘴𝘦𝘳𝘲𝘶𝘦𝘭𝘭
𝘴𝘦𝘪𝘯𝘴 𝘸𝘦𝘳𝘵𝘦𝘯 𝘏𝘦𝘪𝘭𝘨𝘦𝘯 𝘎𝘦𝘪𝘴𝘵𝘦𝘴.

Das Lied ist eine Umdichtung des 23. Psalms „Der Herr ist mein Hirte“, einer der schönsten und bekanntesten Psalmen. Wenn man es angemessen singen will, muss schon in der ersten Zeile die ganze Zuversicht mitschwingen. Wenn das fehlt oder nicht vermittelt wird, dann bleibt einem schnell der Kloß im Hals stecken. Verständlich also, dass das Lied nicht mehr gebräuchlich ist, auch wegen einiger Formulierungen in den weiteren Strophen, die nicht mehr zeitgemäß erscheinen. Es erinnert mich ein bisschen an das Sprichwort „Not lehrt beten“. Ich mochte das nie, ich hörte da immer so eine Drohung raus: „Komm du erst mal in richtige Not, dann wirst du schon sehen“. Wirklich einladend zum Beten ist das nicht.

In der Choralfantasie von Johann Adam Reincken ist aber von der Not nichts zu spüren. Reincken überspringt die rhetorische Frage und beginnt mit aufsteigenden Linien (früher sagte man Anabasis dazu), die leicht artikuliert Freude und Zuversicht vermitteln. Das ganze Stück behält diesen positiven Charakter, ich spiele es sehr gerne. Als Begleittext erscheint mir der 23. Psalm im Original besser geeignet als die Lieddichtung.

𝘋𝘦𝘳 𝘏𝘦𝘳𝘳 𝘪𝘴𝘵 𝘮𝘦𝘪𝘯 𝘏𝘪𝘳𝘵𝘦, 𝘮𝘪𝘳 𝘸𝘪𝘳𝘥 𝘯𝘪𝘤𝘩𝘵𝘴 𝘮𝘢𝘯𝘨𝘦𝘭𝘯.
𝘌𝘳 𝘸𝘦𝘪𝘥𝘦𝘵 𝘮𝘪𝘤𝘩 𝘢𝘶𝘧 𝘦𝘪𝘯𝘦𝘳 𝘨𝘳𝘶̈𝘯𝘦𝘯 𝘈𝘶𝘦 𝘶𝘯𝘥 𝘧𝘶̈𝘩𝘳𝘦𝘵 𝘮𝘪𝘤𝘩 𝘻𝘶𝘮 𝘧𝘳𝘪𝘴𝘤𝘩𝘦𝘯 𝘞𝘢𝘴𝘴𝘦𝘳.
𝘌𝘳 𝘦𝘳𝘲𝘶𝘪𝘤𝘬𝘦𝘵 𝘮𝘦𝘪𝘯𝘦 𝘚𝘦𝘦𝘭𝘦. 𝘌𝘳 𝘧𝘶̈𝘩𝘳𝘦𝘵 𝘮𝘪𝘤𝘩 𝘢𝘶𝘧 𝘳𝘦𝘤𝘩𝘵𝘦𝘳 𝘚𝘵𝘳𝘢ß𝘦 𝘶𝘮 𝘴𝘦𝘪𝘯𝘦𝘴 𝘕𝘢𝘮𝘦𝘯𝘴 𝘸𝘪𝘭𝘭𝘦𝘯.
𝘜𝘯𝘥 𝘰𝘣 𝘪𝘤𝘩 𝘴𝘤𝘩𝘰𝘯 𝘸𝘢𝘯𝘥𝘦𝘳𝘵𝘦 𝘪𝘮 𝘧𝘪𝘯𝘴𝘵𝘦𝘳𝘯 𝘛𝘢𝘭, 𝘧𝘶̈𝘳𝘤𝘩𝘵𝘦 𝘪𝘤𝘩 𝘬𝘦𝘪𝘯 𝘜𝘯𝘨𝘭𝘶̈𝘤𝘬; 𝘥𝘦𝘯𝘯 𝘥𝘶 𝘣𝘪𝘴𝘵 𝘣𝘦𝘪 𝘮𝘪𝘳, 𝘥𝘦𝘪𝘯 𝘚𝘵𝘦𝘤𝘬𝘦𝘯 𝘶𝘯𝘥 𝘚𝘵𝘢𝘣 𝘵𝘳𝘰̈𝘴𝘵𝘦𝘯 𝘮𝘪𝘤𝘩.
