07/06/2026
"Wir und die Heiligen"
Metropolit Saba Esper
Der Apostel Paulus beginnt seine Briefe mit einem der folgenden Grüße: „Von Paulus… an die heiligen Brüder…“ (Epheser, Philipper, Kolosser); oder „an diejenigen, die zur Heiligkeit berufen sind“ (Römer); oder „an die Kirche Gottes in…“ (2. Korinther, Galater, 1. und 2. Thessalonicher), oder „an die Kirche Gottes in … die Gott in Christus Jesus geheiligt und berufen hat zu Heiligen“ (1. Korinther).
Die Grüße des Heiligen Paulus zeigen klar, dass alle Gläubigen zur Heiligkeit berufen sind, es wurde auch deutlich, dass die Gnade des Herrn Jesus Christus und sein rettendes Wirken sie heiligen.
Diese Lehre des Paulus basiert auf der göttlichen Lehre, die in der Heiligen Schrift enthalten ist; jene Lehre, die die Kirche sehr treu bewahrt hat. Hier sind einige Beispiele: im Alten Testament steht Folgendes: „Ihr sollt heilig sein und mir allein dienen, denn ich bin der Herr, euer Gott“ (Levitikus 20:7), „Ihr sollt heilig sein, weil ich heilig bin“ (Levitikus 11:45).
Die Heiligkeit der Gläubigen stammt, gemäß dem Alten Testament, aus der Heiligkeit Gottes, ihres Gottes. Sie müssen ihrem Gott ähnlich sein. Und Seine Beziehung zu ihnen basiert auf Seiner Ehrlichkeit ihnen gegenüber. Der Bund basiert auf folgender Bedingung: „Wenn ihr meine Gebote haltet und meinen Satzungen folgt, will ich euer Gott sein und ihr sollt mein Volk sein." Für jeden, der sich als Gläubiger betrachtet, ist es Pflicht, nach Gottes Geboten und Gesetzen zu leben.
Im Alten Testament bedeutete Heiligkeit, Freiheit von Unreinheit. Handlungen wie: „Reinigt euch, säubert euch, entfernt das Böse eurer Taten…“ sind gleichbedeutend mit der Handlung: „heiligt euch“. Der erste Schritt auf dem Weg zur Heiligkeit ist die Abkehr von den Sünden und ihren Ursachen, sich also von allem, was den Menschen verunreinigt, fernzuhalten. Mit dem Herannahen des neuen Bundes, besonders aber in ihm, nahm der Begriff eine umfassendere und positivere Bedeutung an. Es genügt nicht mehr, sich vom Bösen fernzuhalten; es muss durch das Streben nach Tugend ergänzt werden. Als der Herr Jesus das Gesetz des Moses erfüllt hatte, forderte Er Seine Jünger auf: „Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist“ (Matthäus 5:48).
Nach Heiligkeit zu streben bedeutet, nach Vollkommenheit zu streben. Und sie ist die Berufung jedes Christen. „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig“ (1 Petrus 1:16). „So wie der, der euch berufen hat, heilig ist, sollt auch ihr heilig sein in eurem ganzen Wandel“ (1 Petrus 1:15).
Daher nehmen die Heiligen seit der Gründung der Kirche eine hohe Stellung in ihr ein. Die Heiligen werden verehrt und sind Begleiter der Gläubigen, denn sie sind ein Vorbild und Beispiel für jeden, der Christus liebt und seinem Weg folgt. Die Christen begannen zuerst die Märtyrer zu ehren, denn sie gaben ihr Leben hin und ertrugen das Leiden mit Freude, um ihres Glaubens treu zu bleiben und ihn nicht zu verlassen. Ebenso bemerkten sie die Tugenden, die unter ihnen in jenen Menschen vorhanden waren, die nach diesen Tugenden lebten und sie verkörperten; sie wurden zu einem Leuchtfeuer, das das Leben der Gläubigen erhellte und zu einem Ziel, das sie aufsuchten, um Führung und Rat zu erhalten, die ihnen beim Aufbau eines Lebens christlicher Vollkommenheit, das heißt eines Lebens der Heiligkeit, helfen würden.