𝘋𝘶 𝘣𝘦𝘳𝘦𝘪𝘵𝘦𝘴𝘵 𝘷𝘰𝘳 𝘮𝘪𝘳 𝘦𝘪𝘯𝘦𝘯 𝘛𝘪𝘴𝘤𝘩 𝘪𝘮 𝘈𝘯𝘨𝘦𝘴𝘪𝘤𝘩𝘵 𝘮𝘦𝘪𝘯𝘦𝘳 𝘍𝘦𝘪𝘯𝘥𝘦. 𝘋𝘶 𝘴𝘢𝘭𝘣𝘦𝘴𝘵 𝘮𝘦𝘪𝘯 𝘏𝘢𝘶𝘱𝘵 𝘮𝘪𝘵 𝘖̈𝘭 𝘶𝘯𝘥 𝘴𝘤𝘩𝘦𝘯𝘬𝘦𝘴𝘵 𝘮𝘪𝘳 𝘷𝘰𝘭𝘭 𝘦𝘪𝘯.
𝘎𝘶𝘵𝘦𝘴 𝘶𝘯𝘥 𝘉𝘢𝘳𝘮𝘩𝘦𝘳𝘻𝘪𝘨𝘬𝘦𝘪𝘵 𝘸𝘦𝘳𝘥𝘦𝘯 𝘮𝘪𝘳 𝘧𝘰𝘭𝘨𝘦𝘯 𝘮𝘦𝘪𝘯 𝘓𝘦𝘣𝘦𝘯 𝘭𝘢𝘯𝘨, 𝘶𝘯𝘥 𝘪𝘤𝘩 𝘸𝘦𝘳𝘥𝘦 𝘣𝘭𝘦𝘪𝘣𝘦𝘯 𝘪𝘮 𝘏𝘢𝘶𝘴𝘦 𝘥𝘦𝘴 𝘏𝘦𝘳𝘳𝘯 𝘪𝘮𝘮𝘦𝘳𝘥𝘢𝘳.

𝗧𝗼𝗱, 𝘄𝗼 𝗶𝘀𝘁 𝗱𝗲𝗶𝗻 𝗦𝘁𝗮𝗰𝗵𝗲𝗹? 𝗛𝗼̈𝗹𝗹𝗲, 𝘄𝗼 𝗶𝘀𝘁 𝗱𝗲𝗶𝗻 𝗦𝗶𝗲𝗴?Diese Zeile ist Ihnen vielleicht bekannt aus dem Deutschen Requiem vo...
17/04/2026

𝗧𝗼𝗱, 𝘄𝗼 𝗶𝘀𝘁 𝗱𝗲𝗶𝗻 𝗦𝘁𝗮𝗰𝗵𝗲𝗹? 𝗛𝗼̈𝗹𝗹𝗲, 𝘄𝗼 𝗶𝘀𝘁 𝗱𝗲𝗶𝗻 𝗦𝗶𝗲𝗴?
Diese Zeile ist Ihnen vielleicht bekannt aus dem Deutschen Requiem von Johannes Brahms. Es ist ein Zitat aus dem 1. Korintherbrief, Kapitel 15, Vers 55. An diesen Vers knüpft auch Martin Luther in der dritten und vierten Strophe seines Liedes „Christ lag in Todesbanden“ an.
𝟥. 𝘑𝘦𝘴𝘶𝘴 𝘊𝘩𝘳𝘪𝘴𝘵𝘶𝘴, 𝘎𝘰𝘵𝘵𝘦𝘴 𝘚𝘰𝘩𝘯,
𝘢𝘯 𝘶𝘯𝘴𝘦𝘳 𝘚𝘵𝘢𝘵𝘵 𝘪𝘴𝘵 𝘬𝘰𝘮𝘮𝘦𝘯
𝘶𝘯𝘥 𝘩𝘢𝘵 𝘥𝘪𝘦 𝘚𝘶̈𝘯𝘥 𝘢𝘣𝘨𝘦𝘵𝘢𝘯,
𝘥𝘢𝘮𝘪𝘵 𝘥𝘦𝘮 𝘛𝘰𝘥 𝘨𝘦𝘯𝘰𝘮𝘮𝘦𝘯
𝘢𝘭𝘭 𝘴𝘦𝘪𝘯 𝘙𝘦𝘤𝘩𝘵 𝘶𝘯𝘥 𝘴𝘦𝘪𝘯 𝘎𝘦𝘸𝘢𝘭𝘵;
𝘥𝘢 𝘣𝘭𝘦𝘪𝘣𝘵 𝘯𝘪𝘤𝘩𝘵𝘴 𝘥𝘦𝘯𝘯 𝘛𝘰𝘥𝘴 𝘎𝘦𝘴𝘵𝘢𝘭𝘵,
𝘥𝘦𝘯 𝘚𝘵𝘢𝘤𝘩𝘦𝘭 𝘩𝘢𝘵 𝘦𝘳 𝘷𝘦𝘳𝘭𝘰𝘳𝘦𝘯.
𝘏𝘢𝘭𝘭𝘦𝘭𝘶𝘫𝘢.
𝟦. 𝘌𝘴 𝘸𝘢𝘳 𝘦𝘪𝘯 𝘸𝘶𝘯𝘥𝘦𝘳𝘭𝘪𝘤𝘩 𝘒𝘳𝘪𝘦𝘨,
𝘥𝘢 𝘛𝘰𝘥 𝘶𝘯𝘥 𝘓𝘦𝘣𝘦𝘯 𝘳𝘶𝘯𝘨𝘦𝘯;
𝘥𝘢𝘴 𝘓𝘦𝘣𝘦𝘯 𝘣𝘦𝘩𝘪𝘦𝘭𝘵 𝘥𝘦𝘯 𝘚𝘪𝘦𝘨,
𝘦𝘴 𝘩𝘢𝘵 𝘥𝘦𝘯 𝘛𝘰𝘥 𝘷𝘦𝘳𝘴𝘤𝘩𝘭𝘶𝘯𝘨𝘦𝘯.
𝘋𝘪𝘦 𝘚𝘤𝘩𝘳𝘪𝘧𝘵 𝘩𝘢𝘵 𝘷𝘦𝘳𝘬𝘶̈𝘯𝘥𝘦𝘵 𝘥𝘢𝘴,
𝘸𝘪𝘦 𝘦𝘪𝘯 𝘛𝘰𝘥 𝘥𝘦𝘯 𝘢𝘯𝘥𝘦𝘳𝘯 𝘧𝘳𝘢ß,
𝘦𝘪𝘯 𝘚𝘱𝘰𝘵𝘵 𝘢𝘶𝘴 𝘥𝘦𝘮 𝘛𝘰𝘥 𝘪𝘴𝘵 𝘸𝘰𝘳𝘥𝘦𝘯.
𝘏𝘢𝘭𝘭𝘦𝘭𝘶𝘫𝘢.
Ohne Erklärung sind diese beiden Strophen schwer verständlich. Dabei gilt Luther doch als derjenige, der den volkssprachlichen, d.h. deutschen Gemeindegesang eingeführt hat und mit leicht fasslichen Melodien dafür sorgte, dass seine Theologie in aller Munde kam.
„Da bleibt nichts denn Tods Gestalt“ und „wie ein Tod den andern fraß“ – spätestens bei diesen Zeilen kommt bei uns Stirnrunzeln auf. Nicht weil Luther eine abgehobene Sprache wählte. Im Gegenteil, er wusste genau, welche sprachlichen Bilder zu seiner Zeit bekannt waren. Aber wir kennen die Gebräuche des ausgehenden Mittelalters nicht mehr.