Die Heiligen sind Gottes Gefährten und Auserwählte. Wir bewahren ihr Leben, ehren sie, hängen ihre Ikonen in unsere Häuser und Kirchen, bitten sie um Fürsprache; denn sie sind unsere Brüder und Schwestern in der Familie Gottes, seiner Kirche. Weil wir an das ewige Leben glauben und den Tod nicht als Vernichtung, sondern als Übergang und Ruhe in Gott betrachten, beten wir für unsere entschlafenen Angehörigen, genauso wie wir für unsere lebenden Angehörigen beten. Denn alle sind lebendige Glieder in der Kirche Gottes.
Die Beziehung zwischen den Gläubigen und den Heiligen, die vor ihnen da waren, ist die von Mitgliedern einer Familie. So wie die Jungen die Alten um Hilfe bitten und sie nachahmen und ihnen folgen, so ahmt der Christ die Heiligen nach, folgt ihnen und bittet sie um Hilfe. Sie sind ein lebendiges, offenes Evangelium. Ihr Leben ist die praktische Anwendung der Gebote des Evangeliums.
Innerhalb dieser Kirchengemeinde gibt es Heilige, zu denen man sich näher fühlt als zu anderen. Manchmal fühlt man sich zu einem Heiligen hingezogen, weil man in etwas, das man zu Lebzeiten mit ihm gemeinsam hatte, ähnliche Erfahrungen gemacht hat. Dadurch entsteht eine engere Beziehung zu ihm und es entwickelt sich eine besondere Verbindung. Hier ist ein Beispiel dafür, was wir meinen. Eine Person, die eher zum Pessimismus als zum Optimismus neigte, las in der Biografie des Heiligen Seraphim, dass er ebenfalls so war, und er bat oft um Freude, so sehr, dass er während seines Lebens zum „Heiligen der Osterfreude“ wurde. Dieser Gläubige fühlt sich sofort zu diesem Heiligen hingezogen. Eine Frau, die ein moralisch verwerfliches Leben führte und dann zum Glauben geführt wurde, würde sich natürlich von der Geschichte der heiligen Maria von Ägypten angezogen fühlen, deren Leben sich vollständig von einem Leben der Ausschweifung und Unmoral zu Reue und vollkommener Reinheit wandelte.
Deshalb verlangt die Kirche vom Täufling, sich einen Schutzpatron auszusuchen. Wenn ein Mensch zum Priester, Mönch oder zur Nonne geweiht wird, ändert er seinen Namen und wählt einen der Heiligen zu seinem Schutzpatron und geistlichen Freund. Diese persönliche Beziehung zu den Heiligen ist lebendig, gesegnet und lebensspendend. Zwischen beiden entsteht eine tiefe Verbundenheit und der Gläubige erfährt die lebendige Gegenwart des Heiligen in seinem Leben. Er erfährt dessen Hilfe, die Kraft seiner Gebete und seiner Fürsprache.
Ich sage das heute, weil der Metropolitansitz viele Anfragen erhalten hat, wie man einen Schutzpatron für diejenigen auswählen kann, die ihren Schutzpatron bei der Taufe nicht kennen oder denen bei ihrer Taufe weder vom Priester noch von ihren Eltern ein Schutzpatron zugewiesen wurde. Die Antwort ist ganz einfach. Vor dir liegt eine große Anzahl von Heiligen; wähle einen, der dich anspricht oder dir als Vorbild dient. Knüpfe eine persönliche Freundschaft zu ihm, so wie du es mit jedem engen Freund oder Weggefährten tun würdest.
Gedenke seines Namens in deinen Gebeten. Bitte ihn, für dich Fürsprache einzulegen und für dich zu beten. Hol dir seine Ikone für dein eigenes Zimmer. Mit der Zeit werdet ihr seine Gegenwart in eurem Leben spüren. Vergesst nicht, eurem Priester und der Gemeinde, in der ihr getauft wurdet, den Namen des Heiligen, den ihr angenommen habt, mitzuteilen, damit er neben eurem Namen in das Taufregister eingetragen werden kann.
Gott segne euch alle und schenke euch die Gnade in Gottes Familie, der Kirche, zu leben und die Freude des Lebens zu erfahren – in der Gemeinschaft der Lebenden und der Entschlafenen, der Engel, der Heiligen und aller, die nach Heiligkeit streben. So wachsen wir Tag für Tag zu „Gliedern der Familie Gottes“.
Eigene Übersetzung vom arabischen Artikel:
https://www.facebook.com/100067415086863/posts/692405646349932/?mibextid=wwXIfr&rdid=aYXYKbFWpiFjCjkK #
Orthodoxes Kloster der Herrin von Antiochien -Dollendorf-