Weit verbreitet waren damals die Passions- und Osterspiele, die auf Marktplätzen aufgeführt wurden. Vereinzelt hält sich diese Tradition vor allem in Süddeutschland (Oberammergau) bis heute. Bei den Osterspielen durfte natürlich die Szene mit den Frauen vor dem leeren Grab nicht fehlen. Besonders beliebt war auch die Höllenfahrt Christi. Christus steigt hinunter in das Totenreich, begegnet dem Teufel und besiegt ihn. Tod und Teufel müssen sich geschlagen geben und werden zum Gespött der Zuschauer. Sehr volkstümlich inszeniert wurde dabei die Grenze zum Klamauk wohl manchmal überschritten. Aber das kannten eben die Leute: ein Tod – der Tod Christi - fraß den anderen – den Tod der Menschen. „Da bleibt nichts denn Tods Gestalt“ – der Tod der Menschen ist zu einem zahnlosen Tiger geworden, eine leere Hülle. Gut möglich, dass auch das sehr drastisch und zum Gespött der Leute inszeniert wurde.
Es ist nicht klar, ob Johann Sebastian Bach bei der heute gespielten Choralbearbeitung BWV 695 eine bestimmte Strophe von Luthers Lied vertont hat. Grundsätzlich hat er in allen seinen Orgelwerken dazu keine Angaben gemacht und für den Interpreten eröffnet sich ein weiter Spielraum. In dieser dreistimmigen Bearbeitung erklingt die Melodie zwar unverziert, aber als Mittelstimme sehr versteckt, ist also nicht so leicht zu erkennen. „Christ lag in Todesbanden … und hat uns bracht das Leben“ so beginnt der Choral - „Es war ein wunderlich Krieg…“ so der Anfang der vierten Strophe. Kurz gesagt: der Tod geht dem Leben voraus – eine scheinbar paradoxe Aussage, aber der Kern der Osterbotschaft. Dazu eine hell registrierte, subtile und auch etwas nachdenkliche Interpretation dieser Choralbearbeitung, die sich am Ende durch unerwartete Pausen aller Schwere entledigt und quasi in Luft auflöst.

𝗖𝗵𝗿𝗶𝘀𝘁 𝗶𝘀𝘁 𝗲𝗿𝘀𝘁𝗮𝗻𝗱𝗲𝗻 𝗴𝗲𝗯𝗲𝘀𝘀𝗲𝗿𝘁Was ist das denn für eine Überschrift? Das ist die Überschrift, die Martin Luther seinem L...
11/04/2026

𝗖𝗵𝗿𝗶𝘀𝘁 𝗶𝘀𝘁 𝗲𝗿𝘀𝘁𝗮𝗻𝗱𝗲𝗻 𝗴𝗲𝗯𝗲𝘀𝘀𝗲𝗿𝘁
Was ist das denn für eine Überschrift? Das ist die Überschrift, die Martin Luther seinem Lied „Christ lag in Todesbanden“ gab. Mit Satzzeichen versehen wird es schon verständlicher: „Christ ist erstanden“ – gebessert. Luther legte also eine verbesserte Version eines alten Liedes vor.
Aber noch mal der Reihe nach:
„Christ ist erstanden“ ist eines der ältesten deutschsprachigen Kirchenlieder, entstanden lange vor der Reformation, und es gehört bis heute zu den bekanntesten Osterliedern. Auch Luther war voll des Lobes für dieses Lied: „Aller Lieder singt man sich mit der Zeit müde, aber das ‚Christ ist erstanden‘ muss man alle Jahre wieder singen.“
Trotzdem machte er sich daran, eine verbesserte und vor allem erweiterte Fassung vorzulegen. Aus drei Strophen wurden sieben. Die Melodie wurde erweitert und erhielt in der zweiten Hälfte einen zusätzlichen Höhepunkt, wurde also deutlich freudiger.
Bedeutsam ist schon die Umformulierung der ersten Zeile. Aus „Christ ist erstanden von der Marter alle“ wird „Christ lag in Todesbanden“ Das alte Lied erwähnt mit keiner Silbe den Tod des gekreuzigten Jesus. Es könnte damit manchen Kritikern des Christentums in die Hände spielen, die behaupten, Jesus wäre gar nicht am Kreuz gestorben. Er wäre gefoltert worden, hätte dann ein paar Tage scheintot gelegen und hätte dann weitergelebt. Nein, stellte Luther klar, so war es nicht. „Christ lag in Todesbanden“. Und diese Feststellung war ihm so wichtig, dass in den ersten fünf Strophen zehn Mal das Wort ‚Tod‘ vorkommt.
An Weihnachten hat Gott uns seinen Sohn gesandt. Er hat sich auf alles eingelassen, was das menschliche Dasein ausmacht, inklusive der Möglichkeit, extremem Hass und Gewalt ausgesetzt zu sein. Und natürlich inklusive der Gewissheit, zu sterben. Am Kreuz wurde er verspottet: „Bist du der Juden König, so hilf dir selber!“ (Lk 23, 37) So stellten sie sich den Auserwählten Gottes vor: einer, der sich aus der Affäre ziehen kann, wenn‘s brenzlig wird. Oder eine Art Superman, stärker als alle anderen und unverwundbar. Aber das zeigt, wie wenig sie von der Lehre Jesu verstanden hatten: Sanftmut, Barmherzigkeit, Friedensstiftung und – wenn’s sein muss – Leidensbereitschaft. Einer, der dies gepredigt hat und sich dann am Kreuz selbst befreit – völlig unglaubwürdig. Karfreitag ist die logische Konsequenz aus Weihnachten. Und Ostern geht nicht ohne Karfreitag, davon erzählt dieses Lied.
𝘊𝘩𝘳𝘪𝘴𝘵 𝘭𝘢𝘨 𝘪𝘯 𝘛𝘰𝘥𝘦𝘴𝘣𝘢𝘯𝘥𝘦𝘯,
𝘧𝘶̈𝘳 𝘶𝘯𝘴𝘳𝘦 𝘚𝘶̈𝘯𝘥 𝘨𝘦𝘨𝘦𝘣𝘦𝘯,
𝘥𝘦𝘳 𝘪𝘴𝘵 𝘸𝘪𝘦𝘥𝘦𝘳 𝘦𝘳𝘴𝘵𝘢𝘯𝘥𝘦𝘯
𝘶𝘯𝘥 𝘩𝘢𝘵 𝘶𝘯𝘴 𝘣𝘳𝘢𝘤𝘩𝘵 𝘥𝘢𝘴 𝘓𝘦𝘣𝘦𝘯.
𝘋𝘦𝘴 𝘸𝘪𝘳 𝘴𝘰𝘭𝘭𝘦𝘯 𝘧𝘳𝘰̈𝘩𝘭𝘪𝘤𝘩 𝘴𝘦𝘪𝘯,
𝘎𝘰𝘵𝘵 𝘭𝘰𝘣𝘦𝘯 𝘶𝘯𝘥 𝘥𝘢𝘯𝘬𝘣𝘢𝘳 𝘴𝘦𝘪𝘯
𝘶𝘯𝘥 𝘴𝘪𝘯𝘨𝘦𝘯 𝘏𝘢𝘭𝘭𝘦𝘭𝘶𝘫𝘢.
𝘏𝘢𝘭𝘭𝘦𝘭𝘶𝘫𝘢.
Aber es ist auch ein sperriges Lied. Einmal wegen der für uns altertümlichen Ausdrucksweise in den weiteren Strophen und weil es schon fast überreichlich mit Bezügen auf alttestamentliche und neutestamentliche Bibelstellen beladen ist. Luther hat alles hineingepackt, was ihm an Passion und Auferstehung wichtig war. Dazu in den nächsten Wochen noch ein paar Gedanken mehr. Von Johann Sebastian Bach gibt es drei Choralbearbeitungen zu diesem Lied, die ich heute und in den kommenden Wochen spielen werde.

